Kultur | 04.07.2012

Verstrickt und zugenäht

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von Sabina Galeazzi
Seit Anfang Juni zieren 360 Meter gestrickter Maschen die Handläufe der Wettsteinbrücke in Basel. Das Kunstwerk entstand als Gemeinschaftsprojekt unter der Leitung von Kathrin Stalder und trägt den Namen Strick-Graffiti: "Basel farbARTig verstriggt". Sicher noch bis zum Ende der Schulferien wird das textile Graffiti der Stadt erhalten bleiben und die Blicke der Passanten auf sich ziehen.
Menschen jeglicher Herkunft machten beim Guerilla Knitting mit. "Wir waren alle miteinander per du", sagt die 63-jährige Organisatorin Kathrin Stalder. Der von Mirjam Schaffner gestrickte Elefant Elmer ist wohl die augenfälligste Verzierung der Verzierung.
Bild: Sabina Galeazzi

Guerilla Knitting, Urban Knitting oder Strickgraffiti ist eine Form der Street Art, bei der gezielt leblose Objekte auf der Strasse eingestrickt werden, seien dies Fahrräder, Laternenpfosten oder gar Bäume und Steine. Ziel dieser in der Schweiz noch wenig verbreiteten Bewegung ist es, Farbakzente in die eintönige städtische Architektur zu setzen, ohne diese dabei zu Beschädigen. Gleichzeitig pflegen Strickgraffiti- Künstler oder “Knitter”, wie sie sich nennen, ein altes Handwerk, das der jungen Generation von heute kaum noch geläufig ist.

 

Stricken verbindet

Vor mir am Tisch sitzt Kathrin Stalder, eine Frau von 63 Jahren. Geduldig beantwortet sie meine Fragen und erzählt mir von ihrer Arbeit. “Urban Knitting ist eine Strassenkunst die Menschen verbindet”, sagt sie mir. “Jeder kann dabei unabhängig von Herkunft und Status sein Talent einbringen.” Dieses verbindende Element wohnt auch dem von ihr auf die Beine gestellten Projekt inne. Schon der Standort des Kunstwerks ist in dieser Hinsicht von Bedeutung, verbindet doch die Wettsteinbrücke die beiden Stadtteile Klein- und Grossbasel sowie ihre Bewohner miteinander.

 

Menschen aller Schichten und Nationalitäten liessen dazu seit August des letzten Jahres freiwillig und unbezahlt fleissig die Nadeln tanzen. Wöchentlich jeden Mittwoch traf sich die Strickgruppe um Kathrin Stalder jeweils am Rheinbord beim schmalen Wurf oder im Unternehmen Mitte. Den Teilnehmern wurde dabei freie Hand in der Gestaltung ihres gestrickten Beitrages gelassen. Wer im Umgang mit den Nadeln noch unsicher war konnte sich von den erfahreneren Strickerinnen und Stricker Tipps geben lassen. Selbst blutige Anfänger waren willkommen. “Es herrschte eine sehr familiäre Stimmung in unserer Strickrunde. Wir waren alle miteinander per du.” so Kathrin Stalder.

 

Ökologisch korrekte Materialvielfalt

Mit Hilfe von Flyern einer eigenen Facebook- Seite und Mund-zu-Mund-Propaganda gewann das Projekt rasch an Bekanntheit und Mitstrickern. Unter den Teilnehmern war auch die bekannte Strickgraffiti-Künstlerin Ute Lemnartz-Lembeck aus Deutschland. Ebenfalls beteiligt waren eine Grundschulklasse und ein Pflegeheim für Schwerbehinderte. Am Abend des 9. Juni, kurz vor Beginn der Art Basel fand die Montage auf der Brücke statt. Die einzelnen Abschnitte der Strickarbeit weisen viele persönliche Elemente und kreative Verzierungen auf: Zopfmuster, gehäkelte Blümchen, Schriftzüge, das Basler Wappen mit Liebeserklärung an die Stadt, und als prominentestes Beispiel den von Miriam Schaffner gestrickten Elefanten Elmer. Verstrickt wurden nebst unzähligen Kilogramm Wolle und Garn diverse Recycling- Materialien aus zweiter Hand wie Plastiksäcke, Schnüre, Duschvorhänge und Küchentücher. Das Kunstwerk ist also auch ein Beispiel für eine originelle Wiederverwendung verwertbarer Ressourcen.

 

Bitte Berühren

Interessant ist, dass die Beteiligten ihr Kunstwerk selbst Instand halten und eventuelle Schäden eigenhändig ausbessern. Es handelt sich dabei meist um Kleinigkeiten wie Löcher oder abgerissene Häkelblumen. “Da es sich um ein Gemeinschaftswerk handelt, tragen die Leute auch mehr Sorge dazu und behandeln die Arbeit mit Respekt”, so Kathrin Stalder. “Bisher hatten wir zum Glück hauptsächlich positive Rückmeldungen.” Respekt soll jedoch nicht mit Scheu und verwechselt werden. Der eingestrickte Handlauf ist nicht nur ein Erlebnis für die Augen sondern auch für den Tastsinn. Daher gilt für dieses Kunstwerk zur Abwechslung einmal: Berühren erwünscht. Wie lange die Arbeit effektiv stehen bleibt ist noch nicht abschliessend geklärt und hängt auch davon ab, wie sorgfältig die Menschen mit ihr umgehen. “Sie wird sicher bis zum Ende der Sommerferien stehen bleiben”, bestätigt Kathrin Stalder. Für die weitere Verwendung der Strickarbeit hat sie bereits einige Ideen. Beispielsweise seine Ausstellung als “reisendes Kunstwerk” in der Basler Partnerstadt Miami im Rahmen eines Tourismusprojektes. Ebenfalls plant die quirlige Frau pünktlich auf die Art 2013 eine weitere Guerilla Knitting-Aktion, möchte dazu jedoch noch keine konkreten Angaben machen, da die Bewilligung für das Projekt noch aussteht. Auch hofft Kathrin Stalder, für ihre nächste Arbeit mehr Jugendliche und Männer zu gewinnen, die sich für das alte Handwerk interessieren und persönlich zur Verschönerung des Stadtbildes beitragen möchten. Guerilla Knitting selbst fristet in der Schweiz zwar noch ein Mauerblümchendasein, dank dem unermüdlichen Einsatz von Kathrin Stalder und anderen Strickkünstlerinnen könnte sich das in den nächsten Jahren jedoch ändern.

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