Kultur | 14.07.2012

Festival der Oberklasse

Text von Eva Hirschi | Bilder von Eva Hirschi
Wenn man sich Openairs wie das Gurtenfestival gewöhnt ist, fühlt man sich am Montreux Jazz Festival, das heute zu Ende geht, auf den ersten Blick fehl am Platz. Aber nur auf den ersten Blick.
Das Montreux Jazz Festival verbreitet Ferienstimmung. Die Besucherinnen machen es sich am See gemütlich... ... oder an der Promenade des Genfersees.
Bild: Eva Hirschi

Roter Teppich statt Schlammschlacht, Champagnerstände statt Bierzelte, Jazz Café statt Bacardi Dome – das Montreux Jazz Festival lässt sich nur schwer mit anderen Schweizer Musikfestivals vergleichen. Muss es aber auch nicht. Denn das Konzept ist ein völlig anderes. Statt unter freiem Himmel finden die Veranstaltungen in Montreux in zwei Sälen statt. Pro Abend gibt es zwei bis drei Konzerte, zwischendurch Party-Nächte mit zahlreichen DJs. Das Festival dauert demnach auch länger, ganze sechzehn Tage. Heute, nach über 70 Konzerten mit mehr als 1’000 Künstlerinnen und Künstlern spielt mit Herbert Grönemeyer der letzte Headliner. Dazu kamen seit dem 29. Juni zahlreiche Gratiskonzerte auf den Openairbühnen direkt am See.

 

Mehr Einkaufszentrum als Dorf

Die meisten Festivals könnte man mit einem Dorf vergleichen. Im Dorfzentrum stehen die Bühnen, wo die Konzerte veranstaltet werden. Rund herum hat es Stände mit Verpflegung, Merchandising und Unterhaltung. Etwas weiter weg liegt die Campingzone, wo die “Bewohner” des Dorfes leben. In Montreux ist dies anders, es gleicht mehr einem Einkaufszentrum. In den Hauptgebäuden findet man so ziemlich alles, was man braucht, an Ort und Stelle. Das Jazz Café lädt zum Verweilen ein, in den Konzerthallen wird der Abend verbracht. Auch auf Unterhaltung stösst man in diesem Gebäude, allerdings nicht in Form einer Playstation: An einem Stand kann man CDs hören.

 

Am Nachmittag werden Workshops organisiert, zum Beispiel zur Frage, wie Musik Gefühle ausdrücken kann. An der Promenade am Ufer des Genfersees reihen sich zahlreiche Stände aneinander. Ein Campingplatz existiert zwar auch, ist jedoch weiter entfernt und gehört nicht offiziell zum Festival. Die Gäste übernachten entweder im Hotel oder fahren nach dem Konzert wieder nach Hause, Extrazüge nach Genf verkehren bis spät in die Nacht.

 

Wenig Jazz am Jazz Festival

Was die Musik angeht, ist der Titel des Festivals irreführend. Ursprünglich als Jazzfestival gegründet, hat sich das Programm schon in früheren Jahren auch anderen Musikstilen geöffnet. Heute ist gar nur noch ein kleiner Prozentsatz tatsächlich Jazzmusik. Am letzten Donnerstagabend fand sogar eine Metalnacht statt. Den Start machte die wenig überzeugende Zürcher Band 69 Chambers, deren Songs ziemlich monoton über die Bühne gingen.

 

Beim Hauptact Nightwish war die Stimmung nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Publikum viel besser. Die Fans sangen mit, die Leute waren in Bewegung – Band und Besuchern schien das Konzert Spass zu machen. Nichtsdestotrotz unterscheidet sich ein Konzert von Nightwish am Montreux Jazz Festival stark von einem Auftritt am Greenfield Festival. Wild getanzt wird am Genfersee nur das Minimum. Dies tat der Stimmung allerdings keinen Abbruch. Es zeugt eher von dem gehobeneren Publikum, dass das Montreux Jazzfestival Festival anzieht.