Kultur | 17.07.2012

Des Gurtens tausend Gesichter

Text von Charlotte Hoes | Bilder von Charlotte Hoes
Das Gurtenfestival war auch dieses Jahr in jeder Hinsicht abwechslungsreich. Egal ob es sich um das Wetter, die Besucher oder die Musik handelte. Mit vielfältigen Acts und einem breiten Genreangebot wurden den Festivalfreudigen Unterhaltung und Klänge vom Feinsten offeriert. Und mit 16'000 Gästen am Donnerstag ein neuer Rekord gesetzt.
Wind, Regen, Sonne: Nichts konnte die Festivalgänger von ihrem Gurten fernhalten.
Bild: Charlotte Hoes

Eine eng aneinander gedrängte Zeltherde, fast schon luxuriöse Festivaltoiletten und ernst dreinblickende Sicherheitsleute – so empfing die selbst benannte “grösste Jugendherberge der Welt” die Festivalteilnehmer. Das Kaffeemobil an den Schlafplätzen schmiss oftmals eine eigene kleine Party und selbst ein Friseur lockte mit dem perfekten Styling. Grund für die 76’000 Besucher waren aber eher die mannigfachen Performances, die auf den drei Bühnen des Festivalgeländes dargeboten wurden. Sie reichten von der One-Man-Show mit geschätzten hundert Instrumenten, über leidenschaftliche Tanzeinlagen, wohlkalkuliertes Entertainment bis hin zu vier beinahe unbeweglichen Männern hinter Laptops.

 

Sonniger Auftakt

Bei wider Erwarten sonnigem Wetter machten am Donnerstag neben Noel Gallaghers hochfliegenden Vögeln (Noel Gallagher’s High Flying Birds) unter anderem Edward Sharpe and the Magnetic Zeros den Auftakt. Die Band, die locker eine eigene Fussballmannschaft aufstellen könnte, lieferte zwar ihre ganze Dedikation, doch fehlte die Spannung früherer Auftritte zwischen Frontmann Alex Ebert und Sängerin Jade Castrinos. Dafür liess sich Ebert voll auf das Publikum ein, sprang sogar in die Menge und wurde mit Umarmungen und Applaus empfangen. Das Stage-Diving-Verbot sollten dann am Samstag The Subways gänzlich missachten, die mit einem durchgedrehten, aber stimmungsvollen Gig begeisterten.

 

Unterschiedlichste Auftritte

Passion zeigten Friendly Fires nicht nur durch ihre Musik, sondern auch durch die Tanzweise ihres Frontsänger Ed Macfarlane. Mit hautengen Röhrenjeans und gelocktem Haupthaar war sein Hüftschwung, Kopfwirbel und Beinschlag nicht zu verachten. Das authentische Aufgehen in der Musik brachte Freude in den Auftritt, ähnlich bei der amerikanischen Band Other Lives. Tanzeinlagen anderer Gestalt präsentierte Dick Brave mit the Backbeats und einem falschen amerikanischen Akzent. Andere Sänger, wie Nneka, überstanden ihre Auftritte lieber geschlossenen Auges.

Ganz anders Xavier Rudd, welcher gleich alle seine Instrumente selbst spielte, ob Didgeridoo, Drums, Gitarre oder Mundharmonika. Ganz nebenbei sang er mit sanfter Stimme politische, eingehende Lieder. Zu Recht ist der Australier in seinem Heimatland ein Publikumsmagnet. Schweizer Künstler waren unter anderem durch Death by Chocolate, Pablopolar, Traktorkestar und natürlich Züri West sowie Patent Ochsner vertreten. Letztere sorgten am Samstag für Schweizer Hochstimmung und einem tausend Mann starken Chor.

 

Verhaltene Atmosphäre

Mit einem hervorragenden Auftritt brillierten Gorillaz, die ein ausgeklügeltes Set boten und von dem guten Soundteam des Gurten profitierten. Aus bisher ungeklärten Gründen hielt das Publikum einen Sicherheitsabstand zueinander und zur Bühne. Während in der Mitte der Bär steppte, dünnte sich die Stimmung zu den Seiten aus. Hier wurde lediglich das höfliche Kopfnicken zum Takt und ein sanfter Applaus für nötig empfunden. Eine Atmosphäre, die auch bei einigen namhaften Acts zu beobachten war und verglichen mit anderen Festivals befremdete. Dort ist ein Durchkommen in die erste Reihe reines Wunschdenken.

 

Zur Nacht hin wurde es das schliesslich auch auf dem Gurten und der obligatorische Abstand schrumpfte. Zu elektronischen Beats, ob von Birdy Nam Nam, Copy & Paste, Digitalism oder Fritz Kalkbrenner, wurde geklatscht, gehüpft und getobt.

 

Eng gedrängt und begeistert zum Swing

Ohne Vergleich blieb der Auftritt der Parov Stelar Band. Vom verregneten Abend möglicherweise begünstigt, drängte sich gefühlt das gesamte Festival vor die Zeltbühne. In der Mitte war ausser Schieben und Hüpfen Bewegung zur beschwingten Musik unmöglich. Wer frei tanzen wollte, musste sich weit an den Rand verlagern, wo lediglich etwas Freiraum gegeben war. Die perfekte Show der Band sorgte für eine unvergleichliche Stimmung. Im freizügigen, engen 20er-Jahre Outfit bot die Sängerin Cleo einen spektakulären Anblick und für gute Laune sorgte die Leidenschaft der Musiker, allen voran des Saxophonisten Max “the Sax”. Parov Stelar, der Mann hinter der Musik, hielt sich tatsächlich eher hinter seinem Mischpult im Hintergrund. Die Menge dankte ihm seine Musik dafür mit atemberaubender Energie.

 

Augenschmaus

Einer der grossen Headliner war nicht nur was fürs Ohr. Mit enger Jeans, Kapuzenpulli, Stiefeln und wehendem Schal machte Lenny Kravitz die Musik – möglicherweise zum Glück – zur Nebensache. Was fürs Auge brachte auch Jan Delay mit. Nicht nur seine drei Tänzerinnen, sondern auch der Rest der Band samt Sänger waren in ihren bonbonfarbenen Anzügen ein Hingucker. Delay, der die Coolness zum Frühstück verspeist haben muss, heizte die Stimmung ordentlich auf und brachte sogar die Sonne wieder zum Vorschein. Seine Animierung zu Tanzeinlagen kam so gut an, dass selbst die Stage Security nicht mehr widerstehen konnte und mitmachte.

 

Buntes Publikum

Ob starker Wind, sintflutartige Schauer oder pralle Sonne, nichts konnte die Menschenmasse abschrecken, auch dieses Jahr auf den Gurten hinaufzusteigen. 4’000 Besucher mehr als im Vorjahr zählten die Veranstalter. Unter ihnen torkelten pünktlich zum Mittagessen die ersten Betrunkenen über das Gelände, während andere die Sonne genossen oder vor Regen Schutz suchten – was auch immer der entsprechende Tag bot – und vielerorts der charakteristisch süssliche Duft durch die Luft waberte. Alle Altersklassen und Kleidungsstile waren vertreten, einige interessante Kopfbedeckungen wurden ebenfalls vorgeführt. Der guten Laune tat nichts einen Abbruch. So wollen es die Veranstalter auch im nächsten Jahr wissen. Sie sind mit dem Verlauf des Festivals umfänglich zufrieden und haben für das 30. Gurtenfestival, welches vom 18. bis zum 21. Juli 2013 stattfinden wird, bereits die Toten Hosen angekündigt.