Gesellschaft | 10.07.2012

Ein wahres Schalt-Jahr

Seit dem 1. Juli ist irgend etwas komisch. Ich wache vor dem Wecker auf, erwische meinen Bus, bin pünktlich zu meiner Verabredung. Ich recherchiere und habe bald die Antwort auf diesen merkwürdigen Lebenswandel gefunden: Die Schaltsekunde, die am 1. Juli um 01:59:59 Uhr eingefügt wurde.
Wäre es nicht erholsamer, die Sekunden für einmal zu vergessen?
Bild: Roland Zumbühl/Picswiss.

Am 30. Juni 2012 um 23:59:59 wurde eine Sekunde in die sogenannte koordinierte Weltzeit eingefügt. In unserer Zeitzone geschah dieser seltene Vorgang um 01:59:59 Uhr. Das Jahr 2012 ist somit eines der längsten überhaupt: Es ist um einen Schalttag und eine Schaltsekunde reicher als all die anderen Jahre. Man könnte es somit als ultimatives Schaltjahr betiteln.

 

Zwei Zeiten

Verantwortlich für die Einmischung in die Zeit ist der Internationale Dienst für Erdrotation und Referenzsysteme (IERS). Dieser fand heraus, dass unsere beiden Uhrsysteme auseinanderdriften. Das eine System beruht auf der dem Lauf der Planeten, das andere auf den von Atomen abgegebenen Frequenzen. Grund für die Abweichungen sind kleine Unregelmässigkeiten in der Rotationsgeschwindigkeit der Erde. Um beide Uhren synchron zu halten wird seit 1972 ab und zu eine Schaltsekunde eingeschoben. Diese hier war die 35.

 

Den Schalter umlegen

Ohne es zu wissen habe ich also eine Sekunde an Zeit geschenkt bekommen. Zeit, die dafür sorgt, dass ich nun pünktlich oder gar zu früh an Ort und Stelle bin. Diese neue Pünktlichkeit wird sich vermutlich mit der Zeit verlaufen, schliesslich gewöhnt man sich auch an die Sommer- und Winterzeit. Aber ich werde länger leben. Der IERS hat mir ein längeres Leben geschenkt. Abgesehen davon – ist es wirklich notwendig, solche Schaltsekunden einzufügen? Muss denn immer alles auf die Sekunde genau stimmen? Wie wäre es, wenn wir, anstatt Schaltsekunden und Schalttagen unsere Aufmerksamkeit zu schenken, einmal den Schalter umlegen und uns eingehend mit dem Abschalten beschäftigen würden? Sonst müsste ich noch stundenlang überlegen, wie ich die zusätzlich gewonnene Sekunde sinnvoll investiere könnte.