Politik | 15.08.2012

Die feministische Peitsche für Russland

Mit Aussagen wie "Töte den Sexisten" sorgt die feministische Punk-Band Pussy Riot in Russland schon seit Monaten für Aufruhr. Ihre Namen sind unbekannt, trotzdem erreichte die Gruppe nach ihrer «Punk-Andacht« in der Christ-Erlöser-Kathedrale weltweit Bekanntheit. Seither sitzen drei Bandmitglieder in Untersuchungshaft. Ihnen droht eine Verurteilung wegen Rowdytums und damit bis zu sieben Jahre Haft. Am 30. Juli hat der Prozess begonnen. Kritiker befürchten einen politischen Schauprozess.
"Wir empfinden Abneigung gegenüber einem Menschen, der den Rückstand in der der modernen europäischen Gesellschaft verkörpert." Pussy Riot bereuen ihren Auftritt nicht, auch wenn seit dem Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale drei Mitglieder der Band in Haft sitzen.
Bild: Pussy Riot/zvg

In Westeuropa hat man von euch nach eurem Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale gehört. Warum habt ihr diesen Ort ausgewählt? Was wolltet ihr mit eurem Auftritt erreichen?

Wladimir Gundjajew (Kyrill I., Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, Anm. d. Red.) hat seine Gemeinde dazu aufgerufen, Putin zu wählen. Wir haben dagegen angekämpft.

 

Nach dem Auftritt wurden drei Frauen verhaftet, denen jetzt bis zu sieben Jahre Haft drohen. Habt ihr damit gerechnet, dass so etwas passieren könnte?

Nein, wir haben nicht damit gerechnet, da unser Fall eine Ausnahme ist. Weil wir eine weibliche Gruppe und Konsumentinnen der Ideen der patriarchalischen konservativen Gesellschaft sind, spüren wir alles an uns, was in unserer ultrakonservativen Gesellschaft passiert.

 

Man hat euch schon einmal nach einem Auftritt aufgehalten, aber wieder gehen lassen. Warum? Was war jetzt anders?

Sie haben nicht damit gerechnet, dass wir weiter gehen. Jetzt haben sie Angst gekriegt.

 

Wann habt ihr begonnen euch für Politik zu interessieren?

Die Idee die Punk-Band Pussy Riot zu gründen, ist im Jahr 2011 im Laufe des Arabischen Frühlings entstanden. Uns wurde klar, dass Russland politische und sexuelle Befreiung, die «feministische Peitsche« und einen weiblichen Präsidenten braucht. Am Tag der Oktoberrevolution ist unser erstes Video herausgekommen. Wir sehen dieses Datum als unseren Geburtstag.

 

Und was sind die wichtigsten Ziele von Pussy Riot?

Unsere Ideale liegen im Progressivismus. Das Ziel ist in erster Linie der künstlerische Akt, zweitens drücken wir so unseren Zugang zu den humanistischen Problemen in unserer ultrakonservativen Gesellschaft aus. Wir wollen, dass sich die Kunst entwickeln kann, dass die Menschen in Ruhe ihre Ideen äußern können und dass die menschliche Individualität die Grundlage des Lebens ist.

 

Auf eurem Blog meint ihr, dass eines eurer politischen Interessen “Antiputinismus” ist. Warum tretet ihr so radikal gegen Putin auf?

Wir empfinden Abneigung gegenüber einem Menschen, der den Rückstand in der der modernen europäischen Gesellschaft verkörpert. Ihn zu hassen würde aber den Überzeugungen der Gruppe widersprechen, die mit Hilfe von gewaltfreien Aktionen wirkt und Probleme löst.

 

Im Interview mit dem Guardian habt ihr gesagt, dass Putin Angst vor euch hat. Warum denkt ihr das?

Man sieht es an seiner Reaktion. Aber prinzipiell kämpfen wir nicht gegen Putin, sondern gegen das, was er mit dem Land macht. Den Platz des Diktators wird ein Diktator einnehmen.

 

Viele Menschen finden jedoch, dass Putin, nach einer schwierigen und chaotischen Zeit, Stabilität in ihr Leben gebracht hat. Stellen wir uns vor, Putin geht – bricht das Land dann nicht zusammen?

Wir unterstützen alle Forderungen, die bei den Dezemberprotesten vorgetragen wurden (Proteste nach der Parlamentswahl, Forderungen waren: Freilassung aller politischen Gefangenen, Annullierung des Ergebnisses der Parlamentswahl, Zulassung aller Oppositionsparteien zur Abstimmung, ein neues Wahlgesetz; Anm. d Red.). Außerdem müssen sich Selbstverwaltung und Selbstorganisation mehr entwickeln. Es ist sehr wichtig, dass es keinen “Führerkult” gibt. Man sollte nicht die Illusion haben, dass irgendein Mensch daherkommt und alles verbessert.

 

Ihr tragt immer Balaklawen. Warum ist Anonymität so wichtig für euch?

Der Sinn liegt darin, dass keine bestimmten Personen im medialen Fokus stehen. Jeder Mensch kann Mitglied der Gruppe sein.

 

Habt ihr keine Angst davor, dass man euch auch festnehmen könnte?

Wenn du in einem solchen Staat lebst, verstehst du, dass du jederzeit ins Gefängnis kommen könntest, und das ohne Grund. Der Staat opfert das Leben von Menschen, um bestehen zu bleiben. Wir haben keine Angst mehr; unsere Sicherheitsvorkehrungen sind minimal. Es ist jetzt sowieso bekannt, wer wer ist; unsere Telefone werden abgehört, die Post geöffnet.

 

Ende Juli startete der Prozess gegen drei Mitglieder von Pussy Riot. Stehen sie tatsächlich wegen Rowdytums vor Gericht oder wegen ihres politischen Protestes?

Sie sind deswegen vor Gericht, weil unsere Gruppe möchte, dass unser Land progressiv ist, anstatt konservativ zu sein.

 

Wenn der Prozess tatsächlich aus politischen Gründen geführt wird, warum hat man die Frauen dann nicht schon früher verhaftet? Pussy Riot kritisiert Wladimir Putin ja schon lange.

Nach unserem Auftritt am lobnoje mesto (befindet sich auf dem Moskauer Roten Platz; Anm. d. Red.) hat man begonnen, uns genauer zu beobachten. Der Auftritt in der Kathedrale hat den Anlass für die Verhaftung gegeben, da es jetzt einen angeblich religiösen Kontext gibt.

 

Hängt die Zukunft von Pussy Riot davon ab, wie das Urteil ausfällt? Wie wird es weitergehen?

Wir warten das Urteil ab – und werden weitermachen.

 

Bereut ihr euren Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale?

Nein.

 

Die Zeitschrift The Observer hat euch eine Titelgeschichte mit dem Titel “Kann Pussy Riot Putin bezwingen?” gewidmet. Wie würdet ihr diese Frage beantworten?

Ja, Pussy Riot wird es gelingen. Putin hatte schon zu dem Zeitpunkt verloren, als er die Justiz eingeschaltet hat.

 

 

Sofia Khomenko auf mokant.at


Dieses Interview erscheint bei Tink.ch in gekürzter Fassung. Das ganze Interview ist auf der Seite des österreichischen Onlinemagazins mokant.at abrufbar. Es wurde von Sofia Khomenko geführt. Sie ist Chefredaktorin von mokant.at und studiert Publizistik in Wien.

 

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