Kultur | 17.07.2012

Affären und Affekte

Text von Florian Oegerli
Literatur ist mehr als Text. Die Zeit, in der dieser verfasst wurde, ist immer darin zu entdecken. Das Museum Strauhof in Zürich zeigt bis am 2. September, wie Werk, Leben und Zeit Arthur Schnitzlers zusammenhängen. Ein Besuch.
Hundert Stiefeln gemahnen an den Militarismus des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Schnitzler selbst wurde wegen "Leutnant Gustl" der Offiziersrang aberkannt. Der österreichische Literat wäre in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden.

Mein Lokalredaktor ist skeptisch. „Eine Ausstellung über Literatur?“, fragt er, als ich von der Schnitzler-Ausstellung erzähle. „Wie soll das gehen?“ Tatsächlich: Literatur kann man nicht einfach an die Wand zu hängen. Doch wie ein Pilz verzweigt sich ein Text unter der Oberfläche in alle Richtungen, berührt das Leben des Autors und windet sich durch die Geschichte. Das zeigt die Ausstellung im Museum Strauhof sehr gut, wo versucht wird, drei von Schnitzlers Werken multimedial darzustellen. Die Besucher erfahren unter anderem, was Schnitzlers Theaterstücke mit Syphilis zu tun haben und wie sich ein junges Mädchen um 1900 zu benehmen hatte.

 

Vom Liebes- zum Ansteckungsreigen

Ein Holzdrehkreuz trennt die Ausstellung von der normalen Welt. Der Raum dahinter ist in dunklem Rot gehalten. Auf Sofas aus dem frühen 20. Jahrhundert liegen Zeitschriften, altertümliche Verhütungsmittel, Korsette und obskure medizinische Geräte. Dieser Raum ist „Reigen“ gewidmet, Schnitzlers skandalösem Stück von 1901. Zehn Paare finden darin auf der Bühne zueinander. Schnitzler liess zuerst nur 200 Exemplare privat drucken. Er fürchtete die Reaktion seiner Zeitgenossen. Zurecht, wie er sehen musste, als er es gut zwanzig Jahre später aufführen liess. Dabei wird im Stück nichts „Unzüchtiges“ gezeigt, der Autor deutet den Liebesakt bloss durch einen Gedankenstrich an. Die Karikaturen im zweiten Stock zeigen, wie man damals darauf reagierte: Ein Zeichner stellt den Erfolg des Stückes als jüdische Verschwörung dar. Anderswo ist von Sittenverderbnis die Rede. 1922 kam es zum Aufführungsverbot. Es bestand bis in die 80er-Jahre. Menschen aus allen Schichten treffen im Stück aufeinander, beispielsweise ein Dienstmädchen und ein Soldat. Der Besucher erfährt, wie hart das Leben der Dienstmädchen sein konnte. So bekamen sie höchstens einen halben Tag pro Woche frei. Ausserdem wurden sie häufig von der „Herrschaft“ missbraucht. Wurden sie schwanger, blieb oft nur die Prostitution als Ausweg. Nicht ganz unpassend beginnt und endet Reigen mit einer Dirne. Weil die Prostituierten der Zeit häufig an Syphilis litten, ist der Liebesreigen auch ein Ansteckungsreigen. Als junger Arzt hatte Schnitzler oft genug mit der Krankheit in ihren verschiedenen Phasen zu tun. Alte Zeichnungen machen den Besucher mit den Symptomen der Krankheit bekannt.

 

Die Frau comme il faut

Ein langer Gang widmet sich „Fräulein Else“. Der Text erschien 1924, spielt aber im Herbst 1896 im Südtirol. Es ist ein innerer Monolog. Die junge Else wird in der Erzählung Opfer eines entwürdigenden Tauschhandels. Ihr Vater, ein armer Wiener Advokat, sieht sich gezwungen, einen reichen Kunsthändler um ein Darlehen zu bitten. Der gewährt es nur, wenn er die Tochter nackt sehen darf. Der Leser muss miterleben, was der Befehl ihres Vaters in Else auslöst. Und der Besucher findet in engen Nischen Gegenstände, die im Bezug zum Stück stehen: Banknoten, Benimmbücher für junge Mädchen, Medikamente, Notizen und Briefe. Die Erzählung war ein Erfolg, bereits im Erscheinungsjahr erreichte das Buch eine Auflage von 25-˜000 Stück, kurz darauf wurde sie verfilmt. In der Ausstellung sind Szenen aus dem Film zu sehen. Weiter vorne wird man mit Ausschnitten aus Selbsthilfebüchern der Zeit beschallt, Titeln wie „Die vollkommene Ehe“, „Wer bist du, Weib?“ oder „Die Frau comme il faut“. „Es gibt nichts Widerlicheres als ein junges Geschöpf, das Tag für Tag mit einem Roman in der Hand herumlungert“, hört man da zum Beispiel. Wenn man erfährt, wie die Frau in ihrer Zeit zu sein hatte und wie fremdbestimmt das Leben war, begreift man Elses Leiden umso mehr.

 

Hundert schwarze Lederstiefel

Im oberen Stock erwartet den Besucher eine Ausstellung über „Leutnant Gustl“, eine weitere Erzählung im freien Monolog. Schnitzler verfasste sie vier Monate, nachdem er Freuds Traumdeutung gelesen hatte. Der Raum, der sich Leutnant Gustl widmet, ist von einer beklemmenden Dunkelheit. Das Gefühl, das er beim Besucher verursacht, ist dasselbe, das der Text beim Leser verursacht. Denn Gustls Gedankenwelt ist von unterdrückter Unsicherheit und Dumpfheit geprägt. In grauen Militärspinden kleben Fotos von Soldaten aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Seitenwand des Raumes wird von mindestens hundert schwarzen Lederstiefeln eingenommen, die in Reih und Glied dastehen wie eine Geisterarmee. Jedes Schliessfach empfängt den Besucher mit gesprochenen Zitaten aus dem Text. Die Handlung ist schnell erzählt. Leutnant Gustl ist von einem Bäckermeister geohrfeigt worden und irrt durch die Wiener Nacht. Er kann den Bäckermeister nicht zum Duell herausfordern, um seine Ehre wiederherzustellen, denn dieser ist nicht „satisfaktionsfähig.“ Und die Ehre geht Gustl über alles. Also will er am nächsten Morgen Selbstmord begehen. Am Schluss rettet ihn ein dummer Zufall. Auch mit dieser Erzählung machte sich Schnitzler bei seinen Zeitgenossen nicht beliebt. Man enthob ihn des Offizierstandes und beschimpfte ihn als Nestbeschmutzer.

Hat nun mein Lokalredaktor Recht? Kann man Literatur ausstellen – oder ist jeder Versuch zum Scheitern verurteilt? Wer die Frage für sich selbst beantworten möchte, dem sei der Besuch der Ausstellung „Arthur Schnitzler – Affairen und Affekte“ empfohlen. Das Museum Strauhof liegt gleich beim Paradeplatz.

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