Kultur | 17.07.2012

Wenn die Titanic untergeht, wird nur der Thunersee aufgewühlt

Text von Julia Jauner | Bilder von zVg
Auf grosse Emotionen wartet man bei "Titanic - Das Musical" vergeblich. So aufwendig das Bühnenbild auch jetzt wieder ist, die Inszenierung zum 10-jährigen Jubiläum der Thunerseespiele und 100 Jahre nach dem Untergang des Luxusdampfers enttäuscht.
Platte Liebesgeschichte vor aufwendiger Komödie: "Titanic" enttäuscht an den Thunerseespielen.
Bild: zVg

Das Schiff ist beladen, die Gäste gehen an Bord. Frau Lehmann (Bea Rohner) ist entzückt von den reichen erstklassigen Gästen. Voller Euphorie mischt sie sich als Zweitklässlerin unter die glamouröse Gesellschaft. Herr Lehmann (Roland Hermann) ist wenig begeistert von dieser Idee.

Max Sieber, der bereits Musicals inszenierte wie Keep Cool, Jeff oder die kleine Niederdorfoper, schafft es “Titanic – das Musical” eine eigene, schweizerische Note zu geben. Dem Schweizer Ehepaar Lehmann schenkt er im Stück daher besondere Beachtung. Trotz grossartigem Bühnenbild und stimmiger Musik wird wenig Spannung geboten.

 

Streifzug durch Schicksale

Der Zuschauer sucht bis zum Schluss vergeblich nach einer Hauptfigur. Durch die Häufung vieler kleiner Lebensgeschichten der Leute an Bord ist praktisch kein Platz mehr, um eine Geschichte zu vertiefen. Jedes Schicksal wird nur oberflächlich gestreift. So beispielsweise jenes des Heizers Frederick Barrett (Philipp Hägeli), der seiner Liebsten einen Heiratsantrag via Telegraph machen möchte. Ein Lied beginnt Barretts Geschichte zu erzählen, bevor es jäh unterbrochen wird durch einen Funker, der sein Leben als Aussenseiter in der Gesellschaft kundtut. Dem Zuschauer oder der Zuschauerin ist es unmöglich, sich mit einer Figur zu identifizieren. Auch emotionsgeladene Szenen findet man lediglich eine: Die irische Tanzeinlage der dritten Klasse.

 

Technik zu dominant

Endlose Diskussionen auf der Kapitänsbrücke über die Technik des Dampfers rauben dem Stück die Spannung. Kapitän Smith (Michael Flöth), der Eigentümer Ismay (David Morell) und der Konstrukteur Andrews (Lucius Wolter) liefern sich bis zum Schluss Wortgefechte über die Geschwindigkeit und das Ansehen der Titanic. Einzig die gesangliche und schauspielerische Leistung des Kapitäns und des Konstrukteurs ist in diesen Sequenzen überzeugend.

Die Technik steht klar im Mittelpunkt des Stückes, obwohl der Regisseur im Vorfeld versicherte, der Schwerpunkt sei bewusst auf die Menschen gelegt, um sich damit von der Broadway-Urfassung von 1997 abzugrenzen.

 

Kitschpotential wird ausgeschöpft

Die Initianten der Thunerseespiele haben auch dieses Jahr keinen Franken gescheut, um ein spektakuläres Bühnenbild zu präsentieren. Die Konstruktion ist dreistöckig und drehbar. Auf beiden Seiten sind zwei bewegliche Decks. Einerseits erscheint das Drehen der Titanic überflüssig, anderseits überzeugen die schiefstellbaren Decks, welche dem Untergang des Schiffs ihre Dramatik verleihen.

 

Den direkten Einbezug des Thunersees, auf welchem Rettungsboote nach Überlebenden suchen, gibt beim Zuschauen das Gefühl, mitten im grossen Ozean zu treiben. Als Übergang zum grossen Finale wird ein Bild der sinkenden Titanic auf eine Wasserwand projiziert. Dabei spielt das Orchester den Choral “Näher, mein Gott, zu dir”. Dieser ist bekannt aus dem Spielfilm Titanic. Des Weiteren schafft Iwan Wassilevski mit der Musik eine authentische Atmosphäre.

 

Was das Kitschpotenzial angeht, wird die Untergangsszene lediglich vom Happy End überboten. Kate McGowan (Katja Uhlig) und Jim Farrell (Sasha Di Capri) überleben beide, obwohl sie der dritten Klasse angehören und so in der Reihenfolge für ein Rettungsboot weit hinten stehen. Auch wenn diese Liebesgeschichte während dem Stück nur am Rand thematisiert wird, ist sie am Ende Mittelpunkt des Geschehens. Leider nimmt man ihnen die grosse Liebe nicht wirklich ab. Die überspitzte Inszenierung lässt die Geschichte plump wirken und erinnert an die Liebesgeschichte vom Vorjahr in “Gotthelf-Das Musical”.

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