Gesellschaft | 27.06.2012

Über den Wolken

Text von Veronika Henschel | Bilder von Raoul Pellaton
Da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, über den Wolken. Zumindest singt das Reinhard Mey in dem berühmten gleichnamigen Lied. Diese grenzenlose Freiheit wollte Tink.ch-Reporterin Veronika Henschel spüren, ehe die Welt untergeht. So wagte sie sich für den sechsten Teil der Serie "Das Ende ist nah" in ein klappriges Kleinflugzeug.
Sanfter Aufstieg: Gemütlich schweben wir über die Innerschweiz. Die Flugkarte: Ein Stück Papier mit vielen Linien, die die Luft in Zonen einteilen. Wenn man sich da bloss nicht verfliegt! Ganz nah dran: So bekommt "Berggipfel erobern" eine ganz neue Bedeutung. Schräglage beim Landeanflug.
Bild: Raoul Pellaton

Das Fliegen fasziniert Menschen schon seit sie zum ersten Mal einen Vogel am Himmel sahen. Mittlerweile haben sie Techniken gefunden, sich ebenfalls in die Lüfte zu schwingen. Viele Leute finden: Man muss einmal geflogen sein, auf welche Art auch immer. Also mache ich mich auf um vor dem Weltuntergang einmal zu fliegen.

 

Kennen lernen der Klapperkiste

Ich komme beim Flugplatz Triengen bei Luzern an und sehe den startenden Kleinflugzeugen zu. Ein paar wackeln ziemlich in der Luft herum und mir wird ein bisschen bange. Dann fällt plötzlich eine kleine Kiste elegant vom Himmel auf die Landebahn. Heraus steigt mein Pilot, Christoph Mauerhofer von der Mauerhofair. Der Student beschreibt sich als fliegenden Musiker, was mir irgendwie sympathisch und vertrauenserweckend scheint. Er stellt mir sein Flugzeug vor: eine Cessna 172, ein winziger Vierplätzer. Wir steigen ein und lernen sofort die Eigenheiten der Maschine kennen: Eine Tür lässt sich nur von innen öffnen, eine andere nicht mehr schliessen. Sowieso scheint alles irgendwie klapprig und alt zu sein. Ich bin ein wenig skeptisch und mir wird mulmig bei dem Gedanken, mit dieser Kiste über die Alpen zu fliegen. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.

 

Die schöne Schweiz oder Schnee im Juni

Vom Start kriege ich nicht viel mit, viel zu abgelenkt bin ich von den vielen Anzeigen im Cockpit. Auch das Headset – bestehend aus Mikrofon und Kopfhörer – ist ungewohnt. Die Funksprüche werden in englischer Flugsprache gehalten, ich verstehe kein Wort. Trotzdem bin ich froh um die Kopfhörer, das Brummen der Maschine würde sonst einen bleibenden Ohrenschaden verursachen. Schon fliegen wir über den Vierwaldstädtersee, betrachten Luzern von oben und bemerken den Hochbetrieb der Boote auf dem See. Der Luftraum ist wie ausgestorben, nur ein einsamer Segler gleitet unter uns dahin. Mittlerweile fühle ich mich wohl und entdecke begeistert mir bekannte Städte, Berge und Seen von oben. Wir setzen unsere Route fort und fliegen über den Klausenpass. Die Felsen scheinen zum Greifen nah zu sein, wir sehen Schnee, Bergseen, Wildbäche. Wolken packen die Berggipfel wie Watte ein und ich fühle mich wie ein heimlicher Besucher in einer unberührten, magischen Welt. Einmal mehr wird mir bewusst, wie schön dieses Land ist.

 

Selbst fliegt die Frau

Ob ich Kunstflug mögen würde, möchte der Pilot wissen. Klar finde ich Kunstflug toll, zum zuschauen, sieht ja auch grossartig aus. Kaum habe ich geantwortet, zeigt die Flugzeugspitze schon gen unendliches Weltall. Es ist, als würde man in einer Achterbahn nach oben fahren. Dann drückt der Pilot das Steuer wieder nach vorne, die Nase beugt sich und plötzlich befinde ich mich im freien Fall direkt auf den Zürichsee zu. Nach dem ersten Schock schiessen Adrenalin und Glücksgefühle durch meinen Körper. “Noch mal, noch mal!”

 

Nach diesem kleinen Spass lässt der Alleinunternehmer der Mauerhofair plötzlich das Steuer los. “Wir müssen da vorne hin, zwischen die zwei Inseln”, weist er mich an. Eine Schrecksekunde später umklammere ich unsicher die Lenkung. “Auto fahren kann ich, und das hier ist ähnlich, nur eben ein Flugzeug”, probiere ich mich zu beruhigen. Wir brausen mit 100 Knoten in 8’500 Fuss Höhe herum. Umgerechnet sind das etwa 200 Stundenkilometer in 2’800 Metern Höhe. Es macht auch tatsächlich ein bisschen Spass. Trotzdem bin ich froh, als der richtige Pilot wieder übernimmt. Er erklärt mir, dass der Luftraum in Zonen eingeteilt ist. Auf der rechten Seite sehen wir den Raum Zürich mit dem grössten Flughafen der Schweiz. Fliegt man dort hinein, wird der gesamte Flugverkehr gestoppt und man darf mit einer saftigen Busse rechnen. Schlimmere Konsequenzen also, als mit dem Auto ein Fahrverbot zu ignorieren.

 

Pilot zurück am Boden

Nach dem einstündigen Rundflug landen wir sicher auf der kurzen Rasenfläche in Beromünster. Liebevoll putzt der Pilot die Maschine und schiebt sie in den Hangar. Auch ich habe sie trotz anfänglicher Skepsis richtig lieb gewonnen, die Cessna 172. Weniger liebevoll ordnet er seine Papiere: “Die Fliegerei, das ist eine einzige Bürokratie!”, entrüstet er sich.

 

War er eben noch der Herr der Lüfte, sitzt er im nächsten Moment schon geschafft im Bus nach Hause. Christoph Mauerhofer ist nicht mehr zu unterscheiden von den müden Arbeitern und Büroleuten zu Feierabendbeginn. Auch ich versinke in der Masse, ist so ein Flug doch auch als Beifliegerin oder Copilotin ziemlich anstrengend. Doch wer genau hinsieht, entdeckt das Glänzen in meinen Augen. Fliegen, ja fliegen ist definitiv etwas, das jeder vor dem Weltuntergang einmal getan haben sollte.

 

Zur Serie


Dieser Artikel ist der sechste aus der Serie “Das Ende ist nah”. Einmal im Monat legt Tink.ch-Autorin Veronika Henschel hier Dinge nahe, die man unbedingt noch tun sollte, bevor die Welt am 20. Dezember (vielleicht) untergeht.