Kultur | 17.09.2012

50er-Jahre: ein Lebensgefühl

Text von Flavia von Gunten | Bilder von Yvan Jost
Das US-Car-Meeting in Volketswil - ein Treffpunkt für Fans der 50er-Jahre. Wir waren unterwegs mit zwei jungen Besuchern, die dem rebellischen Charme dieser Zeit verfallen sind. Ein Schnuppertag in einer anderen Welt.
Das Automobil als zentrale Identifikation der 50er Kultur. Eingefleischte 50er Fans: Rebecca Djuric und Janosch Baer.
Bild: Yvan Jost

“Der ist es!” Zielstrebig marschiert Rebecca Djuric auf einen hellblauen Ford zu. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Besitzer des Fahrzeuges Andy Abt haben wir das Auto für unsere Reportagebilder bereits gefunden. Begeistert erzählt mir Djuric von ihrer Leidenschaft, den 50er-Jahren. Vor drei Jahren sei sie von einer Kollegin an ein Konzert von “The Baseballs” eingeladen worden. Seither sei sie von der Musik und der Mode der 50er-Jahre begeistert.

 

Djuric ist mit Leib und Seele eine Rockabella. So nennen sich die weiblichen Anhänger der 50er Kultur. Das fängt bei der Einrichtung der Wohnung an, geht über den Musikstil bis hin zur Kleidung. Meistens trage sie ein Kleid im 50er Stile. Bei ihrer Arbeit als Kleinkindererzieherin sei dies allerdings unpraktisch. Der bauschige Unterrock komme in die Quere und Nylonstrümpfe seien anfällig auf Laufmaschen. Aber eigentlich fühle sie sich in den weiten Röcken viel wohler, da “sie so schön kaschieren.”

 

Familiäre Beeinflussung

Neben uns stehen zwei ältere Herren bei einer Jukebox und führen eine angeregte Diskussion. So eine hätte Djuric gerne in ihrem Wohnzimmer stehen, verrät sie mir. Aus finanziellen Gründen befinde sich dort bis jetzt aber nur ein Plattenspieler. Die 18-jährige betont, es sei nicht einfach eine Wohnung im Stile der 50er-Jahre einzurichten. Auf dem Flohmarkt finde man zwar die passenden Möbel und Accessoires. Die Preise seien für sie aber deutlich zu hoch.

 

Plötzlich übertönen Motorengeheul und quietschende Autoreifen unser Gespräch. Gespannt richten wir unsere Blicke in Richtung Strasse. Zwischen Qualm und vielen Zuschauern hindurch erkennt man Fahrer, welche die Bremskünste ihrer Autos unter Beweis stellen. Wir gehen weiter und begegnen Janosch Baer, den Djuric durch ihre Leidenschaft zu den 50er kennen gelernt hat. Dem 17-jährigen sei das 50er-Jahre-Gen bereits in die Wiege gelegt worden. Schon seine Eltern hörten fast ausschliesslich diese Musik. “Als Kind hast du kein Geld um Musik zu kaufen. Da hörst du die CDs deiner Eltern.” Seine musikalische Vergangenheit beeinflusste ihn dermassen, dass er 2009 zur Rock’n’roll Band The Fires stiess. Mit seinen zwei Bandkollegen probe er seitdem vier Mal pro Woche.

 

Stilgerechte Kleidung

Gerade verteilt eine gross gewachsene Frau tolle Visitenkarten ihres Kleidergeschäfts. Begeistert studiert Djuric das Kärtchen. Als Frau sei es nicht immer einfach, sich im 50er-Jahr-Stil zu kleiden. Die Röcke seien in den gängigen Kleidergeschäften nicht erhältlich. Deshalb bleibe ihr nichts anderes übrig, als in Boutiquen einkaufen zu gehen. “Oder ich nähe sie selber.” Baer ergänzt, dass es Männer in dieser Beziehung bedeutend einfacher hätten. Mit einem Karohemd, Converse und der passenden Frisur trage man schon ein akzeptables 50er-Outfit.

Wir schlendern weiter durch unzählige Verkaufsstände auf dem Gelände. Verkauft wird alles, was das Herz eines 50er Fans begehrt: Blechschilder, Tassen, Regenschirme, Schlüsselanhänger. Das Meiste bedruckt mit Köpfen von Monroe, Elvis und andern Stilikonen dieser Zeit.

 

Steigerungspotential in der Schweiz

Den Einstieg in die Szene zu finden sei gar nicht mal so einfach. Die Anhänger seien quer durch die ganze Schweiz verstreut. In anderen Ländern, zum Beispiel in Deutschland oder Finnland, sei der Lebensstil lebendiger als bei uns in der Schweiz. US-Car-Meetings, wie dieses in Volketswil, seien deshalb eine ideale Gelegenheit, gleichgesinnte Personen kennen zu lernen. “Leider gibt es sie nur selten und die Zeit vergeht dann wie im Fluge”, so Djuric.

Langsam leert sich der Parkplatz. Die Schausteller fahren ihre Prunkstücke zurück nach Hause. Im Grillzelt hängt einzig noch ein grosses Plakat mit dem Datum der nächstjährigen Austragung des US-Car-Meetings. Djuric und Baer sind sich einig: “Nächstes Jahr werden wir wieder nach Volketswil kommen.”

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