Sport | 27.06.2012

Über Stock und Stein

Text von Jodok Trösch | Bilder von Jodok Trösch
Jolanda Neff hat am 12. Juni in Moskau Gold gewonnen. An den U23-Europameisterschaften im Mountainbike setzte sie sich gegen alle Konkurrentinnen durch. Eine Woche später versuchte sie an einem Rennen in Gränichen ihre Leistung zu bestätigen. Tink.ch hat die junge Spitzensportlerin begleitet.
Halsbrecherisch stürzen sich die Fahrerinnen in die Abfahrten. U23-Europameisterin Jolanda Neff posiert für ihren Team-Fotografen und für Tink.ch. Es ist heiss, die Piste ist trocken -“ da kommt man schnell ins Rutschen.
Bild: Jodok Trösch

Ein Knall. An die dreissig Fahrerinnen treten gleichzeitig in die Pedale und rasen los. Es ist eng auf dem Strässchen, die Fahrerinnen kommen sich sehr nahe. Einige können nur knapp einen Sturz vermeiden. Schon nach der ersten Linkskurve am Waldrand geht es in den Aufstieg. Die Fahrerinnen werden kaum langsamer. Ganz vorne mit dabei ist Jolanda Neff, die es, zusammen mit zwei anderen Fahrerinnen schafft, sich etwas abzusetzen und so als eine der Ersten auf den schmalen Pfad im Wald, den sogenannten Single Trail, einbiegt.

 

Europameisterin

Gränichen ist der Ort, wo sich eine Woche nach den Europameisterschaften in Moskau die Weltelite im Mountainbike versammelt. Das Rennen, welches schon seit 20 Jahren in der Kiesgrube hinter dem Dorf ausgetragen wird, wurde vom internationalen Radsportverband UCI als „Hors Categorie“ eingestuft. Die zweithöchste Kategorie, gleich nach dem Weltcup. Hier starten die U23-Fahrerinnen gemeinsam mit den Elite-Fahrerinnen. Die beiden Kategorien werden aber separat gewertet. Eine Woche zuvor, in Moskau hatte Jolanda Neff in ihrer ersten U23-Saison gleich die Europameisterschaften gewonnen. In einem taktisch klug gefahrenen Rennen hatte sie sich gegen die gesamte Konkurrenz durchgesetzt. „Es war ein wunderbares Gefühl, als Erste über die Ziellinie zu kommen.“ In Gränichen gilt es nun, die Ergebnisse der Europameisterschaft in einem sehr gut besetzten Feld zu bestätigen und sich auf die nächsten Weltcup-Rennen in Nordamerika vorzubereiten.

 

Das Gefühl des Sieges ist für Neff indes nicht ganz neu: sie fuhr von klein auf Rennen und hat schon ein beeindruckendes Palmarés. Alleine in der letzen Saison hat sie neben vier Weltcup-Siegen in der Kategorie U19 den Juniorinnen-Europameistertitel und den Schweizer Meistertitel sowohl auf dem Bike im Gelände als auch mit dem Rennrad auf der Strasse errungen. Ihre Leistungen seien nur möglich geworden dank ihrer Familie. Diese, so Neff, habe sie unterstützt und an alle Rennen begleitet. Dazu kommt bei Neff eine grosse Portion Durchhaltewillen und Selbstdisziplin. „Und man muss die richtigen Gene haben, sonst hilft alles Training nichts“, merkt Neff schmunzelnd an.

 

Eine Hitzeschlacht

Das Rennen in der Kiesgrube geht weiter. Nach zwei von sechs Runden auf der anspruchsvollen Stecke mit langen, steilen Anstiegen und tückischen Abfahrten ist Jolanda Neff immer noch im führenden Trio: eine U23-Athletin zusammen mit den Weltklasse-Fahrerinnen Esther Süss und Katrin Leumann. Es ist staubig und heiss und die Sonne brennt erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel. Die Zuschauer versuchen, ein Plätzchen im Schatten zu ergattern, doch die Fahrerinnen sind über weite Teile des Kurses der Sonne voll ausgesetzt. Für Neff ist es zu viel: „Ich habe gemerkt, dass es mir zu heiss wurde und ich musste die beiden ziehen lassen“, sagte die Athletin nach dem Rennen. Andere können mit den hohen Temperaturen besser umgehen und so muss sich Neff im Verlauf des Rennens noch einige Male überholen lassen. Es sei sehr frustrierend gewesen, meint sie dazu und fügt an, die Erholung vom letzten Rennen sei vielleicht nicht optimal gewesen. Wegen den Siegesfeiern und der anstrengenden Rückreise aus Russland habe sie viel zu wenig geschlafen.

 

Kein Ausgang

Training und Erholung sind essentiell. In den Ausgang gehen und Alkohol trinken liegt während der Saison nicht drin – aber das ist ein Opfer, das Neff gerne erbringt. „Wenn man etwas erreichen will, dann muss man sich halt entscheiden. Und das Mountainbiken bringt soviel Abwechslung, dass ich den Ausgang gar nicht vermisse.“ Jeden Tag und bei jedem Wetter sitzt Jolanda Neff zwei bis drei Stunden auf dem Rad. Obwohl die meisten Mountainbikerinnen einen Grossteil ihres Trainings auf der Strasse absolvieren, weil dort die erbrachte Leistung besser kontrollierbar ist, trainiert Neff am liebsten im Gelände. Daran liegt es vielleicht, dass sie in technisch schweren Abfahrten der Konkurrenz meist davonfährt.

 

Rennen zum Vergessen

Das Rennen in Gränichen nähert sich dem Ende. Esther Süss, Teamkollegin von Neff und Zweite an den Europameisterschaften der Elite, kommt als Erste ins Ziel. Doch bis auch Jolanda Neff im Ziel ist, vergehen noch einmal fünf Minuten und 17 Sekunden. Sie überquert die Ziellinie als zehnte Fahrerin, in ihrer Kategorie wird sie Vierte. Darüber freuen kann sie sich nicht. „Das ist ein Rennen zum Vergessen. Es war mir zu heiss und ich habe nicht das gezeigt, was ich kann.“

 

Die nächsten Möglichkeiten zum Zeigen, was sie kann, bieten sich an den Weltcup-Rennen in Mont-Saint-Anne (Kanada) und Windham (USA). Daneben möchte Neff die Schweizer Meisterschaften in Balgach am 22. Juli gewinnen und die Saison als eine der besten fünf U23-Fahrerinnen abschliessen. Denn dann könnte sie nächstes Jahr als Elitefahrerin an den Start gehen. Neff träumt davon, irgendwann einmal vom Radsport leben zu können. Doch dafür muss sie an die Weltspitze kommen. Nur die zehn weltbesten Bikerinnen sind Profis. Die Basis dazu ist jedenfalls gelegt und auch die Motivation ist da. Mit gutem Training und etwas Glück ist wohl noch einiges möglich.