Gesellschaft | 25.07.2012

“Nach der Schule gab es als Erstes Schläge”

Text von Anita Burkhalter | Bilder von BZ/zVg
Der heute 73-jährige Alfred Hofstetter wurde als Kind von seinen Eltern verdingt. Im Interview erklärt er, wie er als Kind im Emmental bei einer fremden Familie aufgewachsen ist und was er Tag für Tag ertragen musste.
Alfred Hofstetter in der 3. Klasse (im Bild der dritte von unten links). Freunde hatte er in der Schule keine. Heute ist er glücklich: Alfred Hofstetter in seiner Wohnung in Biel.
Bild: BZ/zVg

Wann wurden Sie verdingt?

Alfred Hofstetter: Im Jahr 1946 wurde ich als Siebenjähriger erstmals verdingt. Ich kam zu dieser Pflegefamilie, weil sie einen Knaben zum Arbeiten brauchte.

 

Also wurden Sie zwei Mal verdingt?

Im Winter durfte ich wieder nach Hause zurückkehren. Aber schon im Februar musste ich wieder in eine neue Pflegefamilie – zu Verwandten meiner ersten Pflegeeltern.

 

Haben Sie damals realisiert, wieso Sie von Ihren Eltern verdingt wurden?

Natürlich. Da wir 17 Geschwister waren und unser Vater nicht genug Geld verdiente, mussten einige von uns verdingt werden. Nur die drei ersten Kinder und die drei jüngsten Geschwister konnten zu Hause bei unseren Eltern bleiben.

 

Was war das für ein Gefühl, als Sie “abgeschoben” wurden?

Waren Sie böse auf Ihre Eltern oder haben Sie es verstanden?-¨Als ich es erfahren habe, dass ich verdingt werden würde, war es schon ein ungutes Gefühl. Auf meine Eltern war ich nicht böse, denn sie konnten ja nicht 17 Kinder ernähren.

 

Sie sind sicher nicht mit dem Wunsch auf die Welt gekommen, als Verdingbub aufwachsen zu müssen. Von was haben Sie als Kind geträumt?

Natürlich nicht. Mein Wunsch als Kind war, bei meinen Eltern aufzuwachsen, denn ich hatte meine Mutter und meinen Vater gerne. Aber sie hatten ja keine Wahl, ich musste ihre Entscheidung einfach akzeptieren.

 

Als Sie in Ihr neues Zuhause kamen, waren dort auch andere Kinder?

Die Pflegeeltern hatten selbst drei Kinder, der Sohn der Pflegefamilie war gleich alt wie ich. Zudem arbeiteten auch zahlreiche Knechte und Mägde auf dem Hof.

 

Wie haben Sie sich mit den anderen Kindern verstanden?

Wir sind nie miteinander klargekommen. Oft wenn ich von der Schule nach Hause kam, wurde ich als erstes bestraft. Wofür wusste ich zuerst nicht, aber nach einiger Zeit begriff ich, dass der älteste Sohn absichtlich etwas angestellt hat, für das ich dann bestraft wurde.

 

Wie sahen diese Strafen aus?

Mein Pflegevater war ein “Unflat” und konnte nichts anderes als zuschlagen. Tag für Tag musste ich Tritte in den Hintern, Schläge mit dem Seil oder Ohrfeigen ertragen.

 

Kam es auch vor, dass Sie als Strafe nicht zur Schule gehen durften?

Das gab es durchaus. Manchmal als Strafe, manchmal aber einfach auch nur, weil es auf dem Hof viel Arbeit gab. Glücklicherweise war der Schulstoff für mich kein Problem. Obwohl ich manchmal nicht zur Schule gehen durfte oder die Hausaufgaben nicht machen konnte, hatte ich gute Noten.

 

Hatten Sie in der Schule Freunde?

Eigentlich nicht, meine Freunde waren die Tiere und der Grossvater der Pflegefamilie. Er war auch der Einzige, der mit mir redete. Er brachte mir viel über Bienen bei und ab und zu bekam ich auch eine Honigschnitte.

 

Wie sah Ihr Arbeitsalltag aus?

Das ging von Stall- bis zu Feld- und Waldarbeit. Oft waren es zu schwere Arbeiten für ein Kind. Dies interessierte die Pflegefamilie aber überhaupt nicht.

 

Als Sie konfirmiert wurden, haben Sie die Konfirmationskleidung bekommen?

An diesem Tag musste ich zuerst den Stall machen, danach konnte ich ganz allein in die Kirche gehen. Am Nachmittag ging ich dann mit unserem Hund spazieren und da habe ich schon ein bisschen geweint. Die Konfirmationskleidung musste ich anschliessend während einem Jahr abarbeiten, aber durfte sie trotzdem nicht behalten. Später erhielt ich von meinem Paten noch eine Uhr.

 

Wie ging es nach Ihrer Zeit als Verdingbub weiter?

Ich ging sofort von dort weg und arbeitete während zwei Jahren auf dem Betrieb meiner Eltern.

 

Alfred Hofstetter, Jahrgang 1939, arbeitete nach seiner Zeit als Verdingbub als Bauer und als Pferdekrankenpfleger. Er geniesst heute mit seiner Lebenspartnerin in Biel den Ruhestand und sagt rückblickend: “Was ich in der Jugend nicht hatte, habe ich jetzt. Nämlich ein gutes Zuhause. Und das ist das, was der Mensch doch braucht, um glücklich und zufrieden zu sein. Oder nicht?”

 

 

Ausgenutzt und misshandelt


Verdingung bezeichnet die Fremdplatzierung von Kindern zur Lebenshaltung und Erziehung. Oft wurden die Kinder an Bauern vermittelt, von denen sie als günstige Arbeitskraft meist ausgenutzt, misshandelt und missbraucht wurden.

 

 

 

Young Reporters


Dieser Artikel entstand als Teil des Jugendjournalismus-Projekts “Young Reporters”. Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren lernen an einem eintägigen Trainingstag die Grundlagen des Journalismus kennen und arbeiten zusammen mit Medienprofis an ihren Artikeln zu Kinderrechten in der Schweiz. Organisiert wird das Projekt vom Hilfswerk Plan International Schweiz. Tink.ch publiziert alle im Projekt entstandenen Texte in einem Dossier. Der Text von Anita Burkhalter erschien erstmals am 11. Juli 2012 in der Berner Zeitung.

 

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