Kultur | 05.07.2012

“Heimat ist immer etwas Schwieriges”

Er sei ein "Word-of-mouth«-Star, behauptet The Guardian, und seine Besonderheit wird dadurch beschrieben, dass jeder das Gefühl habe, ihn selbst entdeckt zu haben. Längst ist Ben Howard kein unbekannter Name mehr.
Ben Howard im Interview mit Tink.ch-Redaktorin Charlotte Hoes. Dem Publikum im Zürcher Kaufleuten waren die Songtexte des britischen Künstlers bestens bekannt. Plan B ist eine Farm oder eine Reise, etwa nach Indien.
Bild: Bea Steinhörster und Marie-France Lombardo

Am 27. Juni gab er ein Konzert im Zürcher Kaufleuten. Mit eingängigen, melodischen Klängen und starken Songtexten, die vom Konzertpublikum meist fehlerfrei mitgesungen werden, hat sich Ben Howard in der britischen Musikszene einen Namen gemacht. Erwartete man nun einen ruhigen Abend, wurde man eines besseren belehrt. Mit vielen Jam-Einlagen und einer phänomenalen Stimmung im Publikum wurde der Clubsaal ordentlich aufgeheizt und zum Toben gebracht.

 

Stunden zuvor hatte sich Tink.ch mit dem Briten zu einem Interview treffen können. In weißem T-Shirt und mit dem üblichen metallenen Armband am Handgelenk und dem Wellentattoo am Arm wirkte der auf der Bühne so präsente und kraftvolle Sänger eher unscheinbar und zurückhaltend im Gespräch.

 

Tink.ch: Ihr seid viel unterwegs und spielt auf der ganzen Welt – ermüdet dich das nicht manchmal?

Ben Howard: Manchmal, sicherlich. Es ist ein wirklich cooler Job, wir haben Glück und reisen querbeet. Aber es ermüdet auch, klar. Reisen ist immer anstrengend, aber es ist auch aufregend, denn du siehst neue Orte und selbst wenn du schon dort warst, siehst du neue Sachen. Heutzutage haben wir etwas Freizeit an jedem Ort. Wir kommen am Morgen an und haben dann den ganzen Tag vor Ort. Oder man legt sich einfach ins Bett und ruht sich ein bisschen aus (schmunzelt).

 

Du triffst auch einen Haufen interessanter Leute – wünschst du dir da nicht manchmal auch länger an einem Ort bleiben zu können?

Das ist die andere Seite der Medaille. Du musst weitergehen, wenn du eigentlich gerne still stehen würdest. Wir gehen an so viele wunderschöne Orte, dass die Zeit dort manchmal definitiv zu kurz ist.

 

Und dann wünschst du dir, einfach mal eine Woche freimachen zu können?

Es ist aufregend, herumzureisen – ein andermal sehnst du dich dann nach Hause. Ich war aber immer schon sehr unabhängig. Meine Eltern zogen weg, als ich achtzehn war und auch meine Schwester zog aus. “Zuhause” ist daher mehr dort, wo ich gerade bin. Es ist jedoch gut, dorthin zurückzugehen, wo ich herkomme. Ich gehe öfters nach Devon zurück, sehe Freunde – aber ich habe keine Familie dort. Das ist ein bisschen eigenartig.

 

Damit springst du bereits zu einer anderen Frage: In deinen Songs beziehst du dich sehr häufig auf die “Heimat”. Was ist das genau für dich?

(zögert) Häufig ist es immer noch Devon. Und manchmal ist es … Manchmal ist es ein Gemütszustand. Heimat ist immer etwas Schwieriges. Gerade jetzt entferne ich mich mehr und mehr davon, ein tatsächliches Zuhause zu haben. Ich beginne, es an ein paar neuen Plätzen zu finden, was ganz cool ist. Ich fange an zu überlegen, wo ich die nächsten fünf oder zehn Jahre sein möchte.

 

Überlegst du, auch außerhalb Englands Halt zu machen?

Ja, ich denke an Irland oder auch Portugal.

 

Portugal – warum dort?

Ich habe einfach wirklich wundervolle Leute dort getroffen und hatte eine gute Zeit dort. Mir würde es gefallen, mehr Zeit dort zu verbringen und zu sehen, wohin das führt. Aber im Moment bin ich wirklich überall.

 

Und die Leute, die du auf dem Weg triffst, sind es hauptsächlich andere Künstler?

Alle möglichen Leute, von solchen, die du zufällig im Café triffst, bis hin zu anderen Künstlern. Die Festivalzeit ist toll, denn du triffst viele andere Bands und teilst die Bühne mit Menschen, die eine ähnliche Haltung haben und dasselbe machen wie du. Du triffst auch viele Leute in Pubs und Bars spät in der Nacht, das sind dann immer die witzigsten Begegnungen.

 

Du spielst dieses Jahr auch nochmal in Amerika. Dein Song “Promise” wurde in der TV-Serie “House M.D.” gezeigt. Andere britische Bands, wie etwa Snow Patrol, hatten einen riesigen Erfolg, nachdem ihre Songs im Fernsehen gespielt wurden. Hast du auch eine Veränderung bemerkt?

Ein bisschen. Es gab gute Reaktionen auf den Song, wenn wir ihn in Amerika gespielt haben. Normalerweise spielen wir ihn nicht live, da es eher ein ruhigerer Song ist. Es war aber schön ihn im Set integrieren zu können und zu sehen, dass die Leute ihn kannten.

 

Du bist nicht nur ein Sänger, sondern auch ein Songwriter. Ich vermute, dass du deine Songs in besonderen Momenten deines Lebens und aus bestimmten Gefühlen herausschreibst. Und dann, Jahre später, spielst du diese Songs. Du sagtest mal, dass es für einen Sänger wichtig ist, authentisch zu bleiben. Ist es nicht schwer und komisch, mit den Songs verbunden zu bleiben, die eigentlich der Vergangenheit entspringen?

Ja, das ist komisch. Aber ich glaube, die Emotion ist immer ähnlich. Oder selbst wenn sie sich ändert und entwickelt, ist es immer noch interessant. Songs sind fast ein bisschen wie eine eigene Zeit und ein eigener Raum. Das Lied mag ein paar Jahre alt sein und dennoch ist es wie ein kleines Fach in der Erinnerung. Die meisten meiner Songs sind über bestimmte Menschen und du bemerkst dadurch, wie sich die Beziehung in den Jahren verändert. Du hast immer noch eine emotionale Verbindung, denn diese Personen sind ein Teil deiner Geschichte. Sie sind ein Teil dessen, was dich ausmacht. Es verändert sich, aber es ist schön in diesen Kopfzustand zurückzukehren und sich zu erinnern, wie es sich angefühlt hat, etwas für diese Person zu empfinden. Es bedeutet, dass du vorwärtsgehen kannst. Es ist auch ein bisschen qualvoll. Manche Beziehungen bleiben aber auch so kompliziert, wie sie immer waren (lacht).

 

Ist das nicht manchmal etwas schmerzhaft?

Zweifellos. Du forderst das ja fast aus dem Song heraus. Aber das ist Songwriting. Du musst zu merkwürdigen Orten in deinem Kopf vordringen und dann wieder herauskommen. Es ist ein interessanter Vorgang. Du kannst einen Blick auf deine Gefühle werfen und sehen, was dabei ans Tageslicht kommt –  und dich dann davon lösen.

 

Hast du denn Zeit auf deinen Touren zu schreiben?

Ich habe viel … Na ja, ein bisschen Zeit. Wann immer ich sitze, schreibe ich. Es entsteht viel Neues. Ich versuche eher Zeit zum Aufnehmen zu finden, um ehrlich zu sein. Wir lieben es live zu spielen und haben so viele Auftritte dieses Jahr, dass es uns schwerfällt, etwas Zeit dazwischen zu finden.

 

Der Sommer kommt. Viele Leute gehen jetzt raus zelten, nehmen vielleicht ihre Gitarre mit und spielen sogar ein paar deiner Songs. Wenn du das machen könntest, welche – neben deinen eigenen – würdest du spielen? Was ist dein Sommersoundtrack?

Mein Sommersoundtrack? Ich weiss nicht, mein Musikgeschmack schöpft sich immer mehr aus den verschiedensten Quellen. Ich höre viel Nina Simone in letzter Zeit, hatte sozusagen einen Rückfall. Sie ist einfach zeitlos, für den Sommer wie Winter, aber sie hat ein paar tolle Sommerklänge. Außerdem eine Band die Daughter heißt. Die waren mein Wintersoundtrack, aber haben sich auch in den Sommer geschlichen. Der Frühling war für mich Policer. Die haben mich durch ein paar bizarre Monate gebracht, da war es gut, ein Album zu haben, das mich begleitet hat. Ein etwas unglücklicher Start in den Sommer. Peter Bjorn and John: The Chills. Das taucht immer im Sommer auf (summt die Melodie).

 

Hast du manche dieser Künstler getroffen?

Ich habe ein paar getroffen. Ich bin neulich in Little Dragon gelaufen. Das sind Sommertöne! Mit die beste Musik, die momentan gemacht wird. Außerdem bin ich Feist begegnet und ich war wie ein kleines Kind (verstellt seine Stimme ehrfürchtig): Hi, ich liebe deine Sachen… ja, wir spielen auch hier in Holland.

 

Und sprechen auch manche Künstler dich an?

Manchmal. Du siehst, wer deine Musik mag und wer nicht; das kommt immer wie aus heiterem Himmel.  Es ist schmeichelnd zu sehen, dass andere Künstler deine Musik mögen. Ich spiele 80 Prozent meiner Musik für mich selbst und 20 Prozent für meine Kollegen. Für andere Menschen, die etwas beisteuern und ähnliches machen. Am Ende kommt es nicht darauf an, was für eine Art der Musik du machst. Alle machen irgendwie dasselbe, du zeigst etwas von dir selbst und spielst es für andere Menschen. Ein Teil von mir spielt immer auch, um Menschen zu beeindrucken, zu denen ich aufsehe. Ich glaube, Leute die das nicht zugeben, lügen.

 

Letzte Frage. Wenn das jetzt alles heute enden würde – hast du einen Plan B?

Ja (prompt). Plan B ist eine Farm auf dem Land zu kaufen und mein eigenes Gemüse und so Zeug anzubauen. Das ist es. Einfach etwas wegzukommen.  Ich will versuchen, mich selbst zu versorgen. Oder Plan B wäre, einfach wegzugehen, irgendwohin in ein ganz anderes Land. Zum Beispiel nach Indien und einfach sehen, was das mit meinem Kopf anstellt.