Kultur | 13.06.2012

Die Sparte Fiktion hat ein Verständigungsproblem

Text von Michael Küng | Bilder von zvg
Man wolle am Sonntagabend in der Champions League spielen, liess sich der Verantwortliche für Fiktion kürzlich im Trägerschaftsmagazin "Link SRG" zitieren. Ist dem Schweizer Radio und Fernsehen SRF der Vergleich mit der höchsten Fussballspielklasse mit dem neuen Tatort gelungen?
Reto Flückiger (Stefan Gubser) im neuen Tatort "Skalpell" mit seiner neuen Partnerin Liz Ritschard (Delia Mayer).
Bild: zvg

Die Überschrift ist nicht neu. Vor allem die deutsche Boulevardzeitung Bild verglich den letzten Schweizer Tatort aus dem Jahr 2001 mit Emmentaler und anderen Schweizer Milchprodukten. Auch in weiteren deutschen Medien fand der erste Schweizer Tatort  nach zehn Jahren keinen nahrhaften Boden. Die Story sei zu flach und besonders die Hauptdarstellerin Sofia Milos passe überhaupt nicht ins Bild – dabei hatte man sie extra aus den USA geholt. Doch zum Zeitpunkt der Ausstrahlung hatte man beim Schweizer Fernsehen die Mängel bereits erkannt und war selber nicht mehr vom Film überzeugt.

 

Verwirrung pur vor dem grossen Showdown

Wie kam es dazu? Den Entscheid bei der Tatortproduktion erstmals seit zehn Jahren wieder einzusteigen, traf die heute zurückgetretene Fernsehdirektorin Ingrid Deltendre. Der Film entstand dann in der Ägide von Ueli Haldimann. Als Radio und Fernsehen zusammengelegt wurden kam der dritte Direktor in der Produktionszeit des neuen Tatorts. Ruedi Matter musste den Film zur Ausstrahlung freigeben. Doch die ebenfalls ausgewechselten Verantwortlichen für den Bereich Fiktion schlugen Alarm. Der Film wurde zurückgezogen. Szenen die den neuen Verantwortlichen zu sexistisch und zu politisch erschienen wurden nachgedreht. Auch die ARD trug ihren Teil zum Chaos bei, indem sie die Darsteller in der Synchronfassung Schriftdeutsch mit “Schweizer Akzent” sprechen liessen. Die Figuren wirkten aber komisch und rückständig, anstatt schweizerisch.

 

Noch vor der Ausstrahlung des Filmes zog man Konsequenzen für die nächste Produktion: Sofia Milos, die Hauptdarstellerin, musste gehen. Man versuchte zu retten, was noch zu retten war. Doch angesichts dieser Vorgeschichte hatte ein Meisterwerk ganz dem Titel “Wunschdenken” entsprochen.

 

Medienecho: Die Schweizer können ja doch Tatort machen

Die Strategie, um bessere Kritiken zu erhalten war für das SRF klar: mit einem ernsten Thema wollte man weg vom Gute-Laune-Krimi mit guter Aussicht. Die Wahl fiel auf die Intersexualität. Der Schritt gelang, fühlte man sich doch mit der neuen Produktion “Skalpell” an die schwedischen Krimis erinnert. Die ernsten Szenen und der Mut, das Thema Intersexualität in einem Tatort aufzugreifen, ernteten positives Echo.

 

Der überhastete Schluss kam jedoch nicht bei allen gut an. Auch die Tatwaffe, eine Armbrust, wurde schnell als Folklore abgetan. Ebenfalls viel zu reden gab erneut die deutsche Synchronfassung. Lilian Räber, Redaktionsleiterin Film und Serie bei SRF sagte gegenüber Tink.ch: “Die Tatort-Verantwortlichen bei der ARD wünschen, dass der regionale Aspekt in den Filmen klar erkennbar ist. Dazu gehört auch Sprache. Bei ‘Skalpell’ ist die schweizerdeutsche Färbung weniger ausgeprägt als bei ‘Wunschdenken’.” Doch auch wenn die ARD das wünscht, sollte SRF in Zukunft darauf achten, dass die Akteure ernsthaftes Deutsch sprechen.

 

Gute Quote

Alle Schweizer Darsteller haben sich in der deutschen Fassung selber synchronisiert. Dennoch empfiehlt es sich den Tatort auf SF 1 anzuschauen. So bleibt etwa “Grüezi” und “Adieu” im Vokabular und wird nicht durch “Guten Tag” oder “Auf Wiedersehen” ersetzt. Dazu sagt Räber: “Mit jeder Ausstrahlung sammeln wir bei der Synchronisation Erfahrungen, die wir bei künftigen Projekten einbauen”. Daneben zeigte sie sich erfreut über die Quote: “‘Skalpell’ hat in der Deutschschweiz einen Marktanteil von 29.2 Prozent erreicht, damit sind wir sehr zufrieden.” In Deutschland sind die Quoten genauer ausgewiesen. Quotenmeter vermeldet eine halbe Million mehr Zuschauer bei der ARD, als beim letzten Schweizer Fall. SRF kann also ein positives Fazit ziehen.

 

Dennoch heizen Bild und Blick die Diskussionen über einen Ausstieg der Schweizer aus der Tatort-Verbund bestehend aus ARD, ORF und SRF wieder an. Doch Lilian Räber dementierte einen Ausstieg. Die Partnerschaft von SRF im Tatort-Verbund sei langfristig und stehe nicht zur Diskussion, sagte sie gegenüber Ringier.

 

Die Frage nach dem Ausstieg hat SRF übrigens schon vor längerer Zeit beantwortet. Am 10. Februar 2012 wurden die Verträge bis 2014 verlängert. Episode drei und vier sind bereits im Kasten. SRF und ARD müssen sich jedoch in Zukunft Gedanken über die Synchronisation machen.