Kultur | 05.06.2012

So spricht die Schweiz

Mit "Sapperlot!" zeigt die Nationalbibliothek in Bern eine Ausstellung mit urschweizerischem Inhalt: Die vielbeschworenen Dialekte. Auf der akustischen Entdeckungsreise stossen wir auf Wohlvertrautes und Kauderwelsch.
Mit solchen Phonogrammen nahm man vor über 100 Jahren Töne auf.
Bild: zvg / Sammlung Phonogrammarchiv, Universität Zürich

Sprachliche Vielfalt ist Teil des Schweizer Selbstverständnisses. Allerdings erschöpft sie sich mit den vier Landessprachen längst nicht. Ein bunter Flickenteppich aus Mundarten überzieht das Land. Diese Sprachvarianten sind nicht nur Ausdruck der kleinräumigen Strukturen. Als Quelle für lokale Identitätsbildung und Nährboden für den gern zelebrierten Kantönligeist bewegen sie heute immer wieder die Gemüter. Die Ausstellung “Sapperlot!” in der Nationalbibliothek in Bern hat zweifelsfrei zeitgenössische Relevanz. Es ist eine akustische Ent­deckungsreise entlang räumlicher und historischer Achsen, vorbei an einer Vielfalt aus­gestorbener, bedrohter und blühender Sprachvariationen. Das Ungewöhnliche am Ausstellungsgegenstand: Ge­sprochene Sprache will klingen.

 

Töne von der Decke

Unablässig tönt eine Stimme nach der andern aus einem der 13 Lautsprecher im spärlich gefüllten Ausstellungsraum. Er beherbergt auch historische Aufnahmegeräte, eine Dokumentation der grossen Mundartwörterbücher und Mundartliteratur. Das zentrale Ausstellungselement ist aber die Toninstallation. Wie Zylinderhüte hängen die Lautsprecher von der Decke über der Schweizer Seenlandschaft. Sie laden ein, zu verweilen und wohlvertrauten bis an Kauder­welsch grenzenden Dialekten zu lauschen.

 

Die vierzig Tonaufnahmen umfassen neben zeitgenössischen Stimmen auch historische Tondokumente aus dem Phonogrammarchiv der Universität Zürich. Das älteste datiert von 1913. Trotz simpler Aufnahmetechnik mit Sprechtrichter, Wachsplatte und Nadel sind allfällige Verständnis­probleme sprachlichen Ursprungs. Immerhin liefert in solchen Momenten der Ausstellungskatalog einige Hintergrundinfos. So erheitert ein kurzer Dialog in einem alten Tessinerdialekt die Gemüter – im Wissen, dass es sich um die Synchronisierung eines Hollywoodstreifens handelt.

 

“Totemügerli” auf Rätoromanisch

Die Sprachsituation der Schweiz ist bunt und komplex. Während Mundart in der Deutschschweiz klar vom Hochdeutschen getrennt angesehen wird und gar zu einer Kindergarten-Kontroverse geführt hat, sind die Dialekte auf der anderen Seite des Röstigrabens, die sogenannten Patois, weitgehend ausgestorben. Das alltäglich gesprochene Französisch unterscheidet sich nur marginal von der Standardsprache Frankreichs. Auch im Tessin ist der Dialekt eine Variante des Standarditalienischen. Den letzten Mosaikstein bildet die stark gegliederte Rätoromanische Sprachregion mit fünf verschriftlichten Idiomen und dem weitgehend gescheiterten Versuch, Rumantsch Grischun als Standardsprache zu etablieren.

 

Dieses Muster ist theoretisch. Die Ausstellung füllt es mit Stimmen und Geschichten. Wer hat schon gewusst, dass in den Sechziger Jahren im Aargau mit dem Surbtaler Jiddisch noch ein Dialekt mit hebräischem Einfluss gesprochen wurde? Oder dass es Franz Hohlers Geschichte über das “Totemügerli” auch auf Rätoromanisch gibt?

 

“Jetz tuets denn weh”

Nicht nur wegen solcher Wissenshappen lohnt sich ein Besuch in der Nationalbibliothek. Genauso erheiternd sind Begegnungen mit anderen Besucherinnen und Besuchern. Denn Dialekt ist etwas Intimes. Wenn man zusammen mit fremden Leuten unter dem Lautsprecher steht, niemand richtig zu sprechen wagt, weil die Preisgabe der eigenen Dialektzugehörigkeit beinah einem Outing gleichzukommen scheint, wird die Bedeutung und Emotionalität des Themas Dialekt plötzlich greifbar. Und wenn man dann mit Jugendsprache, erst noch in Zürcher Dialekt berieselt wird, bekundet ein Besucher doch: “Jetz tuets denn weh i den Ohre”. “S’ Beschte wo’s je het’s git’s” ist in eben gerade in sprachlicher Hinsicht Geschmackssache.

 

 

Info


Die Ausstellung “Sapperlot! Mundarten der Schweiz” läuft noch bis am 25. August dieses Jahres in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern.

 

Führungen auf Deutsch am Mittwoch, 23. Mai, 27. Juni und 22. August 2012, jeweils um 18 Uhr. Französisch: Mittwoch, 20. Juni 2012 um 18 Uhr. Italienisch: Mittwoch, 28. März und 22. August, jeweils um 19 Uhr