Kultur | 19.06.2012

“Ich habe Tage nach der Tanzdemo noch Streitgespräche geführt”

Text von Michelle Stirnimann | Bilder von Julia Jauner
22 Jahre ist Patent Ochsner nun in aller Ohren. Vier Jahre nach "The Rimini Flashdown - Part One" geben die Berner mit "Johnny" ihr zehntes Album heraus. Tink.ch traf den Frontmann Büne Huber im Kursaal in Bern. Ein Gespräch über diesen Johnny, die Jugendbewegung "Tanz dich frei" und über Stützstrümpfe.
"Johnny ist ein Archetypus des Rock'n'Roll", sagt Büne Huber. Und das Alter Ego des Sängers von Patent Ochsner.
Bild: Julia Jauner

22 Jahre ist Patent Ochsner nun in aller Ohren, nächste Woche erscheint euer zehntes Album. Was erwartet uns auf der neuen CD? Eure Single “Zucker und Zitrone” lässt sich nach zwei Sekunden eindeutig unter “Patent Ochsner” einordnen. Bleibt ihr eurem Stil treu oder mischt ihr neue Elemente rein?

Der Song beginnt mit einer rückwärts getrimmten Slidegitarre, das ist neu! Wir tüfteln während Tagen an Beats und Klängen und am Ende, was für ein Jammer, heisst es: “es klingt wie Patent Ochsner halt eben klingt”. Aber klar, es stimmt, ich habe eine bestimmte Handschrift, eine bestimmte Art mit der Sprache umzugehen. Ich bin wie ein Koch, der wunderbare Suppen kreiert. Aber am Schluss sind es halt doch nur Suppen.

 

Wie und wo findet man denn Ideen und Inspiration für neue Songs? Beim Spaziergang durch Bern?

Überall. Auch hier und jetzt. Vorhin lief hier ein Mann mit Stützstrümpfen vorbei. Armer “Cheib”… aber was ich sagen will: Du siehst diesen Menschen und da ist eine Geschichte in mir, die hinter diesem Anblick steht. Sie entspricht natürlich nicht der Wahrheit, aber sie hat mit Stützstrümpfen zu tun. Ich will das auch mal ausprobieren, ich trug noch nie Stützstrümpfe! Dieses Bild lässt mich nicht mehr los und in meinem Hinterkopf galoppiert bereits der politisch etwas unkorrekte Geschichtenhengst los. Das Leben ist farbig, schön und gross. Man braucht die Geschichten nur zu pflücken, und auf dem nächsten Cover werde ich in Stützstrümpfen posieren (lacht).

 

Stichwort Coverbild: Wer ist dieser Johnny?

Johnny ist ein Archetypus des Rock ‘n’ Roll. Ein Mann, der einfach nicht wirklich erwachsen werden will. Ein Peter-Pan-Typ. Seine Träume sind in Schieflage geraten, aber er versucht verbissen die Fassade zu wahren. Zugegeben, ich sehe auch gewisse Berührungspunkte zwischen Johnny und mir.

 

Und wer euch gut kennt, wird dafür belohnt: Waren die heimlichen Auftritte in der Solothurner Kulturfabrik Kofmehl (Tink.ch berichtete) bewusst eine Insider-Show für Leser eures Online Logbuchs?

Ja, die drei Konzerte waren eine Art Höhentraining. Eine Band, die direkt aus dem Studio ans Gurten Festival kommt, fühlt sich verwundbar und verloren. Man muss das Gefühl für die Bühne wieder neu entwickeln. Da hilft die Routine wenig. Die Erfahrung lindert bestenfalls ein bisschen das Lampenfieber, obschon die letzten 30 Minuten vor dem Konzert immer nervtötend sind.

 

Nach dem Konzert in Solothurn seid ihr noch spontan auf dem Vorplatz der Reitschule in Bern aufgetreten, anlässlich des Strassenfestes “Tanz Dich Frei 2.0”.

Es war nicht spontan. Wir entschieden bereits zwei Tage zuvor, dass wir da auftreten werden. Erst hiess es, wir spielen auf dem Bundesplatz, dann war es der Vorplatz – das war die beste Nacht überhaupt!

 

Wieso unterstützt ihr “Tanz dich frei”?

Die Jugend hat ein berechtigtes Anliegen, und darüber muss diskutiert werden. Wir unterstützen das und haben mit dem Auftritt vor der Reitschule ein klares Statement abgegeben für die Organisatoren von “Tanz dich frei 2.0”. Danach haben wir uns aber auch wieder zurückgezogen, denn die alten Säcke müssen nicht immer alles besser wissen.

 

Hatte der Auftritt an der Tanzdemo für euch Folgen?

Ja, es gab einige negative Reaktionen. Wir hätten ein falsches Zeichen gesetzt, oder ob wir es denn nötig hätten, eine derart unpolitische Spassaktion zu unterstützen. Ich führte richtige Streitgespräche: Einige Leute aus meiner Generation wählen heute dieselben Worte mit denen wir von der Generation vor uns angegangen wurden. Mich regt das auf! Heute heisst es wieder, die Anliegen seien politisch zu wenig konkret, inhaltslos und sowieso nur auf Basis einer “Spassgeneration”. Natürlich gibt es unter 10’000 Leuten immer solche, die nur als Mitläufer mitmachen – na und? Jede Generation hat ihre Anliegen, das war auch 1968, in den 80er Jahren und bei Zaffaraya nicht anders. Mamma mia, die Jugend von damals war keinen Deut besser als die Jugend von heute. Sie war anders.

 

Zum Schluss: Büne, wer wird Europameister?

Italien. Die Mannschaft hat es zwar nicht verdient, aber sie werden Europameister. Ich bin halb Italiener und fahre ein italienisches Auto: Es ist einfach meine Mannschaft.