Gesellschaft | 21.08.2012

Nie endender Streit um die Goldmedaille

Text von Chiara Nauer | Bilder von Chiara Nauer
Die schönste Stadt der Schweiz ist ein Thema, bei dem sich die Bevölkerung nie einig sein wird. Trotzdem werden immer wieder Umfragen gestartet, ausgewertet und publiziert. Und wenn wir schon dabei sind: Welche Stadt würdest du wählen?
Bern aus dem Blickwinkel des beliebtesten Freibads der Stadt: Das Marzili. Die grösste Schweizer Stadt am Bodensee ist Kreuzlingen. Sie überzeugt durch eine wunderschöne Landschaft. Da wird eine Wahl bereits schwierig.
Bild: Chiara Nauer

Ein Umzug in eine Stadt, aus welchen Gründen auch immer, kann Vorteile wie Nachteile mit sich bringen. Zum Einen verlässt du vielleicht deine Heimat, wirst das Gewohnte vermissen und freust dich doch auf Neues, auf Aufregendes. Schon nach einer kurzen Zeit lernst du neue Bekannte kennen und wirst von ihnen zu deiner ersten Party in der neuen Heimat eingeladen. An der Feier selber bist du offen, redest mit vielen verschiedenen Leuten und doch landet ihr immer beim selben Thema: „Woher kommst du? Was, aus Bern? Wie langweilig! Gut, dass du dich jetzt für Basel entschieden hast!“. Nun ist der Moment gekommen, in dem du beschämt den Kopf zu Boden richtest und leer schluckst oder einmal tief einatmest, bevor gute Gegenargumente aus deinem Mund sprudeln.

 

Wie wird „schön“ definiert?

Es ist immer dieselbe Diskussion mit dem immer gleichen Ende. Nämlich, dass beide Parteien zu keinem gemeinsamen Schluss kommen. Der Lokalstolz sitzt tief in den Knochen, auch wenn man sich dessen nicht immer bewusst ist. Jedenfalls, bis man in eine wie oben beschriebene Situation gerät. Man fühlt sich plötzlich persönlich angegriffen. Da muss man sich ja wehren!

 

Und dann soll man sich in regelmässigen Umfragen auch noch für die schönste Stadt der Schweiz entscheiden. Vielleicht die, aus der ich selbst stamme? Vielleicht die, in der ich zuletzt im Urlaub war? Da gab es leckeres Eis. Aber halt! Wie soll ich mich denn eigentlich entscheiden, wenn ich nicht einmal genau weiss, wie die Definition von schön lautet? Schön im Sinne von was? Der Landschaft? Der Architektur? Der bildhübschen Menschen? Der Einkaufsmöglichkeiten? Oder der Anzahl der Kühe, welche die rosarotesten Euter der Schweiz besitzen und rundherum muhen?

 

Lokalpatrioten

„Welches ist die schönste Stadt der Schweiz? Bitte auf www.schoenste-stadt.ch bis Mai 2013 abstimmen und gewinnen.“ Wieso die Abstimmung durchgeführt wird, steht nirgends. Das Ganze wird von der Firma AZ Direct AG durchgeführt, welche im Marketingbereich tätig sind. Was die genau mit der Schönheit unserer Städte am Hut haben, bleibt ein Rätsel. Hauptsache es gibt einen Gewinner, dessen Stadtpräsident nach der Bekanntgabe mit seinem grössten Lächeln und ein paar Worten in irgendeiner Zeitung zu sehen sein wird.

 

Wie zum Beispiel Alexander Tschäppät der stolz im Sonntagsblick erzählt, dass die Berner ihre Hausaufgaben gemacht haben, nachdem er erfahren hat, dass Bern die beliebteste Stadt der Schweiz ist. Und das zum zweiten Mal. Schon im Jahr 2003 hat Isopublic, ein Meinungsforschungs-Institut, in der Deutsch- und Westschweiz eine Umfrage gestartet, bei der Bern Platz eins belegte.

 

Doch was genau hat die Schweizerische Bevölkerung nun von diesem Resultat? Sind die Berner davon schöner geworden? Und wieso hat sich diese Frage überhaupt im gesellschaftlichen Diskurs etabliert? Sollte man sie vielleicht einfach wieder daraus streichen? Denn das Einzige was in dieser Diskussion klar scheint: Die Schweiz hat 26 Kantone und über 2900 Städte. Der Lokalstolz ist weit verbreitet und der Kantönligeist sowieso.