Kultur | 31.07.2012

Schwing das Tanzbein

Text von Veronika Henschel | Bilder von Julian Stiefel
Welche zwölf Dinge würdest du tun, bevor die Welt untergeht? Sicherlich wäre bei vielen dabei: Musik hören, Musik machen oder sich zu Musik bewegen. Oder gleich alles zusammengefasst: Eine Nacht lang singend durchtanzen. Welcher Ort eignet sich besser für solch ein Vorhaben als ein Open Air?
Tanzend mit der Welt verschmelzen, eine ganze Nacht lang. Die Füsse werden es bereuen, der Geist sicher nicht.
Bild: Julian Stiefel

Ich habe grosse Pläne. Die ganze Nacht soll durchgetanzt werden. Also packe ich meinen Rucksack und mache mich auf ins Sittertobel, wo wie jedes Jahr das St. Galler Open Air stattfindet. Es ist Samstag und gefühlte 35 Grad, doch die Stimmung ist bestens. Mit viel Flüssigkeit bereite ich mich auf die bevorstehenden Anstrengungen vor.

 

Achtung, fertig, tanzen!

Sanft aufgewärmt wird mit Boy, einer gemütlichen Zwei-Frauen-Band. Gleich danach geht mit der Parov Stelar Band eineinhalb Stunden die Post ab, an Stillstand ist nicht zu denken. Ich kämpfe mich weiter durch die verschiedenen Acts und lande nach dem letzten Konzert in der Stars & Stripes Bar, die 24 Stunden offen hat. Meine Begleitung ändert sich immer wieder, jeder braucht eine Pause, geht schlafen, ruht die Füsse aus. Nur ich nicht, denn ich habe ein Ziel. Bis zum Morgengrauen will ich mich bewegen. Also lasse ich Füsse, Beine, Hüfte, Arme und Kopf zu unterschiedlichsten Musikstilen zucken, Stunde für Stunde. Nach einer Weile spüre ich nichts mehr ausser der Einheit von Bass und Herzschlag.

 

Nichts als tanzen

Pausen gibt es nur für den Getränkenachschub. Bleibt man nämlich zu lange stehen, spürt man die schmerzenden Füsse und die allgemeine Erschöpfung. Also bleibe ich nicht stehen, sondern surfe auf dem Hoch des Tanzens weiter bis zur Ekstase. Um mich herum geben sich unzählige andere Menschen der Musik und dem Blinken der Scheinwerfer hin. Ich fühle mich mit ihnen verbunden, wie auch mit den Klängen, der ganzen Welt, den Brettern, auf denen wir tanzen. Für ein paar Stunden ist alles gut und Sorgen wie der bevorstehende Weltuntergang rücken in weiter Ferne.

 

Die Sonne geht auf, die Tanzfläche leert sich, meine Energie schwindet. Meine Füsse sind geschwollen und ich kann mich nur noch knapp bis zum Zelt schleppen – doch in meinem Kopf tanzt es immer noch. Schon lange war ich nicht mehr so erfüllt und von einer Sache eingenommen wie in der vergangenen Nacht. Sich ganz etwas hingeben, nur darauf konzentrieren – eine Lebensqualität, die viele unterschätzen. Probiert es aus, solange die Welt sich noch dreht! Schmerzende Füsse vergehen, die Erinnerung an tolle Nächte wie diese aber nicht.

 

Dieser Artikel ist der siebte aus der Serie “Das Ende ist nah”. Einmal im Monat legt Tink.ch-Autorin Veronika Henschel hier Dinge nahe, die man unbedingt noch tun sollte, bevor die Welt am 21. Dezember (vielleicht) untergeht.