Gesellschaft | 25.09.2012

Der Preis der Freiheit

Kein Geld, keine Aufträge und bei Sparmassnahmen, die ersten die ihren Job verlieren. Der Beruf der freien Journalisten hat nicht gerade einen guten Ruf. Weswegen es sich dennoch lohnt vor allem als junge Journalistin sich für die Unabhängigkeit zu entscheiden.
Wird das Dasein als freischaffender Journalist in Zukunft noch existenzsichernd sein?
Bild: Hans-Peter Häge/pixelio.de

“Freie Journalistin – Das wäre mir viel zu anstrengend”, sagte kürzlich ein Berufskollege einer Schweizer Lokalzeitung zu mir. Diese Meinung scheint sehr stark verbreitet zu sein. Insbesondere unter jungen Leuten. An einer Tagung in Bern wurde ich letzthin vorgestellt als “ein Beispiel der aussterbenden Spezies freier Journalisten”. Was ist dran an diesen Vorurteilen, dass es kaum mehr freie Journalisten gibt in der Schweiz und dass die Übriggebliebenen um jeden Auftrag kämpfen müssen?

 

Kein einfaches Unterfangen, Zahlen zum freien Journalismus in der Schweiz zu finden. In der Bachelor-Diplomarbeit von Deborah Neufeld kann man nachlesen, dass die Vereinigungen von Medienschaffenden die Zahl freier Journalisten in der Schweiz auf 2’500 schätzen. Leo Coray vom Berufsverband für Journalisten “Impressum” ist der Meinung, dass die Zahl der freien Journalisten über die letzten Jahre konstant geblieben ist, während die Zahl der Festangestellten immer kleiner werde. Solange es aber keine wirkliche, von der Mitgliedschaft in einem Verband unabhängige Erhebung gibt, kann so gut wie nichts gesagt werden darüber, ob wir die Dinosaurier der Journalisten werden.

 

Und davon können sie leben?

“Was sind Sie denn von Beruf?”, fragt mich die Artzgehilfin, die gerade Dokument XY für meine Krankenkasse ausfüllt. Mit der Antwort “freie Journalistin” kann sie nicht wirklich viel anfangen. “Aha. Ja, aber wer ist dann ihr Arbeitgeber?” Als sie dann von meinem durchschnittlichen Einkommen hört, ist sie zuerst schockiert und erst bereit, mir das Dokument zu unterschreiben, nachdem ich noch Adresse und Telefonnummer von meinen Eltern angebe. Das ist es schliesslich, was die meisten davon abhält, freie Journalistin zu werden. Das ungesicherte Einkommen, das Risiko in einem Monat mit viel weniger auskommen zu müssen, als noch im letzten. Für eine Demonstration in Moskau bin ich extra nochmals in die Stadt gereist und habe mein Visum verlängert. Aus Vernunftgründen habe ich mir von einer Sonntagszeitung mehrmals versichern lassen, dass sie ganz bestimmt Interesse an einem Artikel haben. Zwei Tage bevor die Demonstration stattfindet sitze ich also in einem Moskauer Kaffee, als eine E-Mail mich erreicht, dass nun doch kein Platz mehr frei sei für den Artikel, weil der Auslandteil sehr klein und die Welt gerade an anderen Orten stärker brenne als in Moskau. Während ich zuerst noch versuche den Platz in der Zeitung zurück zu erkämpfen, wird mir am Telefon vermittelt, dass das keine Ausnahmesituation sei, sondern immer wieder vorkomme. Dabei ist es die Kombination von freiem und Auslandjournalismus, welches das Ganze zu einem roulette-ähnlichen Spiel macht. Die Zeitungen mit Fokus auf Auslandberichterstattung leisten sich in den meisten Fällen noch immer eine eigene Korrespondentenstelle vor Ort. Steht das Ausland nicht im absoluten Zentrum, bleiben weniger Zeilen für Berichte und nur, was für die grössten Schlagzeilen ausserhalb der Landesgrenze sorgt, findet noch den Weg in die Zeitung. Aus Redaktionssicht sehr verständlich. Für freie Journalisten aber eine grosse Herausforderung.

 

Die Konkurrenz im Gymnasium

Mein konkretes Beispiel lässt sich aber bestimmt nicht auf die Allgemeinheit der Freischaffenden übertragen. In der oben genannten Bachelorarbeit kann auch nachgelesen werden, dass die meisten “Freien” im lokalen tätig sind. Geht es aber um das Einkommen, ist auch dort die Situation mehr als prekär. “Meine Konkurrenz sind Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, die ihren Text der Zeitung auch gratis anbieten würden”, schilderte mir letzthin eine Mit-Vierzigerin ihren Arbeitsalltag als freie Journalistin bei einer Ostschweizer Lokalzeitung. Weil sie auf das Einkommen angewiesen ist, bleibt ihr nicht viel zu sagen, wenn der Chefredaktor immer weniger bereit ist, ihre Arbeit noch “wie früher” zu entlöhnen. Der Lohn der freien Journalisten ist seit Beginn der 90er-Jahre auf dem gleichen Niveau und auch wenn Deborah Neufeld in ihrer Arbeit Schlüsse nur unter Vorbehalte ziehen konnte, so deutet sie ihre Ergebnisse dennoch so, “dass ein Grossteil Freier Journalisten entweder sehr kleine Arbeitspensen hat oder für geleistete journalistische Arbeit sehr wenig verdient.” Der Vergleich zu früher fehlt mir mit meinem halben Jahrzehnt im Journalismus. Von einer Sparmassnahme als freie Journalistin war ich aber selbst schon betroffen. Als die NZZ die Zürcher Landzeitungen bei der Tamedia eingetauscht haben, wurden bei den freien als erstes gespart. Verständlich aus Sicht der Chefredaktion, wenn man möglichst lange keinen Festangestellten entlassen möchte.

 

Wieso die ganze Mühe?

Bleibt also schlussendlich die eine grosse Frage, wieso man sich das “frei sein” den überhaupt antut. Das grosse kaum bezahlbare Plus ist die Flexibilität. Bei einer Festanstellung ist klar vorgeschrieben, wann an welcher Geschichte gearbeitet werden muss. Insbesondere für junge Journalisten, die neben dem Studium arbeiten, ist es mit der Präsenzpflicht an den Universitäten immer schwieriger, als Festangestellte zu arbeiten. Wählen wir uns also die “Freiheit” gar nicht aus, sondern erfordern es die Umstände? Zwei von drei freien Journalisten entscheiden sich freiwillig für das “Frei-Sein”, so die Ergebnisse der Umfrage Debora Neufelds. Aber so lange ich es mir noch irgendwie leisten kann, lohnt sich das Experiment freie Journalistin ohne Zweifel. Denn je älter man wird, umso schwieriger dürfte es werden. Oder wie sollte ich mit 50 Jahren die Arztgehilfin mit der Adresse meiner Eltern beruhigen können?

 

 

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Im Vorfeld der ersten Schweizer Jugendmedientage, die vom 19. bis am 21. Oktober in Zürich stattfinden berichtet Tink.ch über die Medienwelt. Auch dies, wie gewohnt, aus jugendlichem Blickwinkel. Die Texte erscheinen zudem auf www.jugendmedientage.ch/blog. Reinschauen lohnt sich.

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