Gesellschaft | 25.07.2012

Bauernkinder: Knochenarbeit statt Ferienzeit

Text von Louisa Merten | Bilder von BZ/zVg
Sommerzeit ist Ferienzeit - aber nicht für alle. Während ihre Schulkameraden in den Ferien die Strände unsicher machen, müssen viele Bauernkinder Zuhause auf dem Hof anpacken. Drei von ihnen erzählen, wie das für sie war.
Harte Arbeit: Bauerkinder werden oft bei der Feldarbeit eingesetzt.
Bild: BZ/zVg

In den USA dürfen Kinder unter 16 Jahren nicht auf dem Bauernhof arbeiten, weil das zu gefährlich sei. In der Schweiz sieht das anders aus. Kinder wurden hier schon immer in die tägliche Arbeit auf dem Hof einbezogen. “Früher war der Arbeitseinsatz der Kinder allerdings grösser, sie wurden als reguläre Arbeitskräfte eingespannt”, weiss Sandra Helfenstein, Mediensprecherin des Schweizerischen Bauernverbandes. “Ihr Einsatz war nicht freiwillig und das hatte auch Auswirkungen auf ihre Motivation, selbst einmal Bauer zu werden.” Weil es den Bauerkindern nicht mehr gefiel, täglich schuften zu müssen, nahm der landwirtschaftliche Nachwuchs zeitweise rapide ab.

Res Staub, der in Bannwil auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, kann davon ein Liedchen singen. Er musste jeweils am Abend nach der Schule noch im Stall helfen. Auch während der Heusaison und im Winter musste er den Eltern jeden Tag unter die Arme greifen. Während sich seine Schulkameraden auf dem Eis vergnügten, war Staub mit Misten beschäftigt. Er musste seinen Traum, Eishockeyspieler zu werden, deswegen bald einmal begraben.

 

Reiten statt Eishockey

Der Bauernsohn fand das damals ziemlich ungerecht: “Ich hatte deswegen ständig Reibereien mit meinen Eltern”, berichtet der heute 55-Jährige. Nach der Ausbildung kaufte er sich ein Pferd und Springreiten wurde zu seinem neuen Hobby. Dies liess sich besser mit seinem Leben auf dem Bauernhof vereinbaren, weil das Training erst nach 20 Uhr begann und die Turniere am Wochenende stattfanden.

Trotz den teilweise negativen Erfahrung entschloss sich Res Staub, Landwirt zu werden. Vor allem die Arbeit mit den Tieren machte ihm Spass. Staub arbeitete schliesslich 12 Jahre lang als Bauer, musste seinen Job aber an den Nagel hängen, weil der Pachtvertrag auslief.

Auch Ruth Friedli musste als Kind auf ihrem Hof in Madiswil mit anpacken. Ein Widerspruch wurde nicht geduldet. “Es gab durchaus Arbeiten, die mir gefielen. Ich war beispielsweise gerne in der Natur oder im Stall”, stellt die heute 39-Jährige klar. Allerdings sei es für sie als Kind früh klar gewesen, dass sie nicht Bäuerin werden will. “Stattdessen machte ich die Ausbildung zur Krankenschwester.”

 

Die Arbeit auf dem Bauernhof als Privileg

Etwas anders denkt der heute 23-jährige Alexander Grädel über die Situation. Er half schon als Kind sehr gerne auf dem Hof und tut es immer noch. Sein erklärtes Ziel ist es, den Hof dereinst zusammen mit seinen Brüdern zu übernehmen. “Es ist ein Privileg, auf dem Bauernhof aufzuwachsen und zu arbeiten.” Damit, dass er auch mal weggeht und nur einen Teil seiner Freizeit auf dem Hof verbringt, kommen seine Eltern klar. “Das ist für sie völlig normal”, so Grädel.

Sandra Helfenstein vom Schweizerischen Bauernverband glaubt nicht, dass Alexander Grädel ein Einzelfall ist. “Die Lage hat sich mittlerweile gebessert, die Bauernkinder sind wieder motivierter.” Heute werde den Kindern mehr Freiraum gelassen: “Für die einen Kinder ist die Arbeit auf dem Bauernhof das schönste Hobby, andere gehen lieber einer anderen Freizeitbeschäftigungen nach.”

 

Kein Vergleich mit früher

Auch Res Staub ist überzeugt, dass es Bauernkinder heute einfacher haben als zu seiner Zeit. “Klar müssen sie auch heute noch mit anpacken, aber wenn du das mit früher vergleichst, liegen Welten dazwischen.” Er findet im Nachhinein auch nicht, dass ihm die harte Arbeit gschadet hat. “Im späteren Leben ist es ja logisch, dass du arbeiten musst – es ist also wie eine Vorbereitung.”

Der Kreis geschlossen hat sich übrigens auch für Ruth Friedli. Sie hat einen Bauern geheiratet und arbeitet mittlerweile wieder auf dem Hof. “Ich achte darauf, dass ich meinen Kindern genug Freizeit gewähre. Grundsätzlich bin ich heute sogar der Meinung, dass die Arbeit auf dem Bauernhof für den Familienzusammenhalt besser ist.”

 

 

Young Reporters


Dieser Artikel entstand als Teil des Jugendjournalismus-Projekts “Young Reporters”. Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren lernen an einem eintägigen Trainingstag die Grundlagen des Journalismus kennen und arbeiten zusammen mit Medienprofis an ihren Artikeln zu Kinderrechten in der Schweiz. Organisiert wird das Projekt vom Hilfswerk Plan International Schweiz. Tink.ch publiziert alle im Projekt entstandenen Texte in einem Dossier. Der Text von Louisa Merten erschein erstmals am 11. Juli in der Berner Zeitung.

 

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