Kultur | 17.07.2012

Dickes Ende

Text von Chiara Nauer | Bilder von Juerg Schweingruber
Am Donnerstag machte Knackeboul mit dem letzten Konzert des Tages auf der Waldbühne das Gurtenfestival unsicher. Sprachgewandt und unterstrichen von fetten Beats reimte er sich die Seele aus dem Leib. Auch in einer ruhigen Runde erlebt man ihn überlegt, ohne dass ihm die Worte fehlen.
Mit grossen Gesten unterstreicht er seine Aussagen. So kennt man Knackeboul: Immmer lächelnd.
Bild: Juerg Schweingruber

Tink.ch: Was erwartest du von dem heutigen Auftritt?

Knackeboul: Ich kann es mir wirklich noch nicht vorstellen. Gehen die Leute überhaupt zur Waldbühne? Ich kenne ein paar, die auf jeden Fall kommen, jedoch sind das nicht gerade dreitausend. Aber meine sechsköpfige Band ist dabei und das ist nicht dasselbe, wie wenn ich einen Soloauftritt habe. So kann ich mich ein wenig fallen lassen, meine Lieder spielen, mein Entertainment durchziehen und darum denke ich, dass es mindestens gut wird, wenn nicht ekstatisch.

 

Kann es dein Konzert vom Openair St. Gallen toppen?

Die Wahrnehmung ist natürlich immer subjektiv. Aber für mich war das Konzert in St. Gallen perfekt. Zuerst war eine Leinwand auf der Bühne für die Live-Übertragung des EM-Spiels Deutschland-Italien und ich dachte, dass wenn diese hochfährt, gehen die Fussballbegeisterten enttäuscht weg. Das Gegenteil war der Fall: Es sind noch mehr Menschen dazu gekommen und sie hatten schon eine positive Erwartungshaltung, so dass das Konzert der Hammer wurde. Wegen dieser positiven Haltung macht ein Live-Musiker Musik: Erst dann kannst du dich richtig entfalten, fallen lassen und gut sein. Wenn du immer zuerst ums Publikum kämpfen musst, bist du manchmal ein bisschen verkrampft und das ist bei mir so, weil ich keine Riesenberühmtheit bin.

St. Gallen ist also ein gutes Beispiel für ein fast perfektes Konzert und deswegen habe ich mir gesagt, dass es hier nicht genau so werden muss. Sonst setze ich mich selbst zu fest unter Druck. Wir werden dasselbe machen und hoffen, dass es ebenfalls eine Begeisterung auslösen kann bei den Zuhörern auf dem Gurten.

 

Apropos Zuhörer: Die begleiten dich ja noch nicht dein Leben lang. War es ein schwieriger Schritt, vom kleinen Hip Hopper auf die professionelle Ebene umzusteigen?

Es hat viel Mut gebraucht und war oft eine Gradwanderung. Auch heute noch braucht es immer wieder den Mut neue Experimente einzugehen, die andere Rapper nicht versuchen würden. Doch es lohnt sich, weil ich mich davon ernähren kann und meinen Traum lebe.

 

In deinem neuen Album “Moderator” gibst du ja auch etwas über deine Persönlichkeit preis wie mit dem Lied “David & Knackeboul”. Denkst du, dass diese Geschichte – von einem Vater, der nach der Auswanderung die Familie verlässt, einer psychisch kranken Mutter und einem schwierigen Teenageralter mit Hänseleien – dir Rückgrat gegeben hat, das dir jetzt als Musiker hilft?

Sie lehrte mich stark zu sein. Ich sah Armut in Europa, Kinder, die an Hunger sterben und meine Eltern arbeiteten fünf Jahre lang in den Slums von Portugal. Als ich zurück in die Schweiz gekommen bin, ging ich ins Gymnasium und hatte dort viele Freunde, die wohlbehütet aufgewachsen waren, deren Familien es nicht an Geld fehlte und die eine Sicherheit kannten. Diese Sicherheit hatte ich nicht und wusste immer, dass ich alleine kämpfen muss. Klingt pathetisch, ist aber so. Es hat mir geholfen, immer weiter zu gehen. Auch heute noch frage ich mich oft: “Man, wofür mache ich das eigentlich?” und dann geht es wieder ein kleinen Schritt vorwärts. Um das auszuhalten musst du ausdauernd sein. Meiner Meinung nach sind die Menschen, die in ihrem Leben kämpfen mussten, die erfolgreichsten im Showbusiness.

 

Eine andere ernsthafte Erfahrung war sicher auch, dich von deinem Freund und Bandkollegen “Chrigu” mit dem gleichnamigen Film zu verabschieden. Wie war es, einem sterbenden Freund zuzusehen und ihn dabei zu filmen?

Sehr schwierig. Ich war ein Teil einer Gruppe, die diese Geschichte mit Kamera verfolgte. Die Gruppe bestand etwa aus acht Musikern oder sonst Künstlern, die zu seinen engen Freunden gehörten. Der Film war seine Vorgabe, wie auch die Vollendung des Werks mit Musik und Texten dazu. Es war schön und hart zugleich. Das Endprodukt wurde ein grosser Erfolg, wahrscheinlich gerade weil es sich um so eine tragische Geschichte handelt. Dazu kam, dass wir deswegen CDs verkauften und Auftritte hatten, was es zusätzlich erschwerte.

 

Ein bisschen makaber…

Auf jeden Fall. Aber wir konnten das nur machen, weil wir wussten, dass es nicht ums Verdienen ging und er das genauso wollte, was  Aufnahmen im Film bestätigen. Ein Stück weit war es auch unsere Geschichte, beispielsweise gibt es einige Ausschnitte unserer Konzerte. Eigentlich habe ich mir diese Gedanken gar nie gemacht, denn ich denke allgemein schon sehr viel über alles nach und ansonsten hätte ich die Musik dazu nicht erarbeiten können. Es war ein Auftrag und ich wusste, dass es richtig ist.

 

Wie wäre deine Reaktion, wenn dein heiliges Loopgerät “Gudrun” zu Grunde gehen würde?

Ehrlich gesagt, ist das schon meine Gudrun Nummer drei. Nicht weil ihre Vorgängerinnen starben, sondern ich fand immer wieder eine Schönere und Bessere, die mehr kann. Aber die jetzige Gudrun ist sicher schon ein paar Jahre meine Begleiterin, sie ist eine Art Ersatz meiner Freundin. Als ich vor zwei Jahren alleine mit Delinquent Habits sechs Wochen lang durch Europa tourte, erfand ich diese Person, damit ich jemanden hatte zum Reden und Kuscheln. Obwohl, sie ist immer so hart und kantig (grinst)…