Kultur | 15.08.2012

Die Welt zu Gast bei den Romands

Text von Kaspar Rechsteiner | Bilder von Maxime Lonfat
Als ich hörte, Manu Chao spiele diesen Sommer am Paléo Festival, schossen mir zwei Gedanken durch den Kopf: "Endlich, mein Kindheitstraum, Manu Chao Live! Aber was ist das Paléo?" Obwohl das grösste und eines der buntesten Festivals der Schweiz, ist es in der Deutschschweiz nur spärlich bekannt. Behält uns der Röstigraben ein musikalisches Muss vor? Oder sogar noch mehr?
80 Prozent der Besucher kehren mindestens vier mal zurück ... ... aber nur zwei Prozent der Besucher stammen aus der Deutschschweiz und dem Tessin.
Bild: Maxime Lonfat

Mitte der 1970er-Jahre schossen in ganz Europa Folkfestivals aus dem Boden. Ob nun im Gemeindesaal in Nyon oder auf dem Hausberg von Bern – Hauptsache Musik! Während auf dem Gurten eines der Stammfestivals der Deutschschweit entstand, entwickelte sich am Genfersee das Nyon Folk Festival. Heute verbucht es als Paléo Festival de Nyon jährlich um 230’000 Besucher. Und es kämen wohl noch mehr: Nach dem ersten Vorverkaufstag war der letzte Eintritt bereits verkauft, nicht zuletzt wegen einem blühenden Schwarzmarkt für die heissbegehrten Tickets.

 

Von Electro bis Balkan-Rock

Mit zunehmender Besucherzahl verbreiterte sich auch das Spektrum der Musik. Heute findet sich am Paléo nur noch wenig Folk, dafür gibt es Raum für jegliche Art von Musik. Die letzten Jahre boten in jeder Sparte Highlights: Angefangen mit Rock von Lenny Kravitz, über Chansons von Stephan Eicher und Gipsy-Swing von Caravan Palace ging es hin zu Techno-Dubstep von Shake it Maschine und Ska von Ska-P. Jahr um Jahr bietet das “Village du Monde” mit seiner eigenen Bühne Platz für eine bestimmte Region. In diesem Jahr für den Nahen Osten. Der durchschnittliche Zuhörer verstand dort zwar kein Wort, doch traten die Künstler mit derartiger Power und einigen unbekannten Instrumenten auf, so dass sich kaum einer nicht faszinieren und mitreissen liess.

 

Ein Festival für alle…

Nebst den Artisten ist auch das Publikum bunter als anderswo. Beim Blättern durch die Pressemappe stachen mir ein paar Zahlen ins Auge: Erstaunlich hoch ist das Durschnittsalter von zweiunddreissig Jahren. Tatsächlich sah ich viele Familien und ältere Leute. Zudem waren 80 Prozent der Besucher bereits mindestens vier Mal am Paléo dabei. Auch das kann ich nach meinem Besuch nur nachvollziehen. Noch nie erlebte ich ein Festival dieser Grössenordnung so friedlich und freundlich. Beinahe wie ein grosses, alljährliches Familienfest – mit einer ganz grossen Familie eben. So gross, dass man gar nicht alle kennen kann. Aber man weiss trotzdem, dass man mit allen verwandt ist.

 

… und wir gehen nicht hin.

Doch nun zur letzten Zahl: Besucher aus der Deutschschweiz und dem Tessin – zwei Prozent. Eine moderne Erscheinung des Röstigrabens? Mangelnde Werbung ausserhalb der Romandie? Ich weiss es nicht. Für mich ist es jedenfalls befremdlich, dass ein Event, der nie gesehene Vielfalt in nächster Nähe bietet, kaum Aufmerksamkeit und Besucher aus der Deutschschweiz hat. Am Line-Up, der Gastfreundschaft und der Entfernung wird dies kaum liegen. Auch in Sachen Camping, Logistik und Gelände ist eine Beschwerde mehr als unangebracht, von der Verpflegung ganz zu schweigen. Selten ist auf einem Festival eine derartige, kulinarische Vielfalt anzutreffen. Was mich anbelangt, ist der Fall klar: Ich gehe auch im nächsten Sommer wieder hin. Und in dem darauf. Und danach wieder. So dass ich dann auch zu 80 Prozent gehöre, die mindestens viermal wiederkehren. Und künftig werde ich meine Ohren auch Richtung Westen spitzen. Vielleicht entdecke ich noch das eine oder andere Festival.