Kultur | 17.07.2012

“Ich mag die Illusion von Freundlichkeit”

Text von Chiara Nauer | Bilder von Beatrice Steinhörster
Warum nicht einmal mit Justin Bieber auftreten? Casper hat sich im Interview jedenfalls bereits den Titel und die Choreographie für ihr Duett ausgedacht. Auch sonst war der deutsche Rapper äusserst red- und singselig.
Auf der Bühne rappt und tanzt Casper wild herum. Beim Interview genau so.
Bild: Beatrice Steinhörster

Ein Mann von 30 Jahren, der bis zu seinem elften Lebensjahr mit seiner Mutter in den USA gelebt hatte, trägt den Namen Benjamin. Benjamin Griffey, um genauer zu sein. Man kennt ihn als Casper. Er kommt aus Deutschland, wo er ziemlich bekannt ist. Ein Rapper, den man nicht nur in die Schublade Hip Hop einordnen kann. Er wirkt sehr selbstbewusst und locker. Manchmal ein bisschen aufgedreht. Bis man ihn auf die Schweiz anspricht. Denn bei den Schweizern weiss er nie, was ihn so genau erwartet. Wie sie ihn finden. Ob die neutralen Menschen aus dem Schokoladenland ihn auch wirklich mögen.

 

Tink.ch: Findet heute dein erster Auftritt in der Schweiz statt?

Casper: Vor zwei Wochen haben wir unser erstes Festival gespielt am Openair St. Gallen, welches unerwartet super war. Davor hatten wir bereits zwei bis drei Auftritte, einer davon hier in Bern im Bierhübeli.

 

Wieso war das Konzert am Openair St. Gallen so unerwartet gut?

Ich glaube nicht, dass ich hier ein grosser Künstler bin und an unseren besagten Aufführungen hatten wir schon von 20 bis 600 Leuten. Es schwankt dann halt sehr. Und in St. Gallen standen ganz viele Menschen vor der Bühne, was total schön war.

 

Vom Bild von St. Gallen zum gesamten Eindruck der Schweizer. Was haltet ihr Deutschen von uns?

Wir haben eigentlich ein gutes Bild von euch. Ich sage immer: Die Schweiz ist das Schöne-Menschen-Land. Immer wenn ich so über das Festivalgelände gehe oder ins Publikum gucke sind da immer ganz viele schöne Mädchen und gut gekleidete Jungs und das ist alles sehr stilvoll.

 

Ist deiner Meinung nach Deutschland in dieser Hinsicht ganz anders?

Ach, wir haben öfters so agrarwirtschaftliche Gegenden, was es aber hier wahrscheinlich auch geben wird. Ich war ja quasi bis jetzt erst in den grössten Städten der Schweiz. Und wir spielen auch immer wieder gerne hier, weil man immer nett behandelt wird und die Menschen so freundlich sind. Bei uns sind alle irgendwie kalt und abwartend.

 

Und wie würdest du die Bevölkerung in den USA beschreiben?

Amerika ist ja sehr freundlich und natürlich auch oberflächlich, was ich eigentlich ganz gut finde. Eine gute Verbildlichung ist, wenn du in Berlin im Hackeschen Markt einkaufen gehst, in einen Laden reinläufst und der Typ hinter der Theke dich nicht Mal begrüsst. In Amerika ist es so, dass sie dir ein nettes “Hallo” zurufen und sofort fragen, wie es dir geht, obwohl es sie wahrscheinlich gar nicht interessiert. Aber ich mag die Illusion von Freundlichkeit. Das gefällt mir sehr.

 

Heisst das, dass du selber in einer Blase, einer Illusion lebst?

Nein, gar nicht. Wenn du von einer Kellnerin bedient wirst und die lächelt dich an, ist es doch egal, ob es ernst gemeint ist oder sie nur eine Maske aufgesetzt hat.

 

Bei deiner ersten Gruppe Kinder des Zorns, habt ihr euch da auch eine Maske aufgesetzt? Eine aus Aggressivität oder wie ist dieser Namen entsprungen?

Wir fanden den Namen einfach super. Als wir Mal ein Lied von Kool Savas hörten, sang der “blablabla: Kinder des Zorns” und das überzeugte uns, diesen Textteil gleich als Namen der Gruppe zu nutzen. Was ziemlich unspektakulär ist. Man würde jetzt meinen, dass wir sehr lange darüber sinniert haben, Räucherstäbchen anzündeten und eine Weile darüber nachdachten, wie wir uns wohl nennen könnten. Es gibt nur eine Platte von Kinder des Zorns, welche eine sehr antike Rapplatte ist (grinst).

 

Wie kam der Werdegang vom typischen Hip Hopper zu Casper, der Indie verkörpert?

Das Ding ist ja, ich bin immer mit beidem aufgewachsen. In Amerika hatte ich einen afroamerikanischen Stiefvater, der Rap wie Bobby Brown und Public Enemy hörte, mein Vater hingegen stand eher auf Black Sabbath und groovygeren Heavy Metal. Und in meiner Jugend bin ich skateboardtechnisch unterwegs gewesen und habe Mal mehr Hip Hop und Mal mehr Hard Core-Sachen gehört, wie ein Pendulum, das hin und her schwenkte. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es keinen Sinn macht, die zwei voneinander zu trennen, sondern dass man die Attitüden miteinander verweben kann. Und daraus sprang…

 

Casper!

Xoxo (grinst; xoxo ist der Titel von Casper’s neuestem Album, Anm. d. Red.)

 

Kannst du dich da überhaupt irgendwo einordnen?

Ich sehe mich schon als Rapper, ehrlich gesagt. Die ganzen Hip Hopper, die sampeln ja immer Soul-Sachen (beginnt ein Beispiel vorzusingen). Und ich finde das doof, da ich keine Soulmusik höre. Indie, Postrock oder Black Metal sind schon eher mein Ding. Und ich fand es gut zu sagen, dass ich gar nicht aus dieser Stilrichtung komme, also muss ich ja auch nicht meine musikalischen Bezüge daraus nehmen.

 

Könntest du dir vorstellen, morgen mit Justin Bieber ein Lied aufzunehmen?

Na klar! Ich find das neue Album richtig super. Es hat richtig harte Beats.

 

Kann man dich denn noch ernst nehmen als Rapper? Justin Bieber gilt ja eher als Witzfigur in der Hip Hop-Branche…

Oh Gott, dass kannst du so nicht sagen! Der hat etwas mit Kanye West, Drake oder Ludacris gemacht. Was eigentlich total der Hip Hop ist. Die Posterfigur ist einfach davor geklatscht. Ich weiss, dass ich mich jetzt um Kopf und Kragen rede, aber ich finde sein neues Album tatsächlich gut.

 

Welchen Namen wird euer gemeinsames Lied tragen?

So etwas Justin Bieber-mässiges wie “Sweat On The Dancefloor” (beginnt zu singen und zu tanzen).