Gesellschaft | 20.06.2012

In Mini-Schrittchen dem Ziel entgegen

Text von Veronika Henschel | Bilder von Katharina Good.
Tausend ausgefüllte Formulare, unzählige Mails, viel Geld und acht Monate Zeit. Man könnte meinen, das würde reichen, um nach einem halben Leben in der Schweiz eine kleine blaue Identitätskarte zu bekommen. Tut es nicht. Der vierte und noch nicht letzte Teil der Serie "Ich lasse mich einbürgern".
Die Autorin sieht sich schon in grau, aber mit dem roten Pass in der Hand.
Bild: Katharina Good.

Nachdem ich die Einladung zum Einbürgerungsgespräch im Januar nicht wahrnehmen konnte, weil Ferien länger als zwei Wochen im Voraus geplant werden, hatte ich mir für den Sommer nichts vorgenommen. Ich wollte Zeit haben um mich dem Einbürgerungsrat zu stellen und zu zeigen, wie ernst es mir mit der Eidgenossin ist.

 

Warten

Der Winter ging zu Ende, der Frühling begann. Irgendwann nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte nach, wie es denn mit einem Termin aussehe. Die Antwort: “Leider werden wir momentan mit Arbeit überhäuft. Es ist nicht absehbar, dass sich der Rat in der nächsten Zeit trifft.” Ein Rückschlag. Sollte das jetzt heissen, ich müsse bis nächsten Januar warten? Noch ein halbes Jahr warten, herumsitzen, nicht mitgestalten können, noch ein halbes Jahr mit dem unpraktischen grossen Büchlein mit der Aufschrift “Ausländerausweis”? Ein weiteres halbes Jahr auf ein Gespräch warten, nach dem immer noch nichts beschlossen ist: Nach der Gemeinde geht der Fall auf die Kantonsebene, dann zum Bund und schliesslich den ganzen Weg wieder zurück. Dieser Prozess dauert natürlich seine Zeit und ich sehe mich schon mit faltigem Gesicht und grauen Haaren, freudestrahlend, endlich den Schweizer Pass in der Hand haltend.

 

Ein Termin und viele Zweifel

Ein paar Wochen später steht fest, dass ich eine Weile im Ausland studieren werde. Das Semester wird am 8. Januar 2013 beginnen. Es könnte also schwierig werden mit einem Einbürgerungsgespräch, denn bei aller Liebe: Auslandsstudium geht vor Einbürgerungsgespräch. Ich teile meine Pläne vorsorglich der Gemeinde mit und bekomme postwendend eine Antwort: Wie es in den nächsten drei Monaten aussähe, ob ich dann in der Schweiz sei. Ja, bin ich. Plötzlich geht alles ganz schnell: Dem Rat werden einige Daten vorgeschlagen und ein paar Tage später habe ich tatsächlich einen Termin vor dem Einbürgerungsrat. Welch Wunder.

 

Nach einigen Minuten der Freude fängt mein Gehirn wieder zu denken an. Was wollen die da eigentlich von mir? Wer wird mir da gegenüber sitzen? Was werden sie mich fragen? Was passiert, wenn ich eine Frage nicht beantworten kann? Ich fühle mich wie vor einer mündlichen Prüfung, nur dass hier mehr auf dem Spiel steht als eine Note: Der Ort, an dem ich mein Leben verbringen werde. Eigentlich kenne ich mich hier ja aus, ich bin hier aufgewachsen, ich fühle mich hier heimisch. Aber plötzlich bin ich mir trotzdem gar nicht mehr so sicher, ob ich wirklich hierher passe.

 

Zur Autorin


Veronika Henschel ist zwanzig Jahre alt. Sie lebt und studiert in Basel. Als Kind deutscher Eltern ist sie mit neun Jahren in die Schweiz gezogen. In der Ostschweiz zur Schule gegangen, spricht sie zwar breitesten Toggenburger Dialekt, hatte aber bis anhin nicht die Schweizerische Staatsbürgerschaft inne. Auf Tink.ch berichtet sie in einer losen Serie von ihren Erfahrungen im Umgang mit den Behörden, der Schweiz und mit sich selber. Heute erscheint der vierte Teil dieser Serie.