Gesellschaft | 15.08.2012

Wenn die Hauptsache zur Nebensache wird

Die Idee ist so simpel, wie erfolgreich. Festivalbesucher spenden das Depot ihres Mehrwegbechers für ein Trinkwasserprojekt. Deshalb werden die Becher an verschiedenen Festivals eingesammelt. Am vergangenen Wochenende fand in Basel das Festival von Viva Con Agua Schweiz statt.
Die Lovebugs und Viva Con Agua waren schon immer ein gutes Team. Viva Con Agua-Präsidentin Danielle Bürgin ist zufrieden mit dem diesjährigen Festival.
Bild: Oliver Hochstrasser

Spenden muss einfach sein. Diese Überlegung stand am Anfang der Sammelidee von Viva Con Agua. “Bei uns ist Spenden unverbindlich. Die Leute müssen nirgendwo unterschreiben, sie müssen noch nicht einmal das Portemonnaie hervorkramen und nach Münzen suchen”, erklärt Danielle Bürgin, Präsidentin von Viva Con Agua Schweiz. Steter Tropfen höhlt den Stein. Das Sprichwort gilt auch und insbesondere für die Becherspenden von Viva Con Agua. Anstatt ihre Mehrwegbecher zurückzubringen und das bezahlte Depot zurückzuerhalten, werden Festivalbesucher gebeten, dieses zu spenden. Viva Con Agua sammelt die Becher und kann die zwei Franken Depot als Spende verbuchen. Knapp 20’000 dieser Becher sind in der laufenden Festivalsaison schon zusammengekommen. Mit dem Geld werden Trinkwasserprojekte, etwa in Ostafrika, finanziert. So baut die Entwicklungsorganisation Helvetas derzeit in Mozambique Brunnen mit dem Geld aus Schweizer Bierbechern.

 

Selbstvermarktung in Basel

Die erst seit vier Jahren in der Schweiz tätige Organisation ist mittlerweile Charity-Partner an diversen grossen Festivals. Am Berner Gurten-Festival oder am Zürich Openair kommen so tausende Franken in kleinsten Beträgen zusammen. Am vergangenen Wochenende fand in Basel das Viva Con Agua-Festival statt. Für einmal war Viva Con Agua nicht nur Partner, sondern stand gleich selber im Zentrum des Festivals.

 

Der Anlass in Basel hatte aber primär einen anderen Zweck als das Sammeln von Bechern. “Es geht auch darum, sich zu präsentieren, neue Kontakte zu knüpfen”, erklärt Danielle Bürgin. “Vor einem Jahr hat sich nach dem Festival eine ganze Schulklasse bei uns gemeldet, die dann mit eigenen Sammelideen für uns unterwegs war. Es melden sich aber auch Einzelpersonen, die nach dem Festival gerne bei uns mitarbeiten würden. Die sind natürlich auch willkommen.”

 

Etwas zurückgeben

Die Halb-Madagassin Bürgin möchte mit ihrem Engagement auch etwas zurückgeben. Wie alle anderen Mitarbeitenden von Viva Con Agua arbeitet sie ehrenamtlich. Nur rund zehn Prozent der Spenden werden bei Viva Con Agua für Verwaltungsaufwand abgezogen. Und als Musikchefin bei Basler Radio Basilisk kann Bürgin persönliche Beziehungen spielen lassen. Etwa zu den verschiedenen Bands, die in Basel jedes Jahr auftreten. Im letzten Jahr gaben sich Wir sind Helden die Ehre, in diesem Jahr war die britische Zukunftshoffnung We Have Band vor Ort. Und als Special Guest traten unangekündigt die Lovebugs zu einem Heimspiel an. Für die Zuschauenden ist das Ganze gratis. “Wenn Danielle das organisiert, wissen wir einfach, dass es gut ist, da engagieren wir uns gerne”, sagte Sänger Adrian Sieber nach seinem Auftritt.

 

Wenngleich sich die meisten Besucher eher wegen der Musik denn wegen der Sache  aufs Kasernenareal haben locken lassen: Die Veranstalter sind zufrieden. “An einem Charity-Dinner der High-Society erscheinen die Leute auch in erster Linie, um neben dem Herrn Bankdirektor zu sitzen. Und so lassen auch wir unsere Beziehungen für einen guten Zweck spielen. Es wäre illusorisch zu denken, dass man so viele Leute alleine der Sache wegen zum Kommen motivieren kann”, erklärt die sichtlich zufriedene Viva Con Agua-Präsidentin Bürgin im Laufe des Abends.

 

Hauptsache Nebensache

Damit spricht sie das Erfolgsgeheimnis von Viva Con Agua an. Becherspenden funktionieren gerade weil sie nebensächlich sind. “60 Prozent der Besucher spenden heute bereits ohne gebeten zu werden. Einfach, weil sie wissen, dass es eine gute Sache ist”, so Bürgin weiter.

 

Am Anfang der Idee stand ein Trainingslager. Benjamin Adrion, der damals 24-jährige Mittelfeldspieler des FC St. Pauli bereitete sich mit seiner Mannschaft in Kuba auf die zweite Saisonhälfte vor. Dort erlebte er die schwierige Situation der Trinkwasserversorgung und rief daraufhin ein Projekt ins Leben, dass heute in allen grösseren deutschen Städten, in Spanien und in der Schweiz aktiv ist. Und noch heute ist Viva Con Agua eng mit dem Fussballverein verknüpft. Als der Fanclub 18auf12 im Jahr 2010 eine CD einspielte (der Titelsong hiess “Happy Birthday St. Pauli – Onehundred Beers for You”), um das hundertjährige Bestehen des Clubs zu feiern, beschlossen die Verantwortlichen, 20 Prozent aus dem CD-Verkauf an Viva con Agua zu spenden.

 

Und so war Spenden bei Viva Con Agua eben schon immer einfach und nebensächlich. Und gerade deshalb so erfolgreich. Natürlich ist es eigentlich Hauptsache, dass streiten auch die Veranstalter des Viva Con Agua-Festivals nicht ab. Aber diese Hauptsache ist eben doch irgendwie nebensächlich.

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