Kultur | 21.06.2012

Remix eines Lebens

Während der Art Basel bieten die hiesigen Kulturinstitutionen mehr als sonst. Auch das Theater Basel liess nichts zu wünschen übrig und zeigte "The Life and Death of Marina AbramoviÄEin bildgewaltiges Epos von Theaterregisseur Robert Wilson über die Grande Dame der Performance-Kunst, Marina AbramoviÄufgeführt von einer illustren Runde aus Schauspielern, Musikern und der Künstlerin selbst.
Überzogene Mimik und Gestik sind nicht jedermanns Sache. Marina Abramović sorgte für ausverkaufte Vorstellungen. Erhaben und emotional: Die Musik von Antony Hegarty.
Bild: Lucie Jansch (Theater Basel)

Der Titel des Stückes suggeriert Falsches. Marina Abramović weilt noch immer unter den Lebenden. Während sich viele ihrer Zeitgenossen aus der Hochphase der Performance-Kunst in den 60er- und 70er-Jahren nur noch sporadisch zu Wort melden, ist Abramović mit ihren 66 Jahren noch immer aktiv und sorgt mit meist extremen Performances für hitzige Diskussionen. Sei es, dass sie während den Öffnungszeiten des Museum of Modern Art in New York schweigend den Besuchern gegenübersitzt – insgesamt 721 Stunden –, sei es, dass sie sich mit einer Rasierklinge einen Stern in den Bauch ritzt oder sich von Galeriegästen mit verschiedensten, zum Teil tödlichen Gegenständen auf den Leib rücken lässt: Immer wieder geht und ging sie an ihre psychischen und physischen Grenzen. Doch der Schmerz ist ihr kein Selbstzweck: “Es verschafft einem Einblicke in ein höheres Bewusstsein, eine parallele Realität, die einem wiederum ungeahnte Kräfte verleiht”, sagte sie kürzlich in einem Interview. Im Austausch mit dem Publikum ihrer Performances entsteht eine Energie, die sie ihre zum Teil lebensgefährlichen Aktionen überhaupt erst überstehen lässt, so ihre Überzeugung. Genauso wichtige Elemente ihrer Arbeit sind denn auch in der Spiritualität, in der Meditation, im Schweigen und in östlichen Philosophien auszumachen.

 

Von der Kindheit bis zum Tod

Diesen Austausch zu erfahren und die Präsenz der Künstlerin zu spüren mag viele Besucher ins Theater Basel geführt haben, trat doch Abramović selbst auf. Sie spielte sich selbst und ihre eigene, autoritäre Mutter, zu der sie ein schwieriges Verhältnis hatte. Wer aber Wiederaufführungen von früheren Performances erwartet hatte, wurde enttäuscht. Nicht ihr künstlerisches Werk stand im Zentrum der Aufführung, sondern ihr Leben. Hollywood-Schauspieler Willem Dafoe, bekannt aus Filmen wie “Spider-Man” oder “Antichrist”, führte das Publikum als leicht wahnsinniger, scheinbar einer Traumwelt entsprungenen Erzähler durch die Biografie der Künstlerin. Von der Kindheit bis zum Tod tischt er Anekdoten auf und liest Erinnerungsfetzen vor. Doch von einem klassischen Theater mit Dialog und Schauspielerei war die Aufführung denkbar weit entfernt. Vielmehr wurde man mit einer für Regisseur Wilson typischen Vermischung von Tanz, Musik, Licht, Bewegung, Theater und Text konfrontiert.

 

Nachhallende Bilder

Es war ein Schauspiel von unvergleichlicher visueller Wucht. Wilson formte auf der Bühne Bilder von grosser Kraft, die unweigerlich im Kopf haften blieben und noch lange nachhallen werden. Surreale, verstörende und bis ins letzte Detail arrangierte Bilder, die man eher im Kino als im Theater erwarten würde. Dazu gab es überdrehte, hektische, bisweilen verspielte Gestik und Mimik der Schauspieler – Erinnerungen an Zirkusbesuche, Stummfilme und Slapstick-Szenen wurden wach. Schwierig war es, diesen Aspekt des Schauspiels mit den ernsten, in sich ruhenden, zum Teil gar meditativen Performances der Künstlerin in Einklang zu bringen. Doch vielleicht ist vielmehr eine von ihrem künstlerischen Werk unabhängige Betrachtung des Schauspiels zu wählen, um der Aufführung gerecht zu werden. Liest man doch im Vorwort des Programmheftes: “Ich gebe jegliche Kontrolle ab. Ich übergebe dem Regisseur das Material und er kann daraus eine Art Remix meines Lebens machen.”

 

Keine leichte Kost

Die verschiedenen Ebenen, auf denen das Stück stattfand, forderten den Zuschauer: Da wurde Biographisches vorgetragen, gleichzeitig lief auf einer Leinwand ein Filmausschnitt, während auf der Bühne eine Interpretation des Vorgetragenen dargestellt wurde. Das Auge kam selten zur Ruhe. Ob dieser Reizüberflutung wünschte man sich gelegentlich eine stringentere Struktur und etwas Gemächlichkeit. Diesen manchmal dringend nötigen Gegenpol bildete der englische Sänger Antony Hegarty, der, mächtig und in sich ruhend wie eine antike Statue, hochemotionale Lieder zum Besten gab. Er übersetzte Aspekte von Abramovićs Leben in Musik.

 

Tosender Applaus

Hegartys eindrückliche musikalische Leistung, Dafoes begeisterndes Schauspiel und Abramović, als Dreh- und Angelpunkt der Aufführung, schienen das Publikum restlos zu begeistern und liessen auch über die eine oder andere Verstiegenheit hinwegsehen. Erst nach tosendem Applaus und Standing Ovation durfte die illustre Runde die Bühne verlassen. Und obwohl die Aufführung mit dem Tod endete, darf man mit Abramović wohl noch lange rechnen: Sie glaube nicht, dass sie vor ihrem Tod aufhören könne oder wolle, sagt sie in einem Interview.