Kultur | 24.07.2012

Der Festumzug der bronzenen Götter

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von Sabina Galeazzi
Vom 20. Juli bis zum 11. November präsentiert das Zürcher Museum Rietberg unter dem eingängigen Titel "Street Parade der Götter-Bronzekunst aus Indiens Dörfern" erstmals eine Ausstellung über die im Westen kaum beachtete Kunst der indischen Ureinwohner.
Lange Zeit wurde die indigene Kunst Indiens von der hinduistischen "Hochkultur" in den Schatten gestellt. Erblickt man die Inszenierung der Objekte, werden die Bezüge zur Street Parade klar. Drei Schenkungen haben den Grossteil der Objekte ins Museum gebracht und so die jetzige Ausstellung ermöglicht.
Bild: Sabina Galeazzi

Gezeigt werden 300 Bronzefiguren aus der Region Bastar in Zentralindien, mit Darstellungen von Gottheiten, Trancemedien und ihren Reittieren. Es handelt sich dabei um traditionelle Stammeskunst der sogenannten Adivasis, Erstbesiedler des Landes, die in Stammesgemeinschaften leben und gut 66 Prozent der Bevölkerung in der Region um Bastar ausmachen.

 

Die Volkskunst der indischen Ureinwohner

Die neue Ausstellung des einzigen Museums für aussereuropäische Kunst in der Schweiz ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Erstens trug das Kunsthandwerk der indischen Urbevölkerung lange Zeit den Stempel der primitiven Volkskunst und wurde weder im eigenen Land noch im Westen als bedeutendes kulturelles Erbe oder eigene nennenswerte Kunstrichtung wahrgenommen. Über lange Zeit prägten nämlich klassische vom Hinduismus und Buddhismus geprägte Skulpturen sowohl im Westen als auch im eigenen Land das Bild der traditionellen indischen „Hochkunst“. Zweitens handelt es sich bei den ausgestellten Stammesbronzen allesamt um verhältnismässig junge Objekte aus dem 20. Jahrhundert. Der früheren Trennung von „Volkskunst“ und „Hochkunst“ versucht das Museum Rietberg entgegen zu wirken, indem sie die einzelnen Bronzefiguren in besonderer Weise inszeniert und ihnen denselben Stellenwert einräumt, wie der klassischen indischen Skulptur und Plastik.

 

Ein Grossteil der ausgestellten Bronzen gehen auf drei wichtige Schenkungen an das Museum durch die Ehepaare Kaufmann und Zehnder sowie Janine Magnenat Ferguson zurück. Verantwortlich für das Ausstellungskonzept zeichnet sich ausserdem der Indienkurator des Museums Johannes Beltz und als Gastkuratorin konnte die Indologin und Expertin für indische Stammeskunst Cornelia Mallebrein gewonnen werden.

 

Eine Parade der besonderen Art

Wie es der Titel der Ausstellung bereits erahnen lässt, wurde besonderen Wert auf die Inszenierung der einzelnen Objekte gelegt. In der Mitte des Ausstellungsraumes präsentiert sich auf einer erhöhten hölzernen Plattform eine Parade an bronzenen Mensch- und Tiergestalten unterschiedlichster Grösse und Form, die alle auf einen bestimmten Punkt hinzustreben scheinen. Die Figuren mit ihren stark stilisierten, maskenhaften Zügen und vielfältigen ornamentalen Verzierungen sind jeweils zu Fuss oder auf Elefanten oder Pferden reitend unterwegs. In den Händen tragen die bronzenen Gottheiten ihnen zugehörige Attribute wie Waffen oder Kultgegenstände. Dem Besucher der Ausstellung ist es möglich, um die Plattform herum zu gehen und die Parade von allen Seiten und aus nächster Nähe zu bestaunen. Speziellen Objekten werden gesonderte Einzelvitrinen gewidmet. Parallel dazu laufen im Raum drei von Cornelia Mallebrein produzierte Dokumentationen über den jährlichen Festumzug und das Handwerk des Metallgusses in der Region Bastar.

 

Trancemedien als Gottestänzer

Die Bronzeobjekte waren ursprünglich in einen rituellen Kontext eingebunden und wurden als Kultobjekte und Wohnsitz eines bestimmten Gottes in Schreinen verehrt. Eine Tradition, die aufgrund der zunehmenden Hinduisierung der Urbevölkerung heute in Vergessenheit geraten ist. In der Region um Bastar wurde eine Vielzahl an lokalen Gottheiten verehrt, die sich zum Teil stark von der Götterwelt der Hindus unterschieden. Die bronzenen Gottesbilder stellten die Stammesmitglieder nicht selber her, sondern beauftragten damit professionelle Metallgiesser. Die genaue Identifizierung der Objekte ist heutzutage schwierig, da die einzelnen lokalen Götter der Adivasi über kein festgelegtes Aussehen oder fixe Attribute verfügten. Auch wurden die Figuren nicht, wie es die Präsentation im Museum vermuten lässt, in einer Prozession durch die jeweiligen Dörfer getragen; dem Festumzug kam und kommt jedoch heute noch eine grosse Bedeutung in der Kultur der Ureinwohner zu.

 

Im Mittelpunkt dieser Festzüge stehen dabei die Sirhas, Trancemedien bestimmter Gottheiten, denen als Mittler zwischen der Götter- und der Menschenwelt grosse Verehrung zukam. Ein Beispiel für eine solch ekstatische Parade bildet das jährliche Mandeifest in Bastar, bei dem eine Prozession aus Stammesmitgliedern und Sirhas tanzend und musizierend durch das Dorf ziehen. Ihrem Glauben zufolge nehmen die Götter unsichtbar am Umzug teil, indem sie Besitz von den mitgeführten Kultgegenständen und deren Trägern ergreifen. Die zuvor in Trance versetzten Medien unterziehen sich dabei ohne mit der Wimper zu zucken diversen äusserst schmerzhaften Prüfungen, die ihren Status als echte Stellvertreter einer Gottheit auf Erden bestätigen: Sie durchstechen sich die Wangen, geisseln sich, sitzen auf Nagelstühlen und tanzen bis zur völligen Erschöpfung und Besinnungslosigkeit. Interessant ist, dass es sich bei allen Medien ausschliesslich um Männer handelt, die von bestimmten männlichen und weiblichen Göttern als Sprachrohr erwählt wurden. Der Sirha passt sich jedoch in seinem optischen Erscheinungsbild dem Geschlecht „seiner“ Gottheit an. So tragen Sirhas von Göttinnen jeweils mit Kaurischnecken verzierte Röcke und langes Haar.

 

Street Parade und Stammeskunst

Vor diesem Hintergrund mag nun der Bezug zur Street Parade, welche als Zürcher Institution bereits seit 20 Jahren Bestand hat, weniger eigentümlich erscheinen. Auch wenn die Zürcher Techno-Party und das tribale Mandei-Fest der Adivasis gegensätzlicher nicht sein könnten, verfügen sie dennoch über gemeinsame Elemente wie eVertauschung der Geschlechterrollen, ekstatischer Tanz, Trance und hypnotische Musik. So farbenprächtig und vielseitig sich die Kultur der Adivasis in der Ausstellung im Museum Rietberg präsentiert, so kritisch ist die gegenwärtige Lage der indischen Erstbesiedler im Land selbst. Die Regionen um Bastar im indischen Bundesstaat Chhattisgarh sind geprägt von politischen Spannungen zwischen den Guerilla-Truppen der Adivasis und der indischen Zentralregierung. Die Ureinwohner wurden, wie es in den meisten Ländern bei Minderheiten der Fall ist, in unwirtliche Rückzugsgebiete verdrängt und leben in grosser Armut. Die Bastar-Bronzen selbst bieten einen faszinierenden Einblick in eine aussterbende Kultur und verdienen es, von der Kunstwelt angemessen gewürdigt zu werden.

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