Gesellschaft | 21.08.2012

Über falsche Fragen und richtige Antworten

Text von Veronika Henschel | Bilder von Katharina Good
Bald ist es ein Jahr her, dass ein Couvert mit dem dicken Papierstapel bestehend aus Bewerbungsunterlagen bei der Gemeinde auf dem Schreibtisch landete. Unzählige Mails und Formulare sind inzwischen ausgetauscht worden. Im fünften Teil der Serie "Ich lasse mich einbürgern" wird über die Begegnung mit dem Einbürgerungsrat berichtet.
An einem sehr sehr langen Tisch nehmen die Migrantinnen und Migranten Platz und erzählen über ihre Heimat. Die Frage ist nur: Über welche?
Bild: Katharina Good

Nachdem ich endlich einen Termin bei der Einbürgerungskommission bekommen hatte, stellte ich mir nächtelang vor, wie das Gespräch ablaufen könnte. Vom Kaffeeklatsch  über Bewerbungsgespräch bis hin zum strikten Verhör tischte meine Fantasie alles auf. Doch wie so oft war die Realität anders als jeder Traum.

 

Der lange Tisch

Wenn an einer offenen Tür ein Schild hängt, man solle den Hintereingang benutzen, dann tut man dies als gewissenhafte Schweizerin auch. Der Hintereingang ist jedoch abgeschlossen. Also doch durch die offene Tür, die Treppe hoch und hinein in einen mittelgrossen Raum. Sechzehn Augen richten sich auf mich. Zwei laufen mir entgegen: “Guten Abend, Sie dürfen sich setzen.” Der Gemeindepräsident weist auf einen einsamen Stuhl am Ende des Tisches. Am Ende eines sehr sehr langen Tisches. Auf der anderen Seite kann ich gerade noch so die sieben anderen Gestalten erkennen. Ich begebe mich auf die obligatorische Handschüttelrunde und versuche krampfhaft, mir alle Namen zu merken. Dann falle ich erschöpft auf meinen Stuhl. Zum Glück steht er so weit weg, von ihrem Sitzplatz aus können die Kommissionsmitglieder meine Augenringe und Schweissperlen sicher nicht mehr so genau sehen.

 

Fragen über Fragen

Ich solle doch ein bisschen von mir erzählen, meint der Präsident. Also spule ich die ganze Leier ab, wie an einem Familienfest oder am ersten Schultag: Wer ich bin, was ich mache, was ich gemacht habe und was ich machen werde. Mein einwandfreies Schweizerdeutsch scheint die meisten zu überraschen. Ob ich mit meinen Eltern auch so sprechen würde. Natürlich nicht! Wer spricht mit seinen Eltern schon eine Fremdsprache? Bald finde ich mich in einem ganzen Fragenkatalog wieder: Ob ich viele ausländische Freunde hätte ob ich meine Nachbarn kennen würde, wie viele Einwohner die Gemeinde hat und wer die bekannteste Persönlichkeit davon ist (Raten will geübt sein). Ausserdem wollen sie wissen, welche Zeitung ich lese, ob ich in einem Verein bin, wie man Bundesrat wird und ob ich dieses Ziel vor Augen hätte. Fast schon fühle ich mich durch diese Frage geschmeichelt. Zeit dazu wird mir aber nicht gelassen, es geht weiter wie am Schnürchen: Was weisst du über die Gegend, in der du eingebürgert werden willst? Totales Blackout. Und über die Gemeinde? Nicht viel. Warst du in deinem Heimatland politisch aktiv? “Klar, im Alter von neun Jahren”, denke ich und kann den Rat nur verwirrt anstarren. Meinen die das ernst? Nach einer gefühlten Minute Stille bemerkt das Ratsmitglied die Absurdität seiner Frage. Verlegenes Lachen folgt, dann geht es weiter in der Frageliste.

 

Die Schweizermacher

Bei der Politik bleiben wir hängen. Ich solle mein Heimatland aus der politischen Perspektive betrachten. Für mich ist klar, dass die Schweiz gemeint ist, mein Heimatland. Immerhin wohne ich seit über zehn Jahren hier, gut die Hälfte meines Lebens. Der Fragesteller bezieht sich aber auf Deutschland. Also betrachte ich Deutschland aus der politischen Perspektive. Und lobe die sieben Bundesräte hoch über die Bundeskanzlerin. Weshalb ich mich denn einbürgern lassen wolle, ist die nächste Frage. Ich wiederhole, was ich vorher schon auf Formulare und in Motivationsschreiben gekritzelt habe: Ich möchte die Welt, in der ich lebe, mitgestalten können. Beispielsweise durch Abstimmen. Ein bis anhin ruhiger Sitzungsteilnehmer erkundigt sich scheinbar beiläufig nach meiner politischen Einstellung. Plötzlich ist es totenstill. Szenen aus dem Film “Die Schweizermacher” flackern durch meinen Kopf. Ich muss ein bisschen lächeln und sage, was ich denke: Dass dies eine gemeine Frage für solch ein Gespräch sei. Trotzdem wird nicht locker gelassen: “Du musst dich doch nicht dafür schämen”, meint eine Frau. Natürlich schäme ich mich nicht für meine politische Einstellung, aber was tut sie zur Sache?

 

Ich weiss nun, wer du bist

Nachdem ich mein Wissen über das politische System der Schweiz, den Aufbau einer Gemeinde und die Kantonshauptstadt ausgebreitet habe, folgt die letzte Frage: Werde ich den Deutschen Pass behalten? Ehrlich antworte ich mit “Ja” – einen EU-Pass gibt man nicht freiwillig ab. Verständnis und Abscheu ist in den Gesichtern der Kommission zu lesen – auch über den sehr sehr langen Tisch hinweg. Dann darf ich gehen, sie wissen jetzt, wer ich bin. Zwanzig Minuten hat das Ganze gedauert. So lange braucht man also, um mich kennenzulernen. Bei der Handschüttelrunde krame ich die Namen aus den Tiefen meines Kurzzeitgedächtnisses hervor und hoffe, jeweils die richtige Person zu erwischen. Süffisant lächelnde sechzehn Augen geleiten mich hinaus. Und ich weiss: Bei jedem der Anwesenden bin ich in einer Schublade versenkt worden, aus der ich wohl nie wieder auftauchen werde. Bleibt nur zu hoffen, dass in der Schublade auch ein blaues Kärtchen und ein roter Pass mit drinstecken.

 

 

Zur Autorin


Veronika Henschel ist zwanzig Jahre alt. Sie lebt und studiert in Basel. Als Kind deutscher Eltern ist sie mit neun Jahren in die Schweiz gezogen. In der Ostschweiz zur Schule gegangen, spricht sie zwar breitesten Toggenburger Dialekt, hatte aber bis anhin nicht die Schweizerische Staatsbürgerschaft inne. Auf Tink.ch berichtet sie in einer losen Serie von ihren Erfahrungen im Umgang mit den Behörden, der Schweiz und mit sich selber. Dies ist der fünfte Teil dieser Serie.