Kultur | 08.08.2012

“Auf der Bühne ist es harte Arbeit”

Text von Melanie Bösiger | Bilder von Kathrin Ernst.
Die Berner Band Anshelle überzeugt mit einer kraftvollen Stimme, tiefgründigen Texten und eingängiger Musik. Ihr neustes Album heisst "All in" und wurde im Eigenvertrieb veröffentlicht. Weshalb erzählen Sängerin Michèle Bachmann und Keyboarder Sandro Marretta im Interview mit Tink.ch.
"Die heutigen Plattenfirmen wollen nichts investieren, keine Band aufbauen", sagt Sängerin Michèle. Sandro hat lange überlegt, ob er Musik unterrichten soll, oder nicht. Heute unterrichtet er Englisch und Geografie.
Bild: Kathrin Ernst.

Tink.ch: Eure Songtexte erzählen Geschichten. Wie wichtig sind euch die Texte?

Michèle: Sehr wichtig. Die Texte sind fast zu kompliziert fürs Radio und die Hitparade. Unsere Songs, die am Radio gespielt werden, sind die mit den einfacheren Texten, “Crossroads” oder “Little Mountain” etwa.

Sandro: Es soll aber trotzdem nicht simpel sein. Einfach und eingängig, aber eine Botschaft dahinter. Mehr als Sunshine und Smile.

 

Euer Album gibt es nicht im Laden, nur auf eurer Webseite, cede.ch und iTunes. Wie wichtig ist euch ein Platz in der Hitparade?

Michèle: Die Hitparade wird mit steigendem Alter (schmunzelt) unwichtiger. Mit zwanzig war es für mich das Grösste, einmal in die Hitparade zu kommen. Aber wenn du zweimal in der Hitparade warst, merkst du, dass sich nichts verändert. Nur wenn du in die Top Ten kommst und tausende von Platten verkaufst, merkst du davon etwas. Am Konzert ein gutes Publikum zu haben, ist viel wichtiger.

 

Ihr seid nicht bei einem Label unter Vertrag, sondern vertreibt euer Album selber. Warum habt ihr euch dazu entschieden?

Michèle: Wir sagen nicht, dass wir nie wieder zu einer Plattenfirma gehen. Wenn wir einen guten Deal angeboten bekommen, gehen wir auch wieder zu einem Label. Aber die heutigen Plattenfirmen wollen nichts investieren, keine Band aufbauen.

Sandro: Es ist eine finanzielle Frage. Vom CD-Verkauf bleibt jetzt das ganze Geld bei uns, von einem Label würden wir pro CD zwei bis acht Franken erhalten, was nicht sehr viel ist.

 

Könnt ihr von der Musik leben?

Michèle: Wir haben alle das Job-Pensum reduziert. Es reicht weiter, als auch schon, aber nicht ganz.

Sandro: Musik ist mein Hobby geblieben. Ich habe lange überlegt, ob ich Musik studieren soll. Jetzt unterrichte ich Englisch und Geografie. Das macht mir mehr Spass, als den ganzen Tag schon Musik zu unterrichten und abends noch mit der Band zu proben.

 

Was mögt ihr lieber: die Zeit im Studio oder auf Tournee?

Sandro: Wir Jungs von der Band sind schon gerne im Studio, aber wir lieben die Open-Air- und Clubstimmung. Das Studio macht auch Spass, aber es ist weniger emotional.

Michèle: Ich bin zwar gerne auf der Bühne, aber ich bin die geborene Songwriterin. Am liebsten bin ich allein in meinem Kämmerchen und arbeite an Songs. Auf der Bühne ist es eine harte Arbeit: die Leute reinholen, nicht falsch singen, eine gute Bühnenpräsenz haben, gut auszusehen, nicht zu viel und nicht zu wenig reden. Das braucht sehr viel Selbstvertrauen.

 

Wie wichtig ist euch die Fanarbeit?

Michèle: Wir hatten nie einen Hype, bei dem alle auf uns zugerannt sind. Wir mussten um jeden Fan kämpfen. Wenn wir bei jedem Konzert 10’000 Zuschauer hätten, würden wir nachher vielleicht auch nicht jedes Mal jedem ein Autogramm geben. Aber wir schätzen die Fans sehr, sie motivieren uns zum Weitermachen.