Kultur | 15.08.2012

“Alles andere wäre unmenschlich gewesen.”

Text von Manuela Paganini | Bilder von zvg
Im Jahr 1871 nahm die Schweiz eine ganze Armee französischer Soldaten auf die sonst in deutsche Gefangenschaft geraten wären. Das Bourbaki-Panorama in Luzern zeugt noch heute von der Hilfsbereitschaft der Schweizer Bevölkerung, die wesentlich zum Identitätsgefühl der gerade gegründeten Schweiz beitrug.
112 Meter lang und zehn Meter hoch ist das Bourbaki-Panorama in Luzern. Geschichte wird darin erlebbar, versprechen die Verantwortlichen.
Bild: zvg

Waffen klirren, der Wind pfeift und ausgehungerte Soldaten sitzen im Schnee. Frauen mit Körben bringen Essen. Ein paar Schritte weiter kommt eine Kolonne von Soldaten an. Waffenberge türmen sich auf.

 

Eine Illusion

“Erlebte Geschichte” steht auf dem Plakat vor dem Bourbaki-Panorama. Ein schrecklich abgegriffener Ausdruck, der den Nagel auf den Kopf trifft. Das Panoramabild aus dem Jahr 1881 ist 10 Meter hoch und hat einen Umfang von 112 Metern. Man steht selbst in Les Verrières im Jura und ist mit dabei, wenn die Bourbaki-Armee die Grenze zur Schweiz übertritt. Vor dem Bild sitzen plastische Figuren in nachgebildetem Schnee, so realistisch, dass es schwer zu sagen ist wo der Raum aufhört und wo das Bild beginnt. Eine Geräuschkulisse aus Wind, Pferdeschnauben und fernen Gewehrschüssen zieht einen vollends in eine andere Welt. Ein Hörspiel erzählt in deutscher, englischer und französischer Sprache wie ein Junge aus Les Verrières den Grenzübertritt erlebte.

 

Schweizer Tradition

Im Jahr 1871 waren die Franzosen im Begriff den Krieg gegen die Deutschen zu verlieren. Um nicht in Gefangenschaft der Deutschen zu geraten bat General Bourbaki die Schweiz um Asyl für seine Armee. Über Nacht hatte die Schweiz 90’000 Soldaten an ihrer Grenze stehen, welche sich entwaffnen lassen und aufgenommen werden wollten. Die kleine, unbeteiligte Schweiz stand vor einer riesigen Herausforderung. Zur Neutralität – die sich die noch junge Nation auf die Fahne geschrieben hatte – gehörte auch, Militärpersonen Schutz zu bieten, wenn sie sich ergaben.

 

Es war Winter und die Soldaten waren krank und ausgehungert.Der Bund gewährte das Asyl. “Etwas anderes blieb ihm kaum übrig”, sagt Ute Würthenberger, Leiterin des Bourbaki-Panoramas. “Alles andere wäre unmenschlich gewesen.”

 

Die Armee wurde aufgenommen, in der ganzen Schweiz verteilt, verpflegt, betreut und bewacht. Ohne den grossen Einsatz der Schweizer Bevölkerung wäre das unmöglich gewesen. Anfangs waren die Menschen misstrauisch, aber das Elend der Soldaten liess ihr Mitgefühl überwiegen. Die Hilfsbereitschaft war am Ende enorm. Sechs Wochen lang beherbergten und pflegten die Schweizer die französischen Soldaten. Bis der Krieg im Nachbarland vorüber war. Der gemeinsame Einsatz stärkte das Identitätsgefühl der Schweizer Bevölkerung und machte sie stolz auf ihre Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Die humanitäre Tradition der Schweiz wurde erstmals zementiert.

 

Kollektive Erinnerung

Zehn Jahre nach Ende des Krieges gab eine belgische Firma, die sich auf die Herstellung von Panoramas spezialisiert hatte, dem Maler Edouard Castres den Auftrag, den Grenzübertritt der französischen Armee auf einem riesigen Rundgemälde festzuhalten. Die Menschen im 19. Jahrhundert kannten noch keinen Film, aber sie liebten es, sich versetzen zu lassen. Eine besondere Attraktion waren Panoramas, Rundgemälde, welche die Betrachter ganz umgaben. In der heutigen Zeit dagegen zeigen die Panoramen einerseits Geschichte und sind andererseits gleich selber Geschichte.

 

Der deutsch-französische Krieg wurde oft auf Panoramas dargestellt. Dabei ging es jedoch immer um Schlachten und Heldentaten. Das Bourbaki-Panorama dagegen ist anders, es zeigt die Not und das Elend des Krieges. Gleichzeitig rühmt es die Menschlichkeit der Schweizerinnen und Schweizer, die sich der Kriegsopfer annahmen. Statt einzelner Kriegshelden wird eine ganze Bevölkerung gelobt.  Die Überlegungen hinter der Motivwahl waren rein kommerziell: Panoramas waren Unterhaltungsmedien, welche rentieren mussten.

 

Das Museum einen Stock unter dem Panorama lässt die Zusammenhänge um das Bild noch einmal aufleben. Es erklärt die Verträge, die regelten, was “Neutralität” bedeutete und zeigt Relikte von damals: etwa eine Erinnerungsmedaille, auf welcher steht “Humanität kennt keine Grenzen”. Eine Humanität, die die Schweiz noch lange nach der Aufnahme der Bourbaki-Armee für sich in Anspruch nimmt.