Gesellschaft | 07.08.2012

Nachfüllen anstatt in den Mülleimer

Text von Nadine Küng | Bilder von Nadine Küng
Unnötigem Verpackungsabfall den Garaus machen und die Gewohnheiten unserer Konsumgesellschaft ändern. So lautet die Vision der Gründer von Refiller, einer jungen Nichtregierungsorganisation. Um ihr Ziel zu erreichen, haben sie in nur einem Jahr ein schweizweites Botschafter-Netzwerk aufgebaut und den ersten «Refiller-friendly«-Takeaway eröffnet.
Auffüllen statt wegwerfen lautet die Devise.
Bild: Nadine Küng

1,4 Millionen Tonnen Verpackungsmaterial werfen die Schweizer jedes Jahr in den Mülleimer. Alles in allem füllen unsere Verpackungen jährlich 100’000 Müll-Lastwagen. Wer das nicht glaubt, braucht bloss einmal auf all die Tüten, Tuben und Tetra-Packs in seinem Abfallsack zu schauen. Um Abhilfe zu schaffen, haben João Almeida und Stefanie Derungs vor einem Jahr Refiller gegründet. Die Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Bern hat sich zum Ziel gesetzt, unnötigen Verpackungsabfall zu reduzieren.

 

“Vorerst liegt unser Fokus auf den Einweg-Verpackungen im Take Away Bereich. In Zukunft wollen wir die Idee auf alle Verpackungsarten erweitern”, erklärt Stefanie. Refiller fordert beispielsweise dazu auf, aus nachfüllbaren Behältern zu trinken. Weil es so nicht jeden Tag einen neuen Pappbecher für den Kaffee und eine neue Flasche für das Wasser brauche, komme das Nachfüllen erst noch billiger. Seit zwei Monaten gibt es den ersten “Refiller-friendly”-Takeaway. Er heisst Prima Luna, steht in Bern und wer die Behälter für das Essen selber mitbringt erhält Rabatt.

 

Beim Recycling gehen Ressourcen verloren

Wer einwendet, Recycling reiche doch, um die Umwelt zu schonen, wird von João mit stichfest recherchierten Argumenten vom Gegenteil überzeugt: “Es sind nicht alle Produkte rezyklierbar und selbst wenn, betrachten wir das Recycling als vorläufige Lösung”, erklärt er und führt PET als Beispiel an: Zuerst schaffen es von den geleerten Flaschen nicht alle in den Recycling-Container. Von den recycelten Exemplaren kann wiederum nur ein kleiner Teil zu neuen Flaschen verarbeitet werden. Der Rest wird abgewertet und etwa zu Textilien verflochten; dieser Prozess nenne sich “Downcycling”. Um den Bedarf an neuen Flaschen zu decken, muss daher trotz Recycling stets neues Erdöl in den Kreislauf eingespeist werden.

 

Andere argumentieren gegen die Anliegen von Refiller, dass die Verbrennung des Abfalls ja wieder Energie produziere. “Das ist zwar richtig, doch Entstehung, Transport und Entsorgung eines Produktes haben vorher schon viel mehr Energie verschlungen, als durch die Verbrennung gewonnen wird”, wirft João dann sofort ein. Refilling hingegen brauche nur eines: Die Energie fürs Waschen. Genauere Daten zur Ökobilanz des Nachfüllens sollen bald auf der Refiller-Informationsplattform zur Verfügung gestellt werden.

 

Schüler lernen Abfall zu vermeiden

Die beiden Gründer von Refiller haben sich vor zwei Jahren am «European Latin Youth Summit« der Organisation Euforia kennengelernt. Diese Zusammenkunft unterstützt Jugendliche, die sich im Bereich Soziales und Umwelt engagieren möchten. Während diesen Tagen entstand die Grundidee, bevor Refiller im Mai 2011 offiziell ins Leben gerufen wurde. Die Nichtregierungsorganisation wächst rasch, nicht zuletzt wegen des grossen freiwilligen Engagements der sechs Vorstandsmitglieder.

 

Obwohl sich die Organisation noch im Aufbau befindet, konnte sie bereits mehrere Projekte lancieren. Im Juni startete etwa “Refiller@School”, eine Kampagne, bei der Oberstufenschüler Tipps zur Abfallvermeidung erhalten. Regelmässig organisiert Refiller ausserdem abfallfreie Events wie Picknicks in verschiedenen Schweizer Städten. Sogenannte Refiller-Botschafter unterstützen den Vorstand bei seinen Projekten. Botschafter kann jeder werden, der bereit ist, sich freiwillig für das Nachfüllen zu engagieren. João und Stefanie konnten bereits über zwanzig Jugendliche begeistern, die Events mitorganisieren, für die Infoplattform recherchieren oder beim Fundraising helfen.

 

Kernbotschaft stösst auf Hindernisse

Schon im Alltag könne jeder viel bewirken, betont Stefanie. Sie empfiehlt, Produkte mit möglichst wenig Verpackung zu kaufen und wo immer möglich eigene Behälter zu benutzten. Ausserdem verstauen echte Refiller ihre Einkäufe in eigenen Taschen und trinken Leitungswasser aus einer wiederverwendbaren Flasche. Wird eine ALU-Flasche nämlich mehr als zwölf Mal verwendet, braucht ihre Herstellung bereits weniger Energie, als die der PET-Flaschen. Und wo sich Abfall nicht vermeiden lässt, sollte die Verpackung zumindest rezyklierbar sein.

 

Obwohl sich Refiller schnell entwickelt, stösst die junge Organisation auch auf Hindernisse: “Weshalb sollen wir unser Verhalten ändern, solange die Entwicklungsländer ihren Umgang mit den Ressourcen und dem Abfall nicht in den Griff bekommen?”, hören die Gründer oft. Die Kernbotschaft sei nicht einfach zu verbreiten, da sich der Konsument in jedem Lebensbereich an unnötige Verpackungen gewöhnt habe und alles ohne grossen Aufwand wolle, begründet Stefanie. Manchmal sei es ausserdem nicht einfach, genug Geld für die Projekte aufzutreiben, auch wenn Refiller bereits die Unterstützung verschiedener Stiftungen gewinnen konnte.

 

Plastikinseln treiben auf Weltmeeren

Allen Hindernissen zum Trotz: Die beiden Gründer von Refiller sind überzeugt, dass ihre Organisation mehr ist als ein Tropfen auf den heissen Stein: “Das Konsumverhalten der westlichen Gesellschaft kann so nicht weiterlaufen. Wir leben über unsere Verhältnisse und müssen unsere Gewohnheiten von Grund auf ändern”, gibt Stefanie zu bedenken.

 

“Bereits treiben Inseln aus Plastik in den Weltmeeren”, fügt sie an. Achtlos in die Natur geworfener Müll gelange per Regen und Flüsse ins offene Meer, wo er von zusammenlaufenden Strömungen zu Inseln zusammengeschwemmt werde. Fische halten die bunten Flaschen oder Taschenfetzen oft für Nahrung und verenden daran. Mit diesem Beispiel will Stefanie verdeutlichen, wie notwendig das Umdenken und Nachfüllen ist. Und die Schweiz ist kein schlechter Ort, um damit anzufangen: Mit 180 Kilogramm Verpackungen, die ein Schweizer gemäss BAFU-Abfallwirschaftsbericht jedes Jahr wegwirft, liegen Herr und Frau Schweizer weit über dem Durchschnitt der Weltbevölkerung.