Gesellschaft | 28.08.2012

Wer hört sich noch die Musik an?

Seit den Backstreet Boys und den Spicegirls hat ein Grundsatz der Popmusik jeden Trend überlebt: "Sex sells". Zwar scheinen sich die bekanntesten Akteure der Branche nicht erst seit Lady Gaga als schrille und schräge Gestalten zu inszenieren. Doch die ständige Übersexualisierung, die heute herrscht, ist zum Gähnen.

Spätestens seit dem Durchbruch von Lady Gaga ist bewiesen, dass der öffentliche Rummel um die Person viele Lücken im musikalischen Talent zu schliessen vermag. So gibt Stefani Germanotta, wie sie mit richtigem Namen heisst, Pressekonferenzen in Latexkostümen und provoziert Diskussionen um ihre angebliche Transsexualität, nur um sich dann wiederum zu weigern, Fragen dazu zu beantworten. Solch ein Katz-und-Maus-Spiel ist für die heutigen Künstler überlebenswichtig. Denn auch schlechte Nachrichten sind Nachrichten. Besonders die Popmusikbranche ist übersexualisiert und übermedialisiert.

 

Hauptsache primitiv

In der Schweizer Hitparade landete die US-Rapperin Nicki Minaj mit „Starships“ den Sommerhit des Jahres und ist nun schon seit 25 Wochen in den Charts. Der Sexismus wird von ihr ziemlich auf die Spitze getrieben. Schrill und freizügig zeigt sie sich in ihren Musikvideos. Vergangene Woche sagte sie in einem Interview mit MTV News: „Die Fans sind diejenigen, die mich dahin gebracht haben, wo ich heute bin.“ Nimmt man allerdings die aktuellen Hits der Rapperin unter die Lupe, kommen grosse Zweifel auf, ob die Fangemeinde sich mit den Texten überhaupt auseinandersetzt. Über zwanzig Mal etwa beschimpft Minaj eine Nebenbuhlerin als „Stupid Hoe“ im gleichnamigen Song (zu Deutsch „dumme Hure“). Oder im Song „Beez in the trap“, welchen sie mit dem Rapper 2Chainz aufgenommen hat, provoziert sie mit Aussagen wie „A hundred motherfuckers ain’t tell me nothing“ – eine Übersetzung erübrigt sich an dieser Stelle. Der dazugehörige Clip zeigt jedenfalls nicht mehr als halb nackte Frauen, die ihre Hüften kreisen lassen. Mittendrin wiederum Nicki Minaj, nicht zu übersehen mit grün gefärbten Haaren und natürlich bekleidet mit nichts als einem Bikini.

 

Im Gebrauch mit Fluchwörtern beweist Minaj kein Fingerspitzengefühl, Worte wie „Bitch“ und „Motherfucker“ gehören zum gängigen Repertoire. Im Sommerhit „Starships“ ächzt sie mit elektronisch verzerrter Stimme ins Mikrofon: „We’re higher than a motherfucker“, fernab von jedem Bezug zum eigentlichen Songtext. Ebenfalls zweifelhafte Songtexte machen die R’n’B-Sängerin Rihanna derzeit zum Gespött der Internetcommunity. Auf dem Comedy-Portal 9gag.com amüsieren sich User etwa, wie Rihanna in einem Interview mit Associated Press sagte: „Ich musste die Aufnahmen zu meinem Album mehrmals unterbrechen, da die Texte mich zu Tränen rührten.“ Ob wohl Songs wie „SM“, in welchem es um Sexphantasien geht („Sticks and stones may break my bones“), auch gemeint waren?

 

Ist Fluchen in, Musik out?

Mehr scheinen seit jeher Künstler aus der Indie- und Alternativ-Szene zu versprechen. Indie, eine Abkürzung für Independent, beschreibt eine Musikszene, die möglichst unabhängig von Musikriesen wie Warner Brothers oder Sony Music agiert. Tiefgründige und nachdenkliche Texte brachten zum Beispiel der Britin Adele, welche seit Beginn ihrer Karriere nur mit dem Londoner Indie-Label XL zusammenarbeitet, international viele Plattenauszeichnungen ein. Solche Künstler jedoch – vorwiegend tätig in der Rock- und Popszene – sind vor allem auf den vorderen Chartplatzierungen die Ausnahme.

 

Auf den Toprängen in der Mehrheit sind gekünstelte und konstruierte Figuren, die offensichtlich nur dafür zuständig sind, das Produkt beim Käufer zu platzieren. Das ist langweilig und durchschaubar. Trotzdem sehen viele Jugendliche in jenen Popmusikern Vorbilder und Idole, welche Erfolg haben, hier gemessen an der Single-Hitparade. Im Fall von Rihanna und Co. heisst das Erfolgsrezept immer noch „Sex sells“. Wenn doch nur wieder mehr ernsthafte und authentische Musikerinnen und Musiker in den Pop-Charts vertreten wären! Dann hiesse das nämlich, jemand hört sich tatsächlich die Musik an.