Gesellschaft | 21.08.2012

Glace schlecken statt Vokabeln büffeln

Text von Lars Kieni | Bilder von Gerd Altmann/pixelio.de
Während sich der eine in der Schule nur knapp über Wasser halten kann, badet der andere im Erfolg. Alle Kinder optimal zu fördern, ist eine grosse Herausforderung. Vor allem die Situation der Hochbegabten wirft Fragen auf.
Lernen - aber wie? Nicht alle Kinder erreichen mit gleichem Einsatz gleiches.
Bild: Gerd Altmann/pixelio.de

35 Grad im Schatten. Was für ein Sommer. Während sich Manuela in der Badi abkühlt und genüsslich Eiscrème schleckt, sitzt Simon mit zugezogenen Jalousien zu Hause hinter dem Schreibtisch und büffelt Vokabeln. In der Französischprüfung besser abschneiden wird trotzdem die Badenixe. Das ist immer so.

 

Jeder hat individuelle Stärken und Schwächen. Und so gibt es auch in der Bildung Hochbegabte und Bildungsschwächere. Alle Schüler optimal zu fördern, ist demnach schwierig. Hochbegabte mögen sich in einer Sonderschule wohler fühlen, während Bildungsschwächere auf Nachhilfe angewiesen sind oder Stützunterricht in Anspruch nehmen müssen.

 

Fähigkeiten des Kindes zur Entfaltung bringen

Laut der Uno-Kinderrechtskonvention muss Bildung darauf ausgerichtet sein, die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten eines Kindes voll zur Entfaltung zu bringen. Mit anderen Worten: Jedes Kind hat ein Recht auf adäquate Bildung. Die Schweiz hat den Völkerrechtsvertrag 1997 ratifiziert. Doch wird dieses Recht hierzulande auch umgesetzt?

 

„Die Kinderrechtskonvention unterscheidet nicht zwischen Hoch-, Normal- und Minderbegabten, fordert aber die bestmögliche Förderung nach der individuellen Bedingtheit“, so Katrin Piazza, Pressesprecherin von Unicef Schweiz. Unweigerlich würden aufgrund der föderalistischen Regelung je nach Region Schüler bevorteilt oder benachteiligt. Nicht nur bei der Beurteilung von Hochbegabten, sondern auch zum Beispiel bei der Vergabe von Stipendien entstünden so Herausforderungen.

 

Die Bundesverfassung garantiert jedem Kind zunächst den Anspruch auf „ausreichenden“ Grundschulunterricht. Die Kantone haben bei der Auslegung des Gesetzes aber grossen Spielraum. So hiessen die Stimmbürger des Kantons Zürich 2002 ein neues Volksschulgesetz gut: Dieses verlangt, Bildung nach Massgabe der Anlagen, Eignungen und Interessen eines jeden Einzelnen zu vermitteln.

 

Sonderschule als letzte Lösung

Dennoch wird versucht, vom Durchschnitt nur leicht abweichende Schüler in den Regelklassen zu halten. Laut Sandra Hutterli von der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektion (EDK) bemühen sich Lehrer, den Unterricht individuell zu gestalten. Sie können dabei von einer sonderpädagogischen Fachperson unterstützt werden. Davon profitieren nicht nur die betroffenen Schüler selbst, die ganze Klasse zieht daraus einen Vorteil.

 

Erst wenn das Kind Mühe habe, soziale Kontakte aufzubauen, oder die Abweichung vom Durchschnitt zu gross sei, werde es in einer Sonderschule unterrichtet, so Hutterli weiter. Die Kosten für diese privat finanzierten Schulen würden in einem solchen Fall von der Schulgemeinde übernommen.

 

„Für Kinder mit einer besonderen Begabung in Sport oder Musik gibt es dank interkantonalen Vereinbarungen Sonderschulen“, erklärt Sandra Hutterli. Weniger klar sei hingegen, wie mit speziellen Begabungen in Disziplinen wie beispielsweise Mathematik oder Chinesisch umgegangen werden soll.

 

Sich der Begabung nicht bewusst sein

Es gibt wohl viele Schüler mit überdurchschnittlichem Talent, die von ihren besonderen Fähigkeiten gar nichts wissen. Solange der Betroffene sich in seinem Umfeld aber wohl fühlt und vom Unterricht profitieren kann, ist dies nicht sonderlich schlimm.

 

Der Begriff Hochbegabung ist ausserdem nicht eindeutig definiert. Zudem kann die Anzahl Hochtalentierter kaum erfasst werden. Sandra Hutterli führt dies darauf zurück, dass nicht alle Kinder eine diesbezügliche Abklärung durchliefen beziehungsweise die Linie zwischen hochbegabt und begabt nicht eindeutig gezogen werden könne.

 

 

Young Reporters


Dieser Artikel entstand als Teil des Jugendjournalismus-Projekts „Young Reporters“. Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren lernen an einem eintägigen Trainingstag die Grundlagen des Journalismus kennen und arbeiten zusammen mit Medienprofis an ihren Artikeln zu Kinderrechten in der Schweiz. Organisiert wird das Projekt vom Hilfswerk Plan International Schweiz. Tink.ch publiziert alle im Projekt entstandenen Texte in einem Dossier. Der Text von Lars Kieni erschien erstmals am 10. August in der Neuen Zürcher Zeitung.