Kultur | 27.06.2012

Geister und fremde Welten

Text von Tobias Söldi
Phillippe Parreno hat keinen leichten Stand in der Fondation Beyeler. Neben dem übergrossen Namen Jeff Koons drohen seine parallel ausgestellten Werke unterzugehen. Zu Unrecht. Der 1964 geborene Franzose überzeugt mit zwei fesselnden Filmen und einem innovativen Ausstellungskonzept, das immer neue Entdeckungen zulässt.
Zum Schluss erfährt das Publikum, dass "Marilyn" nur eine Illusion war. Auf einem anderen Planeten soll Leben möglich sein. Durch zwei Sonnen werden die Pflanzen aber schwarz. Den Filmen gingen zahlreiche expressive Tuschzeichnungen voraus, so auch für "C.H.Z". Bilder Katharina Good

Ein undurchdringliches Schwarz umhüllt einen, wenn man den Projektionsraum betritt, in dem der Film “C.H.Z” von Phillippe Parreno gezeigt wird. Die Orientierung bereitet Schwierigkeiten. Viel heller wird es auch nicht, als die ersten Bilder des Films auf der Leinwand erkennbar werden. Und selbst im Film fällt die Orientierung nicht leicht. Sobald die düsteren Bilder sich aus dem umgebenden Dunkel herausschälen, drängt sich dem unvorbereiteten Betrachter eine Frage in den Vordergrund: Wo befinden wir uns nur? “C.H.Z” aus dem Jahr 2011 besteht aus Kamerafahrten durch eine surreale, vollständig schwarze Landschaft: Schwarze Bäume, schwarze Gräser, schwarze Pflanzen und nichts, was auf Menschen hinweisen würde. Die Atmosphäre dieser unwirtlichen, bedrohlichen Welt, in der man sich auch nur sehr ungern Menschen vorstellt, wird effektvoll unterstützt von einem unablässigen Brummen, Rauschen und Knacken, das die Wände erzittern lässt. Bild und Ton, die Dunkelheit und die beklemmende Stimmung lassen den Besucher in eine fremde, abstossende Welt eintauchen, die trotz oder genau wegen ihrer Andersartigkeit auch anziehend und faszinierend ist.

 

Science-Fiction und Geister

Was wie eine Fantasiewelt anmutet, ein Hirngespinst, einer dunklen Ecke des Künstlergemüts entsprungen, unterlegt Parreno mit wissenschaftlichen Fakten: Auf einem Planeten mit zwei kleinen Sonnen ist es möglich, dass sich Leben entwickelt. Dafür produziert die Fotosynthese der Pflanzen wegen dem erhöhten Lichteinfall eine gänzlich schwarze Vegetation. Diese Orte, welche die Bedingungen für Leben erfüllen, werden in der Fachsprache als “Continuously Habitable Zones”, kurz “C.H.Z.”, bezeichnet.

 

Irdischer und vertrauter, aber kein Deut weniger atmosphärisch präsentiert sich der zweite Film mit dem Namen “Marilyn”. Um eines gleich vorweg zu nehmen: Marilyn Monroe tritt nicht auf. Aber ihre Präsenz wird heraufbeschworen mittels Aufnahmen aus einer nachgestellten Hotelsuite, in der die Legende jeweils residierte. Zudem suggerieren eine erzählende Frauenstimme und eine von einem Roboter reproduzierte Handschrift die Anwesenheit der Schauspielerin. So gelingt es Parreno, die verstorbene Schauspielerin wiederzubeleben, ohne dass sie physisch in Erscheinung tritt. Ihr Geist ist anwesend. Die Handschriften aus dem Film können in einem weiteren Raum in aller Ruhe begutachtet werden – zusammen mit vielen weiteren Tuschezeichnungen und Skizzen, die eng mit “C.H.Z.” oder “Marilyn” zusammenhängen.

 

Choreografie aus Klängen und Bildern

Obwohl beide Filme neue Werke des seit den 1990er-Jahren etablierten und von den Kritikern geschätzten Künstlers sind, erscheint die Ausstellung zunächst etwas mager. Doch genau am vermeintlichen Ende der Ausstellung, setzt Parrenos Konzept an, das eine Ausstellung nicht als Ansammlung von Objekten sondern als ein einziges, zusammenhängendes Ganzes sieht. Dafür erweitert er den Ausstellungsraum: Im Wintergarten vor den Kinosälen sind Klänge aus dem Film zu hören. Bevor man “Marilyn” sieht, hört man träumerische Pianoklänge, Regengeplätscher und Telefonklingeln. Neugierde und erste Bilder entstehen schon hier. Und verlässt man den Projektionsraum, hallt der Film wortwörtlich nach. Parreno bezieht auf diese Weise die Gebäudearchitektur mit ein, aber ebenso berücksichtigt er den Besucher, der von Klängen geleitet durch die Ausstellung wandelt: “Meine Ausstellungen gestalte ich wie einen Film: Ich denke in Sequenzen, an den Rhythmus der Erfahrung des Betrachters”, sagte der Künstler einst. Eine Ausstellung von Parreno ist eine fein austarierte Choreographie aus Klängen und Bildern, die wie eine Entdeckungsreise anmutet.

 

Bis in die eigenen vier Wände

Doch Parrenos Ausstellungskonzept beschränkt sich längst nicht auf den Innenraum. Im Seerosenteich vor dem Museum sind Vibrationen im Wasser auszumachen, die parallel zu den Klängen von “C.H.Z” geschehen. Der Klang aus dem Film verselbständigt sich und wird im Teich sichtbar. Bild und Ton nehmen aber noch weitere Reisen auf sich: Am Ende des Ausstellungsbesuchs darf eine DVD mitgenommen werden, auf der die beiden Filme abgespeichert sind – jeweils in leicht veränderter Fassung.

 

So breitet sich die Ausstellung bis in die eigenen vier Wände aus und beschäftigt genau dadurch länger als manch eine gewöhnliche Ausstellung, die oft nur zu schnell wieder aus den Gedanken entschwunden ist. Nach einmaligem Abspielen löschen sich allerdings die beiden Filme von selbst. Geschickt thematisiert Parreno dadurch einen weiteren Aspekt einer Ausstellung: Das Vergessen. Es lässt sich kaum verhindern, aber man kann es hinauszögern.