Kultur | 17.07.2012

Von der Imagination zur Musik

Text von Juliette Ivanez | Bilder von Eva Hirschi
Kurz vor dem Konzert hat Tink.ch den Bassist und Sänger der Band Nightwish, Marco Hietala, getroffen. Nachdem ihr 7. Album "Imaginaerum" herausgekommen ist, befindet sich die Band, die sich ursprünglich nicht fürs grosse Publikum bestimmt sah, auf dem Aufstieg.
"So lange ich Spass an der Musik habe, werde ich weitermachen!" Marco Hietala wünscht sich manchmal, wieder in kleinen Clubs spielen zu können.
Bild: Eva Hirschi

Interview: Juliette Ivanez. Übersetzung: Eva Hirschi.

 

Beginnen wir mit der heiklen Frage. Vor ein paar Monaten habe ich euer neues Album bestellt. Als ich das Paket öffnete, sah ich als erstes ein Flyer, der Fan-Ware anpries. Das hat mich ziemlich verärgert, schliesslich brauche ich kein T-Shirt um zu zeigen, dass ich eure Musik mag und unterstütze. Deshalb meine Frage: was ist euer Ziel damit?

 

Nun gut, ich selber habe nicht viel damit zu tun, das liegt mehr in den Händen der Plattenfirma. Ich verstehe es, wenn Fans T-Shirts von uns haben möchten, aber mir ist das eigentlich ziemlich egal. Ich weiss nicht einmal, was man in diesem Katalog überhaupt alles findet. Es tut mir leid, wenn dich das verärgert hat.

 

Kommen wir zu etwas konventionelleren Fragen. Wie würdest du jemandem eure Band und eure Musik beschreiben, der euch noch nicht kennt?

Ich würde sagen, wir spielen Rock’n’Roll. Symphonischer Rock’n’Roll, um genau zu sein, mit vielen verschiedenen Einflüssen und Inspirationen.

 

Kann man euch noch als Metal-Band bezeichnen?

Für einige Lieder, ja. Aber die Bezeichnung “Metal” ist heutzutage vielleicht zu restriktiv, für die Musik von Nightwish kann man sie wohl nicht mehr anwenden.

 

Kannst du uns ein bisschen vom Konzept von “Imaginaerum” erzählen? Wovon ist es inspiriert?

Bei dieser Frage geht es vor allem um die Lyrics, und Tuomas (Holopainen, Komponist und Pianist der Gruppe, Anm. d. Red.) könnte das wohl besser beantworten. Aber natürlich habe ich eine gute Vorstellung davon, worum es geht. Grundsätzlich handelt es von der Macht der Fantasie, und wie weit man mit seiner Vorstellungskraft gehen kann, durch die Dunkelheit und durch das Licht. Es ist ein ziemlich breit gefasstes Konzept, und diese Vielfältigkeit widerspiegelt sich auch in der Musik. Tuomas hat die meisten Lieder geschrieben, ich habe auch ein paar Dinge komponiert. Um es einfach zu sagen: wir sind zusammen mit dem Rest der Band in ein Sommercamp gefahren, und liessen die Ideen einfach auf uns zukommen. Wir haben fast alles zusammen gemacht, bis hin zum Aufnehmen von Demos. Das tönt wie ein langer und schwieriger Prozess, und in einer gewissen Art und Weise war es das auch, aber gleichzeitig auch locker, offen und ohne Stress.

 

Kannst du uns erklären, wie man von der Vorstellungskraft zur Musik kommt?

Ich denke, wir müssen offen bleiben für alles, was wir sehen, und uns nicht verschliessen. Es ist schwierig, das zu erklären, manchmal kommt die Inspiration von kleinen Details. Aber wenn du eine Spur von dem behältst, was du siehst, wenn du es bei einer Gelegenheit niederschreibst, oder auch eine Melodie, die du im Ohr hast, dann kannst du aus kleinen Dingen viel Grosses erschaffen.

 

Und was sagst du über den Film zum gleichnamigen Album? Wie warst du in den Entstehungsprozess involviert?

Ich persönlich nicht gross. Aber ich war ein paar Tagen am Set, hatte ein paar Aufnahmen, konnte meine Meinung abgeben, und ich sah auch das Script. Natürlich haben wir die Entscheidung, uns da zu engagieren, gemeinsam mit allen Beteiligten und der Firma, die das Projekt initiiert hat, getroffen. Wir haben ziemlich viel Geld reingesteckt, aber es sieht so aus, als müssten wir unsere Häuser nicht verkaufen (lacht). Es war ein langer und teurer Prozess, mit vielen Dingen, die uns bisher fremd waren, wie zum Beispiel ein Script zu schreiben oder Regie zu führen. Deshalb haben wir Jungs engagiert, die sich auskannten. Aber es war eine gute Erfahrung, ich habe viel Neues gelernt und verstehe jetzt ein bisschen mehr davon. Ich verstehe genug, um zu behaupten, dass wir beim nächsten Album keinen Film realisieren werden (lacht).

 

Haben wir die Möglichkeit, den Film bald auch in unseren Kinos zu sehen?

Wir wissen nicht genau, wie das mit dem internationalen Vertrieb aussieht. Im Moment ist der Film immer noch in der Post-Production, wir sind ziemlich sicher, dass er in Finnland in die Kinos kommen wird, aber was die anderen Länder angeht, werden wir noch mit verschiedenen Firmen verhandeln müssen.

 

Die letzten Jahre sah es aus, als hätte Nightwish auf Grösse gesetzt: grosse Tourneen, grosse Bühnen, grosse Orchester… Bist du manchmal nicht etwas nostalgisch, wenn du an 2002 und das Album “Century Child” zurück denkst, wo noch alles ein bisschen einfacher war?

Ja (lacht). Ja, bin ich. Eine Band von diesem Ausmass zu sein bedeutet, mit vielen Arschlöchern zu tun haben, die du gar nicht treffen möchtest. Wie es zum Beispiel deine Frage bezüglich Merchandising beweist (lacht). Auf einmal schwirren ständig viele Leute um dich herum mit vielen Vorschlägen, und auf einen Schlag musst du zu irgendetwas eine Entscheidung fällen. Manchmal triffst du die falschen Entscheidungen, aber meistens die richtigen für die Band und ihre Zukunft. Aber ehrlich gesagt finde ich, dass manche Leute besser ihre Nase raus halten sollten – wir würden manchmal gerne einfach nur unter uns bleiben, aber dies ist jetzt nicht mehr möglich.

 

Aber dieser ganze Erfolg eröffnet uns auch neue Möglichkeiten. Zur Zeit von “Century Child” hätten wir zum Beispiel nie die Finanzen und die guten Kontakte gehabt, um einen Film zu drehen. Ich bin wirklich neugierig, wie das Endresultat aussehen wird und was die Leute davon halten werden. Klar gab es früher Dinge, die einfacher waren. Was ich beim Rock’n’Roll spielen am meisten liebe, sind die Konzerte in den kleinen Clubs, wo die Atmosphäre ganz anders ist, wo die Leute nahe bei der Bühne stehen, schwitzen und Bier trinken. Leider finden heutzutage unsere Konzerte nur noch selten in Clubs statt.

 

Ist “The Siren” immer noch dein Lieblingslied von Nightwish, wie du es auf eurer französischen Seite angegeben hast?

Oh, da habe ich nicht so viel überlegt. Es ist sicher eines meiner Favoriten, aber ich muss zugeben, dass mir die Lieder von “Imaginaerum” sehr gefallen, sie sind mir immer noch nicht leid geworden. Manchmal wenn man seine eigene Musik hört, dann lässt man manchmal einige Stücke weg, aber bei mir ist das noch nicht der Fall. Ich muss also etwas genauer über diese Frage nachdenken.

 

A propos Lieblingslieder, ihr spielt an euren Konzerten wieder “Over the hills and far away” (Cover von Gary Moore, Anm. d. Red.), nachdem ihr es lange Zeit links liegen gelassen habt. Warum?

Es ist eine grosse Bereicherung, dasss wir Troy Donockley mit uns auf Tournée haben, er spielt zu diesem Stück Dudelsack. Und dieses Lied mit der Stimme von Anette neu zu interpretieren, macht es sehr interessant, diesen Song wieder zu spielen. Ich kann nicht sagen, für wie lange, aber im Moment spielen wir es.

 

Du bist jetzt 46 Jahre alt. Hast du vor, in den nächsten 46 Jahren weiterhin Musik zu machen?

Der Grund, warum ich immer noch da bin, ist wahrscheinlich, weil ich mir diese Frage nie gestellt habe. Ich lebe von Tag zu Tag, und habe Freude an dem, was ich mache. So lange ich also daran Spass habe, so lange werde ich weitermachen!