Gesellschaft | 29.08.2012

Hoch, höher, am höchsten

Text von Veronika Henschel | Bilder von Raoul Pellaton
Der Mensch hat von Natur aus das Bedürfnis, von oben herab zu schauen. Selbst Ausnahmen ohne dieses Bedürfnis sollten solch eine Erfahrung einmal in ihrem Leben, also vor dem Weltuntergang, gemacht haben. Deshalb wird im Monat August auf Hügel geklettert und Gipfel erklommen.
Schritt vor Schritt, immer weiter dem Gipfel entgegen. Bewohner der Bergwelt: ein Murmeltier. Eiskalte, wunderschöne Bergseen laden zum Verweilen ein. Hoch über dem Alltagsleben sieht alles ganz anders aus.
Bild: Raoul Pellaton

Ein ekliges Piepen reisst mich aus den schönsten Träumen von einer Südseeinsel. Eine Zahl mit einer sechs grinst mich an, draussen ist es noch nicht wirklich hell. Und ich bin nicht auf einer Südseeinsel sondern im Engadin. Tagesziele: Eintrag ins Gipfelbuch auf dem 3246 Meter hohen Piz Ot und ein Foto mit dem Gipfelkreuz. Heute soll gewandert werden. Ein Aufstieg von ganz unten nach ganz oben.

 

Auf geht’s

Ein Müsli mit Früchten soll mich für den Wandertag stärken. Nach einer kurzen Rucksackkontrolle – Regenjacke, Wasserflasche, Picknick, Sonnencreme, -brille und -hut, Feldstecher, Fotoapparat: alles dabei – kurz nach halb sieben geht es los. Die Luft ist noch angenehm kühl, doch der wolkenlose Himmel flüstert mir zu, dass sich das im Verlauf des Tages ändern wird. Der Weg schlängelt sich konstant steigend durch Wiesen und Wälder, vorbei an Bächen und vereinzelten Häusern. Zwischendurch müssen wir einen steilen Anstieg mit rutschigen Steinen überwinden, dann bewegen wir uns wieder auf einem breiten Kiesweg. Ausser unserer Schritte stört nichts die natürlichen Waldgeräusche. So kann jeder ungestört seinen Gedanken nachhängen, die im Rhythmus der Schritte durch den Kopf hallen.

 

Faszination wandern

Wandern ist bei den Jugendlichen langsam wieder in Mode. Doch was ist so faszinierend daran, den ganzen Tag zu laufen? Was macht eine Wanderung auf einen Gipfel zu einem Erlebnis, das es unter die Top 12 auf der Löffelliste schafft?

 

Zum einen hat die monotone Aneinanderreihung von Schritten eine meditative Wirkung. Alltagssorgen scheinen weit weg zu sein, ich spüre meinen ganzen Körper und verschmelze mit der Umgebung. Zum anderen kann ich wahnsinnig viel entdecken: Wilde Erdbeeren, die mit ihrem süssen Geschmack Energie zum weiterlaufen geben. Tierchen aller Art wie Spinnen, die komplizierte Netze bauen, in denen sich Tautropfen fangen, oder Schnecken, die gemütlich über den Weg kriechen. Käfer, Vögel, pfeifende Murmeltiere, springende Gemsen und Steinböcke, Kühe und so fort.

 

Der Gipfel

Bei einer Alphütte dürfen wir echten Alpkäse probieren und nehmen gleich ein Stück mit. Wenig später kommen wir an einen See, der zur Mittagspause einlädt. Zum Schwimmen ist er definitiv zu kalt, aber bis zu den Knien wirkt das Wasser erfrischend. Nach dem Picknick und einer kurzen Ruhepause geht es weiter nach oben, immer höher. Die Baumgrenze haben wir schon lange hinter uns gelassen, der Weg ist nun steinig und steil, umringt von vereinzelten Bergblumen. Schweigend steigen wir höher, zu hören sind nur noch unsere Schritte und unser schwerer Atem, ab und zu ein Steinschlag in weiter Ferne. Die Rucksackriemen drücken, die Beine sind schwer, die Füsse ziehen nach unten, der Kopf will nach oben. Also wird immer weiter gegangen. Irgendwann kommt der letzte steile Anstieg und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, sind wir oben. Auf dem Gipfel. Das Gipfelkreuz ist zum Anfassen nahe. Doch vergessen sind Gipfelkreuz und Gipfelbuch, ich bin überwältigt von der Aussicht. Von der Luft, die hier oben irgendwie anders ist. Ich bin überwältigt von dem Gefühl, etwas Besonderes geschafft zu haben. Ich bin bis ganz nach oben gekommen. Nur getragen durch meine Füsse. Ich fühle mich gross und klein zugleich: Gross, weil ich den Berg bezwungen habe. Und klein, weil all die Berge um mich herum so gewaltig sind und ich mir ihrer Beständigkeit gegenüber so vergänglich vorkomme. Es fällt mir schwer zu glauben, dass diese majestätischen Landschaft in wenigen Monaten untergehen soll.

 

 

Zur Serie


Dieser Artikel ist der achte aus der Serie “Das Ende ist nah”. Einmal im Monat legt Tink.ch-Autorin Veronika Henschel hier Dinge nahe, die man unbedingt noch tun sollte, bevor die Welt am 21. Dezember (vielleicht) untergeht.