Kultur | 17.07.2012

Freitag, der Dreizehnte

Text von Chiara Nauer | Bilder von Bastian Widmer.
Thank God, it's Friday. Der Tag, an dem das Gurtenfestival von trashigem Electro beschallt wird, produziert durch das durchgeknallte Duo Copy & Paste. Im Gespräch erzählt Sängerin Cheyenne, warum sie sich nach 15 Jahren noch immer vor jedem Konzert übergeben muss.
Copy & Paste schlossen den Freitagabend auf ihrem Hausberg mit ihrem verrückten Elektro-Trash ab.
Bild: Bastian Widmer.

Es ist Samstag, vier Uhr nachmittags, die Sonne versucht ihr Bestes, doch es ist ein harter Kampf mit all diesen grauen Wolken. Einige Meter tiefer unten steht ein Tisch mit Stühlen, auf denen zwei Frauen ein Gespräch führen. Eine davon ist Cheyenne, die Sängerin von Copy & Paste. Ihr Gegenstück und Ehemann, Mischu, ist nicht anwesend, was nichts mit Desinteresse zu tun hat. Bei dem Duo gibt es eine klare Rollenverteilung. Sie macht Bürokram, Interviews und Organisation, während er sich mit der Technik auseinander setzt.

 

Tink.ch: Bist du aufgeregt wegen dem bevorstehenden Konzert?

Cheyenne: Ja, extrem.

 

Aber eigentlich ist es doch nichts Neues nach den Auftritten am Imagine in Basel oder dem Openair St. Gallen?

Nein, das wird der etwa 230. Gig mit dieser Band in dieser Formation. Aber es ist halt der Gurten, das Zuhause und nicht irgendwas (lacht).

Ich mache jetzt schon mein halbes Leben lang Musik und es ist das erste Mal, das ich hier oben spielen darf. Da machst du dir schon Gedanken über die Garderobe für den entscheidenden Moment und ermahnst dich, nicht zu viel zu rauchen. Und Digitalism, eine der einzigen Bands, die ich hätte spielen sehen wollen, treten gleichzeitig wie wir auf. Also sozusagen Konkurrenz. Mal schauen, wie viele Leute kommen werden.

 

Ist dein Mann nicht dein Beruhigungsmittel?

(Lacht) Nein, überhaupt nicht. Momentan sind wir beide ziemlich im Stress mit unseren Aufgaben. Er kocht gerade, dass heisst, ich kann noch kurz etwas essen, wenn ich wieder unten bin. Aber wir beruhigen uns gegenseitig nicht. Und ich bin immer nervös, so dass ich mich jedes Mal vor einem Konzert übergeben muss. Das hat sich seit 15 Jahren eingebürgert und jetzt ist es halt so.

 

Seit 15 Jahren kein Gegenmittel gefunden?

Ich habe bereits alles ausprobiert, aber nichts funktionierte bisher.

 

Wie kam Copy & Paste, das Ehepaar, ins Leben?

Wir lernten uns vor einiger Zeit beim Musik machen kennen und hatten zusammen eine Punkband. Zuhause hatten wir Ideen auf dem Computer für die Band und als die sich auflöste, fanden wir, dass wir die Ideen zu zweit weiter verfolgen könnten. Wir machten also schon gemeinsame Musik, bevor wir ein Paar wurden.

 

Von der Punkband in das Electro-Leben?

Es ist immer noch sehr punkig (lacht). Ein Studio mit Gitarre, Bass und Piano gehört uns. Das heisst, wir spielen die Instrumente von Hand, welche digitale Signale dem Computer zusenden, der alles elektronisch klingen lässt. Nur zu zweit können wir nicht alles spielen und darum arbeiten wir mit Files. Diese Handarbeit lässt uns nicht in den typischen Electro einordnen. Sowieso, ich bin keine begnadete Sängerin. Es ist ein Spassprojekt mit Rumhüpfen und „es lustig Haben“, weshalb ich falsch singen und schreien kann. Aus Spass hat alles begonnen, eingeschlagen und jetzt sind wir immer noch dabei.

 

Und immer beliebter! Welche Beschreibung trifft auf dein Wunschpublikum zu?

Es ist cool, wenn die Leute tanzen und Freude haben. Aber wir sind froh, wenn wir überhaupt Publikum haben. Vor jeder Zahl haben wir bereits gespielt, vor der man spielen kann. Einmal hatte es eine Menschenmenge von 500 Personen, die sich nicht wirklich für uns interessierten. Da bevorzuge ich zwanzig, die es ausserordentlich toll finden.

Mein Wunschpublikum ist ausgelassen und macht Party mit uns.

 

Jetzt hast du die gegenteilige Situation. Niemand bewegt sich. Wie lautet deine Reaktion?

Durchziehen, selber Spass haben und das den Zuhörern signalisieren. Wenn wir selber kein Vergnügen mehr hätten, würde das alles gar keinen Sinn machen. Und wir haben immer unsere Freude, mit der wir sie anzustecken probieren. Meistens klappt das auch.

 

War in diesem Fall eure Teilnahme vor zwei Jahren am Eurovision Song Contest auch nur aus Jux?

Genau, nur aus Spass. Wir versuchten einen richtigen Popsong zu schreiben mit richtigen Tonerhöhungen an den richtigen Stellen und Mischus Bruder begleitete uns als Pianist. Ein Familienprojekt, mit dem wir nicht in die nächste Runde gekommen sind. Dazu kommt, dass wir beide unabhängig voneinander seit der Kindheit diese Sendung gucken und wir es mögen.

 

Stell dir vor, der Spass wäre vorbei. Könnte man dann Copy & Paste begraben?

Wenn das der Fall ist, gibt es kein Copy & Paste mehr. Aber vielleicht etwas anderes. Momentan ist es toll, wir kommen rum und geniessen es.

 

Wird man dich auch noch als 60-jährige Oma auf der Bühne stehen sehen?

Unbedingt! Mit dem 30. Lebensjahr hatte ich eine kleine Krise. Als ich ein Konzert von The Sonic Youth besuchte, eine legendäre Rockband, welche aus 50-Jährigen und Älteren besteht, merkte ich, dass Musik kein Alter kennt.

 

Es ist zwischen zwei und drei Uhr morgens. Alles ist nass und schlammig. Immerhin hat es aufgehört zu regnen. Copy & Paste stehen auf der Bühne. Sie geben so richtig Gas und versprühen ihre Energie in die kalte Nacht hinaus. Die Leute nehmen sie begeistert auf und führen sich auf wie eine Kinderschar. Die Waldbühne ist längst nicht so gefüllt wie gestern, was aber garantiert nicht an der Musik, sondern an dem Wetter und der Lage der Bühne liegt. Und vielleicht steht Frau Paste jetzt stolz über der Masse und denkt sich, welch tolles Publikum sie heute beglücken darf.