Kultur | 27.06.2012

“Geographisch vor Schlaraffenland”

Text von Katharina Good | Bilder von zVg
Der Schweizer André Thomkins ist als Zeichner zauberhafter Figuren und als Wortkünstler bekannt. Im Bündner Kunstmuseum in Chur kann man ihn mit surrealistisch gemalten Bildwelten bis zum 26. August neu entdecken. Der Katalog, der bei Scheidegger & Spiess erschienen ist, erklärt die ungewöhnliche Maltechnik mit fliessenden Lackfarben und hält sie für immer fest.
André Thomkins in einem Filmporträt des Schweizer Fernsehens 1966. Das Bild "wir brüten uns gegenseitig aus" von 1961 steht auf dem Plakat symbolisch für die Bündner Ausstellung. © Andres Lutz, Zürich Ohne Titel (Astronauten), um 1962, Courtesy Estate of André Thomkins and Hauser & Wirth © 2012 Pro Litteris, Zürich.
Bild: zVg

Es ist ein Beitrag des Schweizer Fernsehens aus dem Jahre 1966, der am Anfang der Ausstellung einen ersten Einblick in die unbekannte Maltechnik bietet. Man sieht, wie Thomkins ein paar Tropfen Lackfarbe auf ein Wasserbecken fliessen lässt. Die Tinte breitet sich aus, bildet Flächen und Formen, die zu einer Haut erstarren und mit dem Papier abgezogen werden können. “Lackskins” nannte der Künstler die Bilder mit der ungewöhnlichen Ästhetik, die er vor dem “Schlaraffenland” einordnet, “wo Milch und Honig fliessen, beides alte Malmittel”.

 

Die Entdeckung neuer Bildwelten

Eher zufällig, beim Abwaschen seiner Pinsel, habe der experimentierfreudige Künstler die Schöpfungskraft der Lackfarbe entdeckt. In diesen ersten Experimenten Mitte der 50er-Jahre formte Thomkins mit schwarzem Lack Figuren, die er nach dem Erstarren ausschnitt, neu zusammensetzte und durch seine bewährte Zeichnungskunst ergänzte. In weiteren Collagen lernt man Thomkins auch als Wortkünstler kennen. Aus Zeitschriften ausgeschnittene und sinnfrei zusammengesetzte Worte und Buchstaben lassen einen Bezug zum Dadaismus feststellen.

 

Nach und nach beobachtete der noch junge Künstler das Zusammenspielen verschiedener Lackfarben und Möglichkeiten, neuartige Bildwelten zu kreieren, ohne nachträglich einzugreifen. In seinem neuen “Rezept” – wie es der Künstler nennt – für originelle Lackbilder betont er das Warten als wichtigen Schritt des künstlerischen Prozesses. Er unterstreicht die Wandelbarkeit seiner neuen Technik. Es sind nur einzelne Momente der “Lackdynamorphose”, die wir auf den meist kleinformatigen Bildern sehen. Wer sich aber darauf einlässt, kann die Formen wiederbeleben und auch in diesen abstrakteren Lackskins fabelhafte Figuren erkennen.

 

Das “verdichtete Chaos” in Ordnung gebracht

Die Bündner Ausstellung und der dazugehörige Katalog sind neben einer chronologischen Reihung thematisch geordnet und formal schlicht gehalten. Aus den zahlreichen Werkgruppen sticht jene der “Astronauten” aus den frühen 60er-Jahren hervor. Diese Werke beziehen sich auf den zeitgenössischen Aufschwung der Raumfahrt, machen aber auch Thomkins Faszination für das Unbekannte und die Unendlichkeit des Alls deutlich, wie Stephan Kunz, Direktor des Bündner Kunstmuseums bemerkt.

 

Die meist kleinformatigen Bilder auf den weissen Wänden des sogenannten Sulser-Baus in Chur wirken nur bei naher Betrachtung. Erst die grossen Lackskins im Untergeschoss, an denen Thomkins mehrere Jahre lang arbeitete, vermögen es, den Ausstellungsraum in ihr Reich der Fantasie einzunehmen. Von Eckhard Schulze-Fielitz – einem befreundeten Architekten Thomkins’ – inspiriert, sprengte der Künstler die Grenzen seiner Bildträger und schaffte – diesmal auch formal gesehen – wahrlich grossartige Lackskins.

 

Zur Ausstellung


 

Die Ausstellung zum Werk André Thomkins’ im Bündner Kunstmuseum in Chur ist bis zum 26. August zu sehen. Der Katalog mit 92 farbigen und vier schwarzweissen Abbildungen ist bei Scheidegger & Spiess erschienen und für 44 Franken erhältlich.