Gesellschaft | 24.07.2012

Die TV-Klassengesellschaft

Text von Amadis Brugnoni | Bilder von KFM/pixelio.de
Szenensprachenwiki.de ist eine Datenbank von Wortkombinationen und -kreationen aus verschiedensten Slangs des deutschsprachigen Raums. Wer eigene Worte kennt, darf diese auf der Website selbst hinzufügen. Moderiert wird die Plattform von Dudenverlag und Trendbüro. Tink.ch pickt einzelne Worte aus der Datenbank heraus und setzt sie in Zusammenhang mit einem aktuellen Kontext. Die heutige Auswahl lautet: Hartz-4-TV.
Hinunterblicken auf den, dem es noch schlechter geht: Die Strategie, welche die deutschen Privatsender mit ihren Nachmittagsprogramm fahren, scheint aufzugehen.
Bild: KFM/pixelio.de

Der durchschnittliche Schweizer konsumierte im Jahre 2009 am Tag rund zweieinhalb Stunden Fernsehen. Im Monat macht das rund eineinhalb Tage und über das ganze Jahr verteilt, verbringt die Schweizer Bevölkerung über einen Monat vor der Glotze. Und wir reden hier vom Durchschnitt und nicht von den zehn Prozent welche sich täglich mehr als drei Stunden ihrer täglichen Freizeit der passiven Unterhaltung vor dem Bildschirm widmen.

 

Der verdorbene TV-Appetit

Jeder Fernsehgucker kennt die Frage: “Was schauen wir denn heute?” Die Antwort ist oft schwierig. Da wir uns nicht entscheiden können, zappen wir etwas herum. Die bewegten Bilder, die uns erreichen, verderben jedoch jeglichen Appetit auf Fernsehen. Bei “Frauentausch” streiten sich keifende Frauen mit faulen Männern, in “Raus aus den Schulden” werden private Probleme von Herr und Frau Müller zur Schau gestellt und bei “das Model und der Freak” lassen sich mode-unbewusste Männer von grossen dünnen Frauen beleidigen. Harald Schmidt würde jetzt das Wort “Unterschichtenfernsehen” in den Mund nehmen. Andere gehen weiter und nennen die Fernsehen-Brocken, die sie am späten Nachmittag von den deutschen Privatsendern serviert bekommen, ganz plump und politisch inkorrekt “Hartz-4-TV”.

 

Die irreale Realität

“Wenn’s dir schlecht geht, dann schau eine halbe Stunde Hartz-4-TV. Dann geht’s dir wieder bestens”, sagte letztens ein Freund zu mir. Dies mag auf den ersten Blick so wirken, denn dass der Schaden des Einen dem Anderen Freude bereitet, wissen wir schon lange. Und meistens hat die Freude dann ein Ende, wenn der Schaden so gross ist, dass mit erheblichen Folgen gerechnet werden muss. Doch wie können wir das am Bildschirm überhaupt noch einschätzen? RTL und Co. servieren uns emotionsgeladene Doku-Soaps im sogenannten Scripted-Reality-Format. Das Einzige, was daran aber real ist, sind die Tränen der Darsteller, die durch die Anweisungen der Regie gewollt provoziert werden. Szenen werden inszeniert und harmlose Bilder werden mit Musik und lächerlichen Overvoice-Texten in einen deformierenden Kontext gepackt.

 

Die Ungebildeten sind schuld

Der Begriff «Unterschichtenfernsehen» wurde laut einer grossen Online-Enzyklopädie das erste Mal vom Satiremagazin Titanic verwendet. Mit Unterschichtenfernsehen ist jedoch keinesfalls die Bevölkerungsgruppe mit niedriger Kaufkraft gemeint. Diese sind für den Fernsehsender und dessen Werbeabteilung eher unattraktiv. Wer kein Geld hat, kann auch nicht kaufen und wer nicht kaufen kann, lässt sich auch von Werbung nicht dazu überreden. Als Unterschicht wird in diesem Zusammenhang diejenige Bevölkerungsgruppe bezeichnet, die auf keine hohe Bildung zurückgreifen kann. Und mit der einfachen Annahme, ungebildete Menschen seien oft arbeitslos, ist der Weg bis zu «Hartz-4-TV» dann nicht mehr weit.

 

Alles nur für die Quoten

Obwohl Arbeitslose meist als arm gelten, nehmen die Privatsender die Hartz-4-Empfänger trotzdem in ihren Zuschauerkreis auf, denn Arbeitslose sind die einzigen, die am Nachmittag die Möglichkeit haben, ihre Zeit vor dem Fernsehen zu vertrödeln. Und laut Statistik tun sie dies auch durchschnittlich ganze anderthalb Stunden mehr pro Tag als Menschen mit einer Anstellung. Da haben die Sender also ihre optimale Strategie gefunden: Während tagsüber die Quoten mit Sendungen für den Menschen mit niedriger Bildung gehoben werden, flimmern ab Viertel nach acht die Spielfilme für den Fernseh-Mittelstand über die Mattscheibe. Und zwar mit regelmässigen Werbeunterbrechungen im 20-Minutentakt. Denn diesmal schauen auch diejenigen zu, die Geld haben, um das Neueste aus der TV-Werbung zu kaufen.

Links