Kultur | 29.06.2012

Von Brettspielen und Twin-Towers

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von Katharina Good
Zum 17. Mal öffnet im Werkraum Warteck in Basel die wohl bedeutendste internationale Messe für junge zeitgenössische Kunst - die Liste 17 - ihre Tore. 64 Galerien aus 22 Ländern präsentieren aktuelle Werke aufstrebender junger Künstler. Zu den diesjährigen Sondergästen der Liste 17 gehören unter anderem der Basler Ausstellungsraum Kaskadenkondensator, kurz Kasko, und das Kollektiv Circuit - Centre d'art Contemporain aus Lausanne.
In der Druckwerkstatt des Warteck-Gebäudes wurden die Kunstwerke besonders kreativ präsentiert. Der Eingang wurde zur gemütlichen Gartenbar und Bühne für unterschiedlichste Performances. Viele der jungen Künstler verzichteten auf Farben und konzentrierten sich auf das Konzept ihrer Kunst.
Bild: Katharina Good

Grosser Betrieb herrscht an Liste 17, einer der vielen Nebenmessen der Art Basel. In den verwinkelten Gängen des einstigen Gasthofs und der Bierbrauerei Warteck drängen sich die Besucherinnen und Besucher. Von der Vergangenheit des Fabrikbaus zeugen nebst der Architektur auch Raumbezeichnungen wie „Sudhaus“. Seit 1994 wird das Gebäude nun in erster Linie für kulturelle Zwecke genutzt.

 

Ätherischen Klängen folgend, gelangen wir über eine schmale Wendeltreppe hinunter in den Kellerraum, in dem Shana Moultons Arbeit präsentiert wird. Es handelt sich dabei um eine eigenwillige Mischung aus Videokunst und Performance: Ein surrealer, an eine Traumsequenz erinnernder Kurzfilm, der sich mit den von der Werbebranche angepriesenen Versprechungen diverser Schönheits- und Naturheilprodukte auseinandersetzt. Weiter geht es mit der Begutachtung der Kunstwerke in den unteren Stockwerken, welche sich, von den Werken im Sudhaus mal ausgenommen, in erster Linie durch schlichte, klare Formen, eine minimalistische Hängung und eine reduzierte Farbpalette auszeichnen. Weniger ist mehr scheint hier Trumpf zu sein, wobei radikaler Minimalismus leider auch die Gefahr birgt, rasch eintönig zu werden.

 

Mona Lisa mit Amerika-Flagge

Umso farbenprächtiger und abwechslungsreicher präsentieren sich dafür die Galerien im Sudhaus, welches allein schon durch seine eigenwillige Architektur besticht. Unter den Bildern verdienen besonders die poppigen Reproduktionsdrucke der Serie „Good Wives“ von der Französin Lucie Fontaine  besondere Erwähnung. Mit ihren knalligen Farben und der grafischen Ausführung erinnern sie an bekannte Werke der Pop-Art und greifen gleichzeitig auf Motive der klassischen Malerei zurück, um brisante Themen darzustellen. So posiert auf einem Bild Osama bin Laden mit amerikanischer Flagge im Stile von Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ vor der Kulisse der explodierenden Twin- Towers.

 

Abgründiger Garten Eden

Standen die unteren Stockwerke des Warteck-Gebäudes noch im Zeichen der Minimal Art, so wirken die Arbeiten in den oberen Geschossen eher der Konzeptkunst verpflichtet, bei der nicht die Ausführung des Kunstobjektes sondern das ihm zugrundeliegende Konzept im Vordergrund steht. Eine erfrischende Ausnahme unter all den inhaltsschwangeren Arbeiten bilden die Werke der beiden diesjährigen Sondergäste Circuit und Kasko. Das Künstlerkollektiv aus Lausanne mit dem sperrigen Namen Circuit – Centre d’art Contemporain hat sich nämlich einen ganz besonderen Ausstellungsraum im Warteck-Gebäude ausgesucht: Das Atelier für Buch, Stein- und Kupferdruck. Als wir den Raum betreten, werden wir zuerst von den Klängen mediterraner Volksmusik empfangen. Der Geruch von Druckerfarbe hängt in der Luft. Zuerst bleibt der Blick an den typografischen Maschinen und Werkzeugen hängen: Druckerpressen stehen neben Tischen und Regalen mit Werkzeug, Chemikalien und Farben. An einem Pult ordnet eine junge Frau Druckertypen in einem Setzkasten an. Erst auf den zweiten Blick entdecken wir schliesslich die ausgestellten Drucke und Videoinstallationen, welche einen interessanten Kontrast zu den Maschinen im Raum bilden und sich erstaunlich harmonisch in das Gesamtbild des Ateliers einfügen. Das Künstlerkollektiv nutzt das Atelier während der Liste nicht nur, um Installationen und Performances zu präsentieren, sondern auch, um für die eigene Galerie Drucke herzustellen.

 

Künstler zu vermieten

Nebenan im sogenannten Kaskadenkondensator, einem Projektraum für aktuelle Kunst und Performance überzeugt uns eine Garteninstallation, eine labyrinthische Anordnung von Topfpflanzen und Holzkisten, welche Assoziationen an eine grüne Oase oder den Garten Eden weckt. Toninstallationen mit Vogelgezwitscher und plätscherndem Wasser untermalen die scheinbar idyllische Atmosphäre. Im Zentrum dieses kleinen grünen Irrgartens steht allerdings eine Mischung aus Skulptur und Installation mit Bildern zweier von Pfeilen durchbohrter Männer, ähnlich dem Märtyrer Sebastian in der klassischen Ikonographie. Ein Mahnmal für die Verfolgung und Stigmatisierung der Homosexuellen. Als interessanter Kontrast dazu präsentiert direkt nebenan die Lichtensteiner Galerie Jäger von Zoest eine Gruppe junger Performancekünstler namens Beuystoys&Mudisten, die an der Liste 17 unter einem speziellen Konzept namens „Rent an Artist!“ auftreten. Der Messebesucher hat die Möglichkeit, jeweils ein Mitglied der Künstlergruppe gegen einen bestimmten Betrag und für eine bestimmte Dauer zu mieten. Zu den Kunstschaffenden, die sich mieten lassen gehört auch die Kunststudentin Lysann König, die uns erklärt, dass der freie Markt und die zeitgenössische Konsumgesellschaft, in der praktisch alles in irgendeiner Form gemietet werden kann, die Inspiration für „Rent an Artist!“ bilden.

 

Performance vor Ort

Wieder beim Eingang des Warteckgebäudes angelangt, treffen wir schliesslich auch das Team um den italienischen Performancekünstler Matteo Rubbi. Seine Arbeit befasst sich mit der Reaktivierung alter, fast vergessener Konzepte und Erinnerungen. Er hat sich die Patente zweier unveröffentlichter Brettspiele aus den Vorkriegsjahren angeeignet und diese gemäss den Originalentwürfen nachbauen lassen. Die Performance besteht nun darin, dass die Messebesucher sich selbst in diesen auf den Prinzipien von Schach und Dame beruhenden Brettspielen gegen Rubbis Vertreter versuchen. Da es sich um Prototypen handelt, bei denen die einzelnen Spielregeln noch nicht genau feststehen, verfügen die Mitspieler dementsprechend über eine grosse Handlungsfreiheit und die Möglichkeit, neue Ideen miteinzubringen.