Gesellschaft | 25.07.2012

Wenn das männliche “Vorbild” gewalttätig ist

Text von Muriel Hunziker | Bilder von Muriel Hunziker
Im Jahr 2011 suchten 42 Kinder mit ihren Müttern im Berner Frauenhaus Zuflucht vor einem gewalttätigen Familienmitglied. Das Frauenhaus bietet diesen Kindern Schutz, Sicherheit und versucht, ein anderes Männerbild zu vermitteln.
"Viele Kinder sind bei ihrer Ankunft im Frauenhaus stark traumatisiert", weiss Christine Meier.-¨
Bild: Muriel Hunziker

Das Berner Frauenhaus bietet von Gewalt betroffenen Frauen und deren Kindern seit über 30 Jahren Sicherheit und neue Zukunftsperspektiven: “Zu uns kommen Frauen, die regelmässig und zum Teil seit längerer Zeit Opfer von häuslicher Gewalt sind”, sagt Christine Meier, Leiterin des Frauenhauses. Es muss sich dabei nicht unbedingt um körperliche Gewalt handeln, auch psychische, ökonomische und sexuelle Gewalt sind möglich. “Meistens ist es aber eine Mischung aus physischer und psychischer Gewalt”, erklärt Christine Meier.

 

Etwa zwei Drittel der Frauen, die im Berner Frauenhaus Schutz suchen, bringen ihre Kinder mit. Diese reagieren völlig unterschiedlich auf das neue Lebensumfeld, welches sie im Frauenhaus erwartet, weiss Christine Meier. Einige fühlen sich sofort befreit, weil sie wissen, dass sie nun endlich den verdienten Schutz bekommen werden. “Vor allem die Kleinkinder fühlen, wenn es ihrer Mama schlecht geht”, erklärt die Expertin und fügt lächelnd hinzu: “Es ist schön zu sehen, dass auch die Kleinen gelöster sind, wenn es mit ihrer Mutter aufwärts geht.”

 

Stark traumatisiert

Nicht alle verdauen die schrecklichen Geschehnisse der Vergangenheit aber augenblicklich, erklärt die 55-Jährige. Dies hänge vor allem auch davon ab, wie die Kinder und Jugendlichen die häusliche Gewalt wahrgenommen haben. “Einige wurden selbst Opfer der Schläge und Misshandlungen und wissen daher, wie es ist, einem Mann hilflos ausgeliefert zu sein. Andere mussten zuschauen, wie die Mutter gequält oder bedroht wurde.” Es kommt aber durchaus auch vor, dass der Täter stets darauf geschaut hat, dass die Kinder nicht zugegen sind, wenn er Gewalt ausübt. “Die Kinder fühlen in der Regel aber trotzdem, dass etwas zwischen den Familienmitgliedern nicht in Ordnung ist”, glaubt Christine Meier, die das Berner Frauenhaus seit zwei Jahren leitet.

Vor allem Kinder, die geschlagen wurden oder bei den Gewaltausbrüchen zusehen mussten, sind bei ihrer Ankunft im Frauenhaus stark traumatisiert. “Sie stecken in einer richtigen Krise, sind total durcheinander und brauchen länger, um sich an die neue Wohngemeinschaft zu gewöhnen.” Deswegen sei es auch überaus wichtig, dass alle Opfer während der Aufenthaltszeit einen kurzen Moment zur Ruhe kommen können und wissen, dass sie in Geborgenheit sind und unbesorgt sein können. Oftmals schaue man auch, ob zusätzlich eine Therapie nötig ist.

 

Teenager bleiben manchmal beim Vater

Teenager gibt es im Berner Frauenhaus nur wenige, da es diesen schwer fällt, ihr altes Umfeld zurück zu lassen. Sie wissen zwar, dass es ihrer Mutter im Frauenhaus besser gehen wird, aber der Abschied von der Schule und dem Freundeskreis kommt für sie trotzdem nicht in Frage. “Wenn sie selbst vom Familienangehörigen nicht misshandelt wurden, kommt es daher oft vor, dass sie bei ihrem Vater bleiben”, hat Meier beobachtet.

Doch auch die Jugendlichen, die mit ihrer Mutter ins Frauenhaus kommen, haben es am Anfang nicht gerade leicht, da sie mit vielen Regeln konfrontiert werden. “Manche können nicht verstehen, dass sie abends nicht lange weg bleiben dürfen. Wir versuchen ihnen dann klar zu machen, dass es nur zu ihrem Schutz ist”, meint die Expertin dazu.

Die Schützlinge gehen in der Regel nach einer Eingewöhnungszeit wieder zur Schule oder in den Kindergarten. Für jüngere Kinder, deren Mutter arbeitet, gibt es auch die Möglichkeit die Kita, die Krippe oder eine Tagesmutter zu besuchen. Um das Aufeinandertreffen mit dem Täter zu vermeiden, liegen die Standorte meist im Quartier oder zumindest in der Nähe des Frauenhauses.

 

Der Spass kommt nicht zu kurz

Einmal in der Woche, am Mittwochnachmittag, nimmt ein Animator die Kinder mit auf einen Ausflug. “Dabei wird versucht, ihnen ein anderes Männerbild zu vermitteln, als das des gewalttätigen Familienoberhauptes”, erklärt die Leiterin der Institution. Am Freitag kommen zudem zwei Sozialpädagogik-Studentinnen ins Frauenhaus, die für die Kinder ein Freizeitprogramm gestalten.

Einige Sprösslinge besuchen in ihrer Freizeit den Vater. “Wenn wir wissen, dass die Kinder ihren Vater treffen möchten, die Mutter das unterstützt und wir auch sicher sind, dass er gegenüber dem Kind nicht Täter war, ist dies möglich. Jedes Kind hat das Recht, Zeit mit seinem leiblichen Vater zu verbringen”, so Christine Meier. Komplexere Situationen werden über die Vormundschaftsbehörden geregelt und unter Umständen ergibt sich nach einiger Zeit ein begleitetes Besuchsrecht.

Nach der Zeit im Frauenhaus kehrt etwa jede fünfte Frau mit ihren Kindern wieder zu ihrem gewalttätigen Partner zurück. Ob eine Chance besteht, wieder eine gewaltfreie Familie zu gründen und möglicherweise nochmals neu anzufangen, sei in den meisten Fällen unklar. “Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses kennen den Ausgang der Lebensgeschichten meistens nicht”, bedauert Christine Meier. “Wir erfahren nur, wenn es kein Happy-End gab, denn dann kommen die Frauen wieder zu uns zurück.”

 

Platz für 15 Personen


Das Berner Frauenhaus wurde 1980 aufgrund eines Projektes der neuen Frauenbewegung gegründet und richtet sich vor allem an Frauen und Kinder, die Opfer von häuslicher Gewalt sind. Für den Betrieb zuständig ist die Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern. Zurzeit arbeiten 17 Personen im Frauenhaus, alle Teilzeit. -¨-¨Im Frauenhaus finden sie alle Schutz und Sicherheit, unabhängig von Religion, Herkunft, Aufenthaltsstatus oder finanzieller Situation. Die Mehrzahl der Frauen hat einen Migrationshintergrund, unter den Tätern hat es aber viele Schweizer. -¨-¨Das Haus bietet Platz für sieben Erwachsene und acht Kinder. Die Adresse des Wohnsitzes ist zur Sicherheit der Betroffenen nicht öffentlich bekannt, trotzdem kann man in Not immer die Telefonnummer des Frauenhauses wählen, bei der man dann sofort Unterstützung erhält. Die betreuten Frauen erhalten psychosoziale Unterstützung, rechtliche Informationen und umfassende Beratung zur aktuellen Lebenslage. Das geleitete Zusammenleben gibt Halt und Struktur, was sich bei der Stabilisierung als sehr nützlich herausgestellt hat.

 

Neue Bleibe gesucht

Weil das jetzige Gebäude stark sanierungsbedürftig ist, sucht die Stiftung seit über einem Jahr nach einer neuen Liegenschaft in der Region Bern. Ob es ein früheres Heim oder ein Mehrfamilienhaus sei, spielt keine grosse Rolle, sagt Christine Meier. Nötig seien etwa 20 Zimmer. -¨-¨Damit die Kinder vermehrt ihre belastenden und oft traumatischen Erfahrungen verarbeiten können und die Möglichkeit haben, gewaltfreies Zusammensein zu erleben und zu erlernen, soll ab März ein neues Projekt umgesetzt werden. Die Finanzierung ist dank einer grosszügigen Spende für ein Jahr gesichert.

 

 

Young Reporters


Dieser Artikel entstand als Teil des Jugendjournalismus-Projekts “Young Reporters”. Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren lernen an einem eintägigen Trainingstag die Grundlagen des Journalismus kennen und arbeiten zusammen mit Medienprofis an ihren Artikeln zu Kinderrechten in der Schweiz. Organisiert wird das Projekt vom Hilfswerk Plan International Schweiz. Tink.ch publiziert alle im Projekt entstandenen Texte in einem Dossier. Der Text von Muriel Hunziker erschien erstmals am 24. Februar 2012 in der Berner Zeitung.

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