Kultur | 04.09.2012

Den Idioten gehört die Zukunft

Das Verhalten der Schauspieler vom Luzerner Theater sorgt derzeit für Aufsehen. Grund ist eine Inszenierung nach dem Film von Lars von Trier. Darf man sich in einer gutbürgerlichen Gesellschaft idiotisch verhalten? In jedem von uns steckt doch eigentlich ein innerer Idiot, der von Zeit zu Zeit rausgelassen werden will. Das Luzerner Theater zeigt, wies geht.
Die Schauspieler vom Luzerner Theater führen sich idiotisch auf.
Bild: Luzerner Theater/zvg

Am Luzerner Theater läuft derzeit eine idiotische Aufführung. Das Stück, ein Schauspiel nach dem Film von Lars von Trier, handelt von der Suche nach dem inneren Idioten. Sieben junge Männer und Frauen ziehen sich auf eine Villa in der Nähe von Kopenhagen zurück. Das Ganze mit der Idee, sich völlig auszuleben. “Finde deinen inneren Idioten” lautet das Experiment. Die Gruppenmitglieder nehmen dabei Rollen an und ahmen geistig Behinderte nach. Als solche treten sie an die Öffentlichkeit. Sie besuchen Restaurants und gehen ins Schwimmband, um die Gesellschaft mit ihrem Verhalten zu konfrontieren. Es ist ein Versuch, Gutbürgerlichkeit und eingefahrene Muster der Gesellschaft auf ihre Wahrheit hin zu hinterfragen. Was gehört sich und was ist unangebracht? Was ist richtig und was ist falsch?

 

Ist das noch normal?

Was im wahren Leben die Gesellschaft ist, wird im Luzerner Theater durch die Rolle des Publikums übernommen. Schon beim Betreten des Raumes hat man das Gefühl, sich in eine sehr familiäre Umgebung zu begeben. Es sind nur zwei Reihen Stühle aufgestellt, als Bühne dient ein langgezogener Esstisch. Zu Beginn des Stückes betreten die Schauspieler die Bühne, setzen sich vis-à -vis dem Publikum an den Tisch und beginnen direkt mit den Zuschauern zu reden. Sie stellen sich allen vor, suchen mit den Augen den Blickkontakt des Publikums, erklären ihnen, warum sie sich auf dieses Projekt eingelassen haben. Das Publikum wird fortan mit dem grenzgängigen Verhalten der Gruppe konfrontiert und  wandelt sich dabei zur Gesellschaft, die auf ihre eingefahrenen Verhaltensmuster hin getestet wird. Wie reagieren wir, wenn der helle Wahnsinn ausgebrochen ist? Der Zuschauer ist direkt aufgefordert, kritisch nachzudenken.

 

Liebe Badegäste, Kathrine im Kinderbecken sucht ihre Eltern

Das Stück beginnt mit einem Abendessen in einem vornehmen Restaurant. Anstatt sich den Normen entsprechend zu verhalten, spucken die Gruppenmitglieder ihre Getränke aus und werfen mit Essen umher. Der Kellner scheint dabei wehrlos gegenüber dem Verhalten geistig Behinderter. Danach geht die Gruppe ins Schwimmbad. Sie grölen, tanzen und schreien, pinkeln ins Schwimmbad, kleckern sich selber mit Sonnencrème voll und ziehen sich schliesslich allesamt nackt aus. Sie zwingen die Menschen in ihrem Umfeld, auf ihre Verrücktheit eine Reaktion zu zeigen. So wird eine Dame dazu aufgefordert den Behinderten eine selbstgebastelte Blume abzukaufen. Diese ist allerdings kaputt. Eine schwierige Situation: Die Dame weiss nicht so recht, ob sie sich wehren darf.

 

Zentrale Figur in der Gruppe ist Stoffer. Er spornt die Gruppe dazu an, der Verrücktheit keine Grenzen zu setzen. Idiot sein wird zur Ideologie, denn dem Idiot, so meint er, gehört die Zukunft. Der Idiot, so Stoffer, ist reinen Herzens. Durch seinen Zweifel am Mut der anderen Teilnehmer, bringt er sie schliesslich dazu, das Ganze in ihrem vertrauten Umfeld, zuhause bei den Eltern oder an der Arbeit, weiterzuführen.

 

Sich keine Illusionen machen

Immer wieder wird versucht, die Zuschauer mit der Realität zu konfrontieren. Spätestens beim Betreten eines Jungen, der tatsächlich schwerbehindert ist, wird die Illusion der Theaterwelt zerbrochen. Warum lachen wir, wenn sich jemand auszieht, aber werden ganz ernst, wenn ein Schwerbehinderter vor uns steht?

 

Wie und weshalb wir so reagieren, ist uns manchmal nicht ganz klar. Dies versucht Regisseur Krzysztof Minkowski in seiner Inszenierung vor Augen zu führen. Einerseits schafft das Theater eine gewisse Distanz, durch welche wir in der Lage sind, uns kritischer mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Andererseits versucht das Stück die aufgebaute Distanz abzutragen, um den Zuschauer näher mit der Realität konfrontieren zu können. In dieser Auseinandersetzung soll dann das gesellschaftliche Verhalten in Frage gestellt werden. Schliesslich ist dieses manchmal auch idiotisch.

Links