Gesellschaft | 10.07.2012

Der einfache Jetset

Text von Amadis Brugnoni | Bilder von Amadis Brugnoni
Szenensprachenwiki.de ist eine Datenbank von Wortkombinationen und -kreationen aus verschiedensten Slangs des deutschsprachigen Raums. Wer eigene Worte kennt, darf diese auf der Website selbst hinzufügen. Moderiert wird die Plattform von Dudenverlag und Trendbüro. Tink.ch pickt einzelne Worte aus der Datenbank heraus und setzt sie in Zusammenhang mit einem aktuellen Kontext. Die heutige Auswahl lautet: Easyjetset.
Der Easyjetset am Euroairport Basel-Mulhouse.
Bild: Amadis Brugnoni

Es ist wieder Ferienzeit. Während in den Grossstädten die Geschäfte eine Sommerpause einlegen und etwas Ruhe in der Innenstadt eintritt, sieht es anderswo ganz anders aus. Kilometerlang stauen sich die Blechlawinen vor der noch einzigen Gotthardröhre und wer denkt schlau zu sein, setzt sich in einen überfüllten Zug, der Richtung Süden fährt und dessen Klimaanlage schon vor Arth-Goldau schlapp macht. Andere wiederum wollen weiter oder höher hinaus. Sie reisen per Flugzeug ans schöne Meer, denn Fliegen ist ja schneller, praktischer und vor allem billiger.

 

Weshalb laufen wir überhaupt noch?

Besonders der Preis bringt viele Reisende dazu, vom terrestrischen zum aviatischen Transportmittel zu wechseln. Dabei bieten sich die Fluggesellschaften härteste Preiskämpfe. Der Kapitalismus zeigt dabei wieder einmal, dass das Spiel von Angebot und Nachfrage den Preis eines Produktes jenseits von jeglicher Verhältnismässigkeit drücken kann. Wer für sechzig Franken von Zürich nach London fliegt, bezahlt nicht einmal acht Rappen für einen Flug-Kilometer und hat dabei nicht das billigste Angebot erwischt. Acht Rappen pro Kilometer, das ist billiger als Zugfahren, billiger als Autofahren und wenn man sich gutes Schuhwerk kauft sogar billiger als Laufen.

 

Ausgejettet

Was früher noch sehr viel Geld kostete und deshalb nur der oberen Gesellschaftsschicht vorbehalten war, ist nun für alle bezahlbar. Der Jetset aus den 50er-Jahren bekam 1976 mit der Concorde nochmals einen Aufschwung. Doch leider zerplatzte der Traum des französischen Yuppies, sich schneller als der Schall von A nach B transportieren zu lassen, vor knapp zehn Jahren. Und auch die Russische Fake-Concorde Tupolew TU-144, die den Gerüchten nach nur durch Industriespionage zustande kommen konnte, hatte keine lange Lebenszeit.

 

Lieber London statt Grosi

Derjenige, der aber auf zivile Überschallflugzeuge verzichten konnte, freute sich. Denn dank Ryanair, Easyjet und Germanwings standen ihm plötzlich Europas Grosstädte vor den Füssen. Anstatt die Grossmutter in St. Gallen zu besuchen geht man lieber in London shoppen. Und anstelle des Wochenendausfluges im Bündnerland, isst man Glace am Strand von Nizza. Während der Jetset langsam starb, wurde der Easyjetset geboren. Flughafen-Lounges wurden in Wartezonen und Imbissbuden umgebaut. Beinfreiheit und Pünktlichkeit wurden vom Serviceangebot der Fluggesellschaften gestrichen. Und die Airline-Manager waren neuerdings der Meinung, dass Sitzplatzreservationen überflüssig sind und das Mitführen von Gepäck in der Reisebranche eine Spezialdienstleistung ist und dafür deshalb extra Gebühren erhoben werden sollen.

 

Wenig Geld und Ausdauer

Der Akteur des Easyjetsets ist der sogenannte Easyjetsetter. Entstanden ist der Begriff in einem Buch von Tobias Rapp, das sich mit der Berliner Underground-Szene und Techno-Touristen beschäftigt. Laut Rapp ist der Easyjetsetter “ein hedonistischer Nomade mit wenig Geld und grosser Ausdauer”. Der Easyjetsetter möchte aus den geringsten Mittel das Meiste herausholen und hat dabei durch seine grosse Ausdauer keine Probleme damit, mehrere Stunden in Flughafenabflughallen zu sitzen und sich im Flugzeug um die besten Sitzplätze zu prügeln. Das Wichtigste für ihn ist das Erlebnis am Zielort, denn niemand interessiert es, wenn man nach den Ferien erzählt, wie angenehm der Flug war.

 

“Klimapolitisch pervers

Die Mobilität der Menschen ist in ständigem Wandel. In Deutschland hat sich die Anzahl der Flüge mit Billigfluggesellschaften in den letzten sechs Jahren vervierfacht. Deutsche Politiker finden diese Entwicklung “klimapolitisch pervers” und möchten verhindern, dass mit Steuergeldern Regionalflughäfen subventioniert werden, die dann den Billigfluggesellschaften fast keine Gebühren berechnen. Die Mobilität wird zwar immer günstiger, jedoch bezahlen wir auf andere Wege dafür – sei es mit unseren Steuern, mit unserer Natur oder mit dem Schlaf und der Gesundheit der Bewohner um den Flughafen Zürich.

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