Gesellschaft | 06.07.2012

“Gefühle erlebe ich hier im Wald intensiver”

Text von Florian Oegerli | Bilder von Florian Oegerli
Zum 1400-jährigen Jubiläum des Stadtbegründers Gallus wagt sich Patrick Schwarzenbach auf seine Spuren: Er will nicht den Einsiedler spielen, ganz ohne Kontakt zur Aussenwelt.
Patrick Schwarzenbach: "Meine Freundin hätte es eine tolle Idee gefunden, wenn es jemand anderes gemacht hätte." Schwarzenbach will nicht leben wie vor 1400 Jahren. Das WC musste er jedoch auf Anweisung des Försters im Wald platzieren.
Bild: Florian Oegerli

Tink.ch: Was hat dich dazu bewogen, in den Wald zu gehen?

Patrick Schwarzenbach: Zum einen der alte Gedanke vom Weggehen in die Wüste oder in den Wald. Allein in der Natur kommt man mit sich selbst in Kontakt und lernt, was es wirklich zum Leben braucht. Das haben nicht nur Heilige gemacht. Eines meiner Vorbilder, der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau, lebte zwei Jahre lang in einer selbstgebauten Hütte. Er schrieb darüber in “Walden”. Und zum anderen ist da das Gallus-Jahr, das mich auf die Idee gebracht hat, eine neue Form des Gallus-Daseins auszuprobieren.

 

Dann wärst du nicht in den Wald gegangen, wenn nicht das Gallusjahr gewesen wäre?

Nachdem ich das Gymnasium abgeschlossen hatte, verbrachte ich drei Monate im Kloster Disentis. Es hat mich interessiert, zu sehen, wie die Leute dort leben. Und ich war schon alleine auf Reisen. Ein bisschen vorgeprägt war ich also. Aber wenn das Gallus-Jahr nicht gewesen wäre, wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, in den Wald zu gehen. Die Idee kam mir erst im Gespräch mit einem anderen Pfarrer. Ich klärte danach mit dem lokalen Förster ab, ob das überhaupt erlaubt ist. Als alle fanden, das gehe schon, wurden meine Pläne konkreter. Und dann fand ich mich eines Tages hier im Wald wieder.

 

Wie hat dein Umfeld auf deinen Gang in den Wald reagiert?

Meine Familie und meine Freunde fanden es eine tolle Idee. Meine Freundin hätte es eine tolle Idee gefunden, wenn es jemand anderes gemacht hätte. “Gallus 2.0” ist eine Herausforderung für unsere Beziehung. Wir versuchen, uns im Zweiwochenrythmus zu sehen.

 

Wirst du oft besucht?

Es ist erstaunlich! Ich dachte, ich wäre die ersten ein, zwei Monate allein. Und ganz zu Anfang, als es dauernd regnete, gab es tatsächlich einsame Tage. Das hat mir aber gut getan. Es ermöglichte mir, mich einzuleben. Und bis jetzt hatte ich bereits über fünfzig Besucher, sowohl Leute, die mich in der Zeitung gesehen haben, wie auch solche, die auf einer Wanderung hier vorbeigekommen sind und mit mir spontan einen Grüntee trinken wollten. Es ist interessant: In der Einsamkeit ist man viel verbundener mit den Leuten. Ich bin gerade dabei, das Vermissen zu lernen. Das kennt man in unserer Zeit kaum mehr. Da hat man dauernd Zugriff auf alles: Filme, Bücher, Nahrungsmittel, Freunde. Das gibt es hier nicht. Und das wertet das Vermissen auf. Es ist schön, zu merken, wer einem am Herzen liegt und was einem wirklich wichtig ist.

 

Negative Erlebnisse mit Besuchern hattest du keine?

Fast nicht, nein. Manche waren zu Beginn kritisch. Die fragten sich wohl: “Was macht der da? Geniesst er einfach das Leben?” Meistens hat sich das im Gespräch geklärt. Aber ich verstehe diese Berührungsängste. Es ist schon komisch, wenn da einfach jemand im Wald hockt.

 

Was entgegnest du den Kritikern, die sagen, du seiest kein echter Eremit, weil Gallus keine modernen Hilfsmittel, wie zum Beispiel deinen Gaskocher, benutzt hat?

Die Kritik habe ich schon oft gehört. Es stimmt ja auch. Ich laufe nicht in Kutte und Sandalen herum. Ich habe eine Taschenlampe und Bücher dabei und einmal pro Woche wandere ich nach St.Gallen, um einzukaufen. Ich war sogar einmal an einer Hochzeit. Für mich gibt es zwei Antworten: Erstens will ich nicht nachspielen, wie Gallus gelebt hat. Ich möchte eine Brücke in die heutige Zeit schlagen. Die Frage ist: Wie können wir heute zu Stille und Ruhe finden? Wie können wir unseren Konsum und unsere Bedürfnisse herunterschrauben? Und zweitens will ich nicht mein Ego-Projekt vom Rückzug in den Wald über meine Freundschaften und meine Beziehung stellen. Die Kritik, dass ich nicht auf einem einsamen Berggipfel hause und mich völlig von der Welt abkapsle, ist also berechtigt. “Gallus 2.0” ist eine Mischung aus meinem normalen Leben und dem Gang in die Ruhe.

 

Henry David Thoreaus Hütte stand ja auch in der Nähe der Zivilisation.

Er sagte auch, er wolle nicht auf seine Kontakte verzichten. Er lud häufig Leute in seine Hütte ein. Ihm ging es nicht darum, eine völlig andere Existenz aufzubauen, sondern darum, mit möglichst wenig ein glückliches Leben zu führen. Er ging davon aus, dass wir nicht immer mehr verdienen müssen, um unsere Wünsche zu befriedigen. Wir müssen uns umgekehrt fragen: Was für Wünsche wollen wir wirklich? Das finde ich gerade in diesen Zeiten eine interessante Frage. Die Philosophie hinter “Gallus 2.0” ist leider bisher von den Reportern, die mich interviewt haben, ignoriert worden. Denen ging es eher ums Religiöse – oder das Dschungelcampmässige.

 

Hast du inzwischen herausgefunden, welche Bedürfnisse dir wichtig sind und auf welche du verzichten kannst?

In erster Linie vermisse ich meine Freunde, meine Familie und meine Freundin. All die sozialen Kontakte eben. Worauf ich, neben Nahrung, auch nicht verzichten kann, das sind Gedanken. Ich brauche Bücher, die mir Ideen liefern und mich inspirieren, solche, die man mehrmals lesen kann. Was ich dagegen nicht vermisse, sind Informationen. Wenn du überlegst, was dir am Ende des Tages bleibt, sind es kaum die Schlagzeilen aus Blick, 20 Minuten und dem Tagesanzeiger. In der Einsamkeit lernt man das Aussieben. Du erkennst, was du wirklich brauchst. Mit manchen Medien ist es wie mit Hamburgern, wenn man sie konsumiert, reut es einen danach.  Überinformation hinterlässt einen schalen Nachgeschmack im Kopf. Dem muss ich mich nicht aussetzen. Bücher dagegen habe ich viele mitgenommen, und zwar bewusst solche, die ich mehrmals lesen kann und die mich zum Nachdenken anregen. Zum Beispiel chassidische Geschichten, aber auch “Momo”, weil es da um die Frage nach dem Umgang mit der Zeit geht.

 

Wie erlebst du denn die Zeit hier im Wald?

Man kennt das aus dem Alltag: Macht man etwas Spannendes, dann vergeht die Zeit schnell. Ist einem langweilig, vergeht sie schleppend. Dieser Rhythmus ist im Wald viel intensiver. Habe ich keinen Besuch, dann dehnt sich die Zeit sehr. Das ist aber nicht unangenehm, denn ich werde dabei auch selbst langsamer. Ich übernehme eben den Rhythmus des Waldes. Wenn ich Besucher habe, vergeht die Zeit dafür umso schneller, weil es einfach schön ist, wenn jemand da ist, um zu reden. Obwohl ich mich an meinen Tagesplan halte, um halb acht aufstehe und eine Stunde meditiere, habe ich viel Zeit. Für das Essen brauche ich viel länger als im Alltag. Ich geniesse es dafür umso mehr. Auch wenn es nur einfache Mahlzeiten sind.

 

Aber langweilst du dich denn nicht manchmal?

In den ersten zwei Wochen gab es solche Tage. Ich habe mich dann bewusst der Langeweile ausgesetzt, anstatt zu versuchen, die Zeit totzuschlagen. Ich wollte erforschen, was das überhaupt bedeutet: Zeit haben. Wenn man Zeit hat, entdeckt man im Wald Sachen, die man sonst nicht bemerkt, Geräusche zum Beispiel. Oder den eigenen Atem. Diese Achtsamkeit fehlt im Alltag. Da ist man zu oft gestresst.

 

Im St. Galler Tagblatt hast du gesagt, dass du “wohl auch in einige Abgründe” blicken wirst. Hast du das getan? Fühlst du dich verändert?

In Abgründe habe ich nicht gerade geblickt, aber die Gefühle erlebe ich hier im Wald intensiver. Bin ich wütend, dann kommt die Wut sehr stark. Und wenn ich traurig bin ebenfalls. Ich finde das aber schön. Im Alltag schämt man sich ja für diese Gefühle. Alleine im Wald darf man dagegen einen Tag traurig sein. Da passiert einem Nichts. Ob ich mich verändert habe, kann ich nicht sagen. Manchmal scheint es mir: Genau, das ist jetzt die Ruhe, die ich immer haben wollte, die nehme ich dann mit in den Alltag. Und am nächsten Tag bin ich wieder so nervös wie immer.

 

Tink.ch: Was wirst du nach diesen 3 Monaten machen? Und was erhoffst du dir noch von “Gallus 2.0”?

Danach werde ich meinen Aufenthalt hier einen Monat lang auswerten. Es wird auch interessant sein, zu sehen, wie sich die Vegetation die Stelle hier wieder zurückholt. Und dann muss ich mich meiner Dissertation widmen. Ich hoffe, dass ich die Ruhe, die ich hier finde, ein Stück weit in den Alltag mitnehmen kann. Ich werde sicher öfters hierher zurückkehren.