Gesellschaft | 12.06.2012

Wenn vor Staunen der Mund offen bleibt

Diesmal wagt sich Tink.ch auf der Suche nach vegetarischem und veganem Essen in das Zürcher Restaurant Hiltl und damit in das erste vegetarische Restaurant Europas. Wir wollte wissen, ob Geschichte auch Innovation verspricht.
Der Salat: Einfach ohne langweilig zu sein. Das Cordon Bleu erinnert zwar auch im Hiltl an einen simplen Fleischersatz, ist aber dennoch sehr zu empfehlen. Das Mango-Mousse zum Dessert ist sowohl zum Abrunden geeignet, wie auch als Erfrischung, für das, was nach dem Essen noch kommen mag.
Bild: Martin Sigrist und Chiara Nauer

Die kulinarische Reise ins Hiltl nach Zürich führt in jenen Betrieb, der auch hinter dem bereits getesteten Tibits steht. Das Hiltl ist aber im Gegensatz zum Tibits ein bedientes Restaurant. Es liegt nahe der Zürcher Bahnhofstrasse. Trotz der Grösse des Lokals empfiehlt es sich, einen Tisch zu reservieren, um keine längeren Wartezeiten vor Ort zu erdulden.

 

Empfangen wird man direkt und persönlich von mit Funkgerät ausgerüsteten Angestellten. Diese schicken einen in den oberen Stock des erstaunlich grossen Restaurants. Dort werden wir an unseren Tisch begleitet, mit der Nachfrage, ob uns dieser auch zusagt. Die Organisation und die Innenarchitektur wirken durchdacht.. Es gibt Twitter-Wände, über welche Kommentare zum Essen flimmern. Bei warmen Temperaturen lädt ein Freisitz zur Frischluft an, wobei dieser Bereich direkt an der Strasse liegt. Das Angebot wird durch eine grosse Bar und einen Club abgerundet. Ein Blick hinter die Kulissen ist mittels einer kurzen Küchentour möglich. Einzig Papierservietten und –tischtuch wollen nicht zum atemberaubenden Ambiente passen. Das Publikum wirkt lebhaft und unkompliziert, ohne laut zu sein. Und der Eintritt wird auch ohne Stöckelschuhe oder Krawatte gewährt.

 

Geduld ist alles

Der Service ist langsam und gemächlich, was in hektischen Zeiten eine angenehme Abwechslung sein kann und zu einer entspannten Atmosphäre beiträgt. Besondere Eile ist bei einem Besuch jedoch fehl am Platz. Selbst die Rechnung braucht ihre Zeit. Die Bedienung ist jedoch nicht langsam, sondern sehr hilfsbereit und nimmt sich Zeit, Fragen zu den Gerichten und den Zutaten geduldig und ausführlich zu beantworten. Auf Sonderwünsche wird eingegangen und es wird auch mal ein Schluck Wein zum probieren gereicht, um danach bei der passenden Wahl zu helfen.

 

Was es zu essen gibt

Die Karte ist sehr umfangreich. Sie bietet eine grosse Auswahl von leichter bis bodenständiger Kost, Die einzelnen Angebote sind klar deklariert, einerseits die einzelnen möglichen Allergene andererseits auch die veganen Optionen der Gerichte. Abgesehen von aktuellen Tagesangeboten ist die Karte auch online zu finden. Eine vorherige Konsultation kann helfen, sich durch die ganzen Angaben zu lesen und vor Ort schneller die eigenen Wünsche zu kennen. Auf der Karte finden sich neben zahlreichen Teigwaren-, und indischen Gerichten ebenfalls selbsternannte Klassiker des Hauses, wobei viele Gerichte Abwandlungen bekannter Fleischspeisen sind. Es gibt daneben reichlich Alternativen an Gerichten ohne den obligaten Fleischersatz. Das bereits aus dem Tibits bekannte Buffet steht ebenfalls im Angebot. Frische Säfte, saisonale Getränke und eine Weinkarte runden das Angebot ab.

 

Zum Essen wird kein Brot gereicht, es kann jedoch geordert werden. Leitungswasser hingegen ist jederzeit kostenlos erhältlich, soweit es selbst vom Hahn in den Plastikbecher gezapft wird. Alternativ kann es in Halbliter-Karaffen zu drei Franken bestellt werden. Interessantes Detail: Ein Franken des Preises wird dabei gespendet.

 

Zur Vorspeise bestellen wir die Jalapeño und Salat sowie veganes Tatar. Zur Hauptspeise ein vegetarisches Cordon Bleu mit Beilagen und Spinat-Involtini, und zum Dessert Brownie mit Eis, sowie veganes Mango-Mousse. Preislich bewegen sich die Vorspeisen um 20 Franken, die Hauptspeisen bei etwa 30 Franken und die Desserts wiederum sind ab 15 Franken zu haben. Die Weine kosten etwa acht Franken pro Glas. Die frischen Säfte und die Limonaden sind ungefähr ähnlich teuer. Das ist zwar kein Schnäppchen, gilt an dieser Lage in Zürich jedoch als Standart für ein Abendessen.

 

Eine Reise durch den Mund

Das vegane Tatar ist etwas ganz Neues, schmeckt peppig und ist trotz Vorspeisengrösse schon sehr sättigend. Die fritierten Jalapeños mit Salat sind ein einfacheres Gericht, ohne dabei langweilig zu sein. Das Hauptgericht Cordon Bleu mag etwas zu nah an einem üblichen Fleischersatz-Gericht sein, ist jedoch aufwändig gemacht und schmeckt erstaunlicherweise wirklich eigenständig und gut. Die Spinat-Involitini – gerollte Seitan-Omletten mit Spinat gefüllt – sind eine Augenweide und munden ebenfalls hervorragend. Nur das beigelegte Gemüse ist etwas fade. Das Brownie zum Dessert mit Eis mundet ebenfalls. Das vegane Mango-Mousse war nicht ganz so leicht wie erhofft, schmeckte aber frisch und nicht zu süss. Wer nicht genug bekommt, erhält bei gewissen Gerichten ein kostenloses Supplément angeboten,

 

Gehobene Klasse

Im Vergleich mehr Zeit, mehr Service, mehr Chic und damit auch teurer als andere vegetarische oder vegane Angebote. Die Gerichte waren innovativer und schmackhafter. Auch die veganen Speisen konnten hier beweisen, dass gut fürs Auge und für den Gaumen machbar sind. Allerdings hat diese Schönheit ihren Preis. Anders als in vielen vegetarischen und veganen Restaurants wird man im Hiltl bedient. Man geniesst also gehobene Klasse.