Kultur | 10.07.2012

Bilder der fliessenden, vergänglichen Welt

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von Sabina Galleazzi
Am Samstag feierte das Museum Rietberg in Zürich die Eröffnung ihrer neuen Ausstellung "Die Schönheit des Augenblicks - Frauen im japanischen Holzdruck". Die Ausstellung umfasst 100 Holzschnitte, 50 kolorierte Schwarzweiss-Fotografien sowie zwei Videoinstallationen der japanischen Künstlerin Tabaimo.
In der Ausstellung sind zwei raumfüllende Videoinstallationen der jungen zeitgenössischen Künstlerin Tabaimo zu sehen. Das Mädchen trägt einen Yukata, einen leichten Sommerkimono. In Japan werden am Feiertag Tanabata, der am 7. Juli stattfindet, Zettelchen mit Wünschen an Bambusstauden gehängt.
Bild: Sabina Galleazzi

Die neue Ausstellung des Museums für aussereuropäische Kunst und Kulturen steht ganz im Zeichen der weiblichen Schönheit. Im Mittelpunkt stehen dabei die sogenannten “bijinga”, Bilder idealisierter Frauengestalten. Es handelt sich dabei zumeist um Farbholzdrucke von Kurtisanen, Geishas, Hofdamen, Angestellten in Teehäusern oder Bürgersfrauen. Diese Druckgrafiken wurden im feudalen Japan in grosser Auflage als populäre Massenware vertrieben und legten wenig Wert auf die realistische Darstellung einer bestimmten Person. Im Vordergrund stand vor allem bei den Abbildungen schöner Frauen die Wiedergabe eines bestimmten modischen Schönheitsideals. Dementsprechend sind auch die Gesichter der abgebildeten Personen modellhaft und austauschbar, während Kleidung und Schmuck viele raffinierte Details aufweisen. Traditionell tragen Holzschnitte oder Holzdrucke in Japan die Bezeichnung “ukiyo-e”, “Bilder der fliessenden, vergänglichen Welt”, da sie nur einen flüchtigen Augenblick abzubilden vermögen und auch in ihrer Materialität nicht von Dauer sind. Genauso flüchtig und von kurzer Dauer ist gemäss der japanischen Vorstellung auch die Schönheit einer Frau. “Ukiyo” d.h. die “fliessende Welt” kann als Synonym für die oberflächliche und wechselhafte Welt der Mode und der Vergnügungsviertel angesehen werden, der die auf den Holzdrucken abgebildeten Personen meist angehören.

 

Eröffnung der Vernissage

Den Auftakt der Vernissage bildeten die Ansprachen im Festzelt auf dem Museumsgelände. Die verantwortlichen Instanzen, unter anderem der japanische Botschafter und die Ausstellungskuratorin Katharina Epprecht, meldeten sich zu Wort und den beteiligten Institutionen und Sponsoren wurde gedankt. Einen massgeblichen Beitrag an die Ausstellung leistete unter anderem das Honolulu Museum of Art in Hawaii, das die 100 Holzdrucke von schönen Frauen zur Verfügung stellte. Die 50 kolorierten fotografischen Abzüge, die den zweiten Teil der Ausstellung bilden, sind hingegen eine Leihgabe des Museo delle Culture in Lugano.

 

Druckgrafik, Fotografie und Video

Weiter ging es nach den Dankesreden mit der eigentlichen Ausstellung, die sich im Untergeschoss des gläsernen Haupttraktes des Museums befindet und bereits zu Beginn durch ihre besondere Architektur und die eigenwillige Hängung der einzelnen Holzdrucke besticht. Laut der Kuratorin wurde durch den Einsatz von hölzernen Trennwänden versucht, den verwinkelten Bau eines japanischen Freudenviertels zu evozieren. Leider erwies sich der labyrinthische Aufbau in Anbetracht der grossen Besucherzahl eher als nachteilig: Oft standen die Leute einander im Wege, was ein ausgiebiges Betrachten der einzelnen Druckgrafiken erschwerte. Etwas einfacher erwies sich das Studium der sorgsam von Hand kolorierten Abzüge der fotografischen “Schule von Yokohama”, die in einer Reihe an der Wand des Ausstellungsraumes präsentiert wurden. Sie bilden die zweite Komponente der Ausstellung und sind im Gegensatz zu den ausgestellten Holzschnitten ein Produkt der Moderne. Sujet ist auch hier die weibliche Schönheit, verkörpert in der Kunstfigur der Geisha, einer in Musik, Poesie und Konversation ausgebildeten Frau, deren erste Aufgabe es war, ihre männlichen Kunden zu unterhalten. Ungleich doppeldeutiger erwiesen sich die beiden raumfüllenden Videoinstallationen “public conVENience” und “Japanese Bathhouse-Gents” der zeitgenössischen japanischen Künstlerin Tabaimo, die 2011 ihr Land an der Biennale in Venedig vertrat. Ihre Animationsfilme sind, was die Farbgebung und Verwendung traditioneller Symbole und Ornamente betrifft, massgeblich vom japanischen Holzschnitt beeinflusst und stellen auf humoristisch-beklemmende Weise gesellschaftliche Konventionen in Frage.

 

Sternenfest im Rieterpark

Das Eröffnungsdatum der Ausstellung wurde nicht ohne Grund gewählt. Am 7.7. feiert Japan Tanabata, das Sternenfest, an dem sich jedes Jahr die beiden mythischen Geliebten, die Weberin Orihime und der Rinderhirt Hikoboshi, beides Personifikationen der Sterne Vega und Altair, nach langer Trennung wieder treffen. Dementsprechend fand am Samstag um das Museum Rietberg im weitläufigen Rieterpark eine kleine Version der traditionellen japanischen Tanabata-Feierlichkeiten statt: An diversen Ständen wurden Köstlichkeiten aus dem Land der aufgehenden Sonne verteilt und Kinder übten sich im Angeln von Wasser-Yo-Yos oder dem Falten von Origami-Tieren aus Papier. Im Festzelt vor dem Museum erhielten interessierte Zuschauer einen Einblick in die traditionelle japanische Teezeremonie und überall im Park flanierten Frauen in farbenfrohen japanischen Sommerkimonos. Da es an Tanabata Glück bringt, Papierstreifen mit Wünschen an Bambushalme zu heften, befanden sich auf dem Festgelände auch mehrere mit Zetteln und Laternen geschmückte Bambusgewächse. Laut der Kuratorin können allerdings die beiden mythischen Liebenden Orihime und Hikoboshi an Tanabata nur bei schönem Wetter zueinander finden. In dieser Hinsicht erwies sich der Tag der Vernissage als ideal. Es herrschte strahlender Sonnenschein bis zum späten Nachmittag. Die Liebenden haben sich getroffen.

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