Kultur | 13.08.2012

Spirit of Burgas legt Wert auf die Tradition

Das grösste Musik Openairfestival Bulgariens findet direkt am Schwarzen Meer statt. Am Spirit of Burgas spielten letzte Woche neben nationalen Bands auch internationale Künstler wie The Prodigy oder Korn. Unterschiede zur schweizerischen Openair-Kultur kamen zutage.
Die Hauptbühne mit Blick auf das Schwarze Meer.
Bild: Eva Hirschi Die bulgarische Band Django Ze ist anspruchsvoller geworden.

Der Vollmond spiegelt sich rechts von der Hauptbühne im Schwarzen Meer. Es ist Samstagabend, das Festivalgelände ist gut gefüllt. Zum fünften Mal findet das Spirit of Burgas Festival statt und gehört inzwischen zum beliebtesten Musikfestival Bulgariens. Sogar aus der über 400 Kilometer entfernten Hauptstadt Sofia reisen Musikfans an dieses Festival. Vom Kleinkind auf den Schultern einer tätowierten Mutter bis hin zu modisch gekleideten Jugendlichen über Opas in Lederjacken: das Publikum ist wild durchmischt.

 

Fünf Bühnen zeugen von der musikalischen Vielfalt. In der Jack Daniel’s Rock Arena treten, wie es der Name schon sagt, Rock- und Metalbands auf. Auf der Solar Dance Bühne hingegen bringen bekannte DJs die Besucher zum Tanzen. Unterschiedliche Musikstile teilen sich die Freestyle-Bühne, auf der BraZZoBraZZie Bühne gibt es Jazz und Blues zu hören.

 

Die einen entzücken die Fans, die anderen vergessen sie

Am Freitag sind vor allem die einheimischen Bands wie Django Ze und Ostava ein Highlight für so manchen Bulgaren. Gerade Django Ze interagiern gut mit dem Publikum und machen viele Witze. Ihr Hit “Verrückte, verrückte Frösche” (“Луди, луди жаби”) fehlt auch an diesem Konzert nicht. Dennoch scheint sich die Band von der kommerziellen Musik zu lösen und schreibt nun nicht mehr Lieder für die Masse, sondern für Musiker. Der Frontsänger war zudem einige Zeit in London, um zu arbeiten und sich sein Leben zu verdienen, kehrte dann aber zurück zur Band. “Die Musik ist das wichtigste in meinem Leben”, erzählte er dem Publikum. Unterdessen bringt auf einer anderen Bühne die Alternativ-Rock-Band Ostava die Leute zum Tanzen; ihr Musikstil erinnert an die virtuosen Muse.

 

Eine Enttäuschung ist der Auftritt der kanadische Punkband Sum 41 am Samstagabend. Sie scheinen ihre Lieder mechanisch runter zu leiern, von Emotionen keine Spur. Selbst als Frontsänger Deryck Whibley vier Fans auf die Bühne holen lässt, wird die Stimmung nicht besser. Die Auserwählten, die anfangs vor Freude auf und ab springen, merken bald, dass sie lediglich zur Dekoration dienen – in eine Ecke gedrängt und von der Band komplett ignoriert. Nach einigen Liedern langweilen sie sich und beginnen stattdessen, sich gegenseitig mit ihren Handykameras in verschiedenen Posen auf der Bühne zu fotografieren.

 

Drumsticks für alle

Das Gegenteil beweist The Prodigy, die nach 2010 dieses Jahr schon zum zweiten Mal am Spirit of Burgas auftreten: Ein Konzert mit Herzblut. Das Publikum tut es ihnen gleich und so wird wie wild getanzt, gesprungen und geschrien. Die englische Band interagiert mit dem Publikum und versetzt es nicht nur mit den “Hey Bulgaria!”-Schreien in Euphorie. Auf einmal steigt Keith Flint die Bühne runter und schnappt sich kurzerhand eine Fahne aus dem Publikum. Sie zeigt die bulgarische Flagge mit der Aufschrift des Bandnamens. Zuerst als Umhang benutzt, hängt der Sänger die Fahne später über die Boxen, wo sie bis zum Rest des Konzertes bleibt.

 

Am Sonntag sorgen Chase & Status für gute Stimmung und ausgelassenes Getanze. Das britische Electronica-Duo verfügt nicht nur über gute Musik, sondern auch über vielfältige, bunte Videoclips und Projektionen. Der letzte grosse Headliner ist Korn. Die amerikanische Nu-Metal Band gibt sich eher zurückhaltend und die Fans geniessen vor allem die Musik. Am Schluss des Konzertes verteilt der Schlagzeuger Ray Luzier gleich ganzes Bündel Drumsticks ans Publikum. Auch Gitarrist James Shaffer macht aus den begehrten Sammlerstücken einen fast schon normalen Gebrauchsgegenstand und wirft an die 30 Plektrums in die Menge. Sind das überhaupt noch Sammlerstücke?

 

Bewusster geniessen?

Nicht nur in der Anzahl Bühnen unterscheidet sich das Spirit of Burgas Festival von Schweizer Openairs. Während man bei uns auf dem Weg zur Bühne an unzähligen Essens-, Unterhaltungs- und Einkaufsständen vorbei geht, sind in Bulgarien die Sponsoren lediglich im Namen einiger Bühnen vertreten und haben ein kleines Zelt mit Werbematerial. Einkaufen kann man neben dem Merchandising für die Musiker praktisch nichts. Essensstände gibt es auf dem ganzen Festivalgelände nur zwei, zudem bieten diese (mit Ausnahme von Pommes Frites) nur lokale Speisen an. Hier geht es nicht um Globalisierung, sondern um Loyalität zur eigenen Küche – auch dies macht dieses Festival authentischer und weniger kommerziell.

 

Und überhaupt: Hier scheinen die Besucherinnen und Besucher viel weniger alkoholisiert zu sein als an den grossen Schweizer Openairs, ja das Festival bewusster zu geniessen. Wobei der Schein trügen kann, denn in der Pressezone gibt es neben kleinen Häppchen für die Journalisten auch Alkohol umsonst. Flaschen mit Vodka, Gin und Wein zieren die Tische, jeder kann zugreifen. Ein lokaler Journalist der nationalen Zeitung 24 Tschasa (24 Stunden) muss lachen, als ich ihm mein Erstaunen erkläre. “Das ist hier Tradition”, meint er augenzwinkernd.