Gesellschaft | 25.07.2012

Früher die Ohrfeige, heute der Handy-Entzug

Text von David Probst | Bilder von Colourbox
Während Kinder früher oft mit Gewalt "geformt" wurden, sind solche Erziehungsmethoden heute nicht nur bei Experten verpönt. Wir haben bei Vertretern verschiedener Generationen nachgefragt, wie sie bestraft wurden.
Strafe muss auch heute noch sein, der Gurt sollte aber in der Hose bleiben.-¨
Bild: Colourbox

In der Familie der heute 71-jährigen Miluse Petrovà , die in der Tschechischen Republik aufgewachsen ist, war der Vater das unbestrittene Oberhaupt der Familie. Wenn ein Kind nicht gespurt hat, sei es durchaus vorgekommen, dass es mit dem Gürtel gezüchtigt wurde, berichtet die vierfache Grossmutter. “Das war damals die übliche Bestrafung. Ich habe natürlich manchmal geweint, mich aber schnell daran gewöhnt und nicht protestiert.”

 

Bei der 69-jährigen Anne-Rose Probst aus Finsterhennen blieben körperliche Strafen im Elternhaus eine Ausnahme. “Als Strafe gab es Hausarrest oder keinen “Mohrenkopf” am Wochenende”, erzählt sie. Dafür habe in der Schule der Lehrer sehr oft seine Hand gegen die Schüler erhoben – heute würde dies wohl zu Dispensierung des Lehrers führen.

 

Schlagen ist nie gut

Obwohl Anne-Rose Probst Gewalt verabscheut, findet sie nicht, dass früher in der Erziehung der Kinder alles falsch gemacht worden ist. “Die Eltern sind heute im Gegensatz zu früher oft zu wenig konsequent und haben Mühe Grenzen zu setzen.” Ähnlich denkt auch die 48-jährige Zuzwilerin Brigitte Garo-Weber, die aus einer anderen Generation stammt, aber trotzdem eine strenge Erziehung über sich ergehen lassen musste. “Ich hatte insofern Glück, dass ich die jüngste in der Familie war und weniger körperlich bestraft wurde als die älteren Geschwister.” In der Schule seien die Lehrer, was körperlicher Gewalt angeht, bereits sehr zurückhaltend gewesen. “Wir wurden aber verbal attackiert und ab und zu flog auch eine Kreide in die Richtung der Schüler.”

Eine klare Meinung zum Ausüben körperlicher Gewalt in der Erziehung hat der Experte. “Das Schlagen von Kindern ist und war nie eine gute Lösung”, sagt Andreas Kreis, der stellvertretende Leiter der Erziehungsberatung des Kantons Bern. “Aus einem Schlag zieht ein Kind keine sinnvolle Lehre.” Wenn das Kind zum Beispiel eine Vase zerbrochen habe, wäre es sinnvoll, wenn es einen Beitrag an eine neue Vase leisten würde, zum Beispiel in Form einer Arbeitsleistung. Dabei lerne das Kind viel mehr.

 

Kreativer strafen

In den Genuss einer gewaltfreien Erziehung kam auch der 46-jährige Andrea Mostardi aus Murten. Zuhause musste er als Strafe auf das Fernsehen verzichten oder im Haushalt mithelfen und in der Schule musste er dem Hauswart unter die Arme greifen.

Mostardi ist aufgefallen, das die Jugend von heute statt hinauszugehen oder sich kreativ zu beschäftigen zu viel Zeit vor dem Computer verbringt. Er persönlich setzt in der Erziehung deswegen auf “mehr Ideenreichtum statt elektronische Geräte”. Er verstehe nicht ganz, was es bringen soll, wenn sein Sohn in der Schule zur Strafe ein paar Mal eine Wörterbuchseite abschreiben muss.

Fabio, der 17-jährige Sohn von Andrea Mostardi, findet selbst auch, dass manchen Jugendlichen heute etwas mehr Disziplin nicht schaden würde. Er denkt allerdings auch, dass es dazu bessere Mittel gibt als eine Ohrfeige. “Mich würde es wohl am meisten stören, wenn ich mehrere Tage auf das Mobiltelefon oder den Internet-Zugang verzichten müsste”, gesteht er.

 

Auf dem richtigen Weg

Erziehungsexperte Andreas Kreis ist überzeugt, dass die Kinder in der Schweiz im Grossen und Ganzen gut erzogen werden. Trotzdem möchte er den Eltern etwas auf den Weg geben: “Wichtig ist, dass die Eltern lernen, bei ihrem Kind Grenzen zu setzen und eine persönliche Meinung besitzen.”

 

 

Young Reporters


Dieser Artikel entstand als Teil des Jugendjournalismus-Projekts “Young Reporters”. Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren lernen an einem eintägigen Trainingstag die Grundlagen des Journalismus kennen und arbeiten zusammen mit Medienprofis an ihren Artikeln zu Kinderrechten in der Schweiz. Organisiert wird das Projekt vom Hilfswerk Plan International Schweiz. Tink.ch publiziert alle im Projekt entstandenen Texte in einem Dossier. Der Text von David Probst erschien erstmals am 24. Februar 2012 im Thuner Tagblatt.

 

 

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