Gesellschaft | 25.07.2012

Ein Leben in ständiger Angst

Text von Alena Leuch | Bilder von NZZ/zVg
Das Erwischtwerden beim Tramfahren ohne Fahrausweis endet für Menschen mit Schweizer Pass meist mit einer Geldstrafe. Für sogenannte Sans-Papiers allerdings kann ein solch scheinbar harmloses Missgeschick schlimme Folgen haben: Es könnte für sie die Ausschaffung bedeuten.
In die Schule dürfen noch alle, der Zugang zum Arbeitsmarkt bleibt hingegen vielen verwehrt.
Bild: NZZ/zVg

Laut Solidarité Sans Frontières sind Sans-Papiers Personen, die in einem Land ohne eine gültige Aufenthaltsbewilligung leben. Manchmal haben sie auch keinen Pass ihres Herkunftslandes. In der Schweiz leben zwischen 90’000 und 300’000 Papierlose. Meist kommen sie mit dem Ziel, eine Arbeit zu finden, in die Schweiz. Weil sie aus Nicht-EU-Ländern stammen, sind ihre Chancen, eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten, aber äusserst gering.

 

Auch Flüchtlinge mit einem abgelehnten Asylgesuch oder einem Nichteintretensentscheid (NEE) werden zu Sans-Papiers. Weil sich ihnen kaum eine andere Lebensperspektive eröffnet oder weil sie bereits seit vielen Jahren in der Schweiz leben und ihre Kinder hierzulande in die Schule gehen, bleiben sie auch ohne Aufenthaltsbewilligung.

 

Der Grossteil dieser als “illegal” betitelten Menschen lebt in der Deutschschweiz. Laut Bea Schwager, Leiterin der Zürcher Sans-Papiers-Anlaufstelle, wohnen sie oft in engen, kleinen Wohnungen. Der Vertrag werde von berechtigten Personen unterschrieben, die der Familie die Wohnung überliessen. Auch komme es vor, dass eine ganze Familie in einem Zimmer lebe.

 

Mit den Sorgen alleingelassen

Die Sans-Papiers führen ein Leben in ständiger Angst. Sie müssen sich verstecken, dürfen keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ihre Sorgen teilen können sie nicht. Darunter leiden besonders die 10’000 papierlosen Kinder. Oft ziehen sich diese zurück. In der Schule sind sie schlecht integriert.

 

Da drängt sich die Frage auf, warum die Sans-Papiers sich und ihrer Familie das überhaupt antun. Die Antwort ist einfach: Für sie ist es immer noch besser, illegal in der Schweiz zu leben als legal in ihrem Heimatland. Dass sie auch ohne Pass Rechte haben, wissen viele nicht. Unter anderem haben papierlose Kinder ein Recht auf Bildung. 1997 hat die Schweiz die Uno-Kinderrechtskonvention ratifiziert, wodurch dieses Recht verbindlich wurde. Doch obwohl gemäss der Konvention alle in die öffentliche Schule gehen dürften, tun dies nur zwischen 300 und 500 der 10’000 papierlosen Kinder. Derzeit dürfen die Lehrpersonen weder die Polizei noch das Migrationsamt auf die Kinder und ihre Familien hinweisen.

 

Für die Zukunft erwägt der Bundesrat aber, eine Meldepflicht für Sans-Papiers-Kinder einzuführen. Die Vorgehensweise wird in der zuständigen Kommission geprüft. Diese Meldepflicht würde das Recht auf Bildung für alle Kinder untergraben.

 

Ungewisse berufliche Zukunft

Schwieriger wird es nach der Grundschule, denn die Sans-Papiers-Kinder haben sehr schlechte Berufschancen. Sie können zwar eine Hochschule oder die Universität besuchen, eine Lehre hingegen dürfen sie nicht machen. Ohne Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung können die Jugendlichen, die ja eigentlich keine Schuld für ihre Lage trifft, keinen Arbeitsvertrag abschliessen, so dass ihnen dann entweder Schwarzarbeiten oder Nichtstun bleibt.

 

Verschiedene Städte und Gemeinden versuchen eine Lösung für dieses Problem zu finden, was zu unterschiedlichen Situationen und Ungleichbehandlung führt. Eine einheitliche nationale Regelung besteht laut Pascale Steiner von der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen noch nicht – wird aber gefordert: Bis zum 8. Juni lief ein Vernehmlassungsverfahren des Bundesrats zur Umsetzung der Motion Barthassat “Jugendlichen ohne gesetzlichen Status eine Berufslehre ermöglichen”. Die Antworten werden gegenwärtig ausgewertet.

 

 

Young Reporters


Dieser Artikel entstand als Teil des Jugendjournalismus-Projekts “Young Reporters”. Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren lernen an einem eintägigen Trainingstag die Grundlagen des Journalismus kennen und arbeiten zusammen mit Medienprofis an ihren Artikeln zu Kinderrechten in der Schweiz. Organisiert wird das Projekt vom Hilfswerk Plan International Schweiz. Tink.ch publiziert alle im Projekt entstandenen Texte in einem Dossier. Der Text von Alena Leuch erschien erstmals am 13. Juli 2012 in der Neuen Zürcher Zeitung.

 

 

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