Gesellschaft | 13.06.2012

Die Sache mit der Autorität

Text von Elin Fredriksson | Bilder von Elin Fredriksson
Wenn die Koffer gepackt sind, ist es Zeit Abschied zu nehmen. Unsere Reporterin hat über ein halbes Jahr aus Brüssel berichtet. Jetzt zieht sie weiter.
Die Faszination für Star Wars konnte unsere Reporterin bis zuletzt nicht nachvollziehen.
Bild: Elin Fredriksson

Meine Koffer habe ich gepackt, meine letzte Gute-Nacht-Geschichte erzählt, die Hausschlüssel abgegeben. Nach gut sechs Monaten habe ich die belgische Hauptstadt verlassen. Kaum bin ich in Berlin angekommen, wo ich die letzten Monate meines Zwischenjahres verbringen werde, rennen zwei junge Menschen auf mich zu und fragen aufgeregt: “Where are you from?” Als ich antworte, dass ich aus der Schweiz komme, wenden die beiden Touristen enttäuscht ihren Blick zur Seite und erklären: “Oh, we thought you were from Belgium.” Ich schaue an mir herab und drehe mich einmal um mich selbst, um irgendetwas an mir zu finden, das irgendwie nach Belgien aussehen könnte. Habe ich etwa eine belgische Ausstrahlung bekommen? Oder gar einen belgischen Gang? Gerade will ich die neugierigen Backpacker zur Rede stellen, da sind sie verschwunden. Offensichtlich hat mich Belgien geprägt.

 

Wenn mich heute jemand nach Brüssel fragt, könnte ich tausend Geschichten erzählen. Wenn von Kindern die Rede ist, fühle ich mich sofort angesprochen. Sehe ich irgendwo eine Star-Wars-Werbung, werde ich schon fast nostalgisch. Was ich am Au-Pair-Dasein vermissen werde, ist die Abwechslung im alltäglichen Leben und die Wenden, die jeder normale Tag nehmen konnte. Zum Abschluss meiner Au-Pair-Kolumne hier eine meiner Lieblingsgeschichten aus Brüssel, die diese Abwechslung verdeutlichen soll:

 

Zu Tisch, bitte!

Es ist sieben Uhr abends. Ich habe gekocht und die Kinder sitzen einmal mehr am Computer und spielen das für mich unverständliche Spiel “Minecraft”. Vor einer halben Stunde habe ich ihnen schon das erste Mal zugerufen, dass das Essen fertig sei. Eine glatte Lüge, das Essen ist natürlich noch nicht fertig. Aber aus Erfahrung weiss ich, dass Kinder die Neigung haben sich Zeit zu nehmen, wenn man sie ruft. Offenbar war eine halbe Stunde zu wenig und jetzt, wo das Essen tatsächlich fertig wäre, rufe ich sie zum zweiten Mal. Diesmal mit dem Hinweis, dass das Essen jetzt kalt werde. Doch dieser Spruch zieht in der heutigen Zeit nicht mehr. Schliesslich gibt es ja eine geniale Erfindung, die das Problem vom kalten Essen in Windeseile beheben kann: die Mikrowelle. Die beiden Jungs rufen also ein kurzes “Wir kommen gleich!” herunter und widmen sich ganz offensichtlich wieder ihrer Pixel-Welt.

 

Da ich aber die Geduld verliere, kommt meine nächste Strategie ins Spiel: die Drohung. “Wenn ihr nicht innerhalb von drei Minuten hier unten seid, schmeisse ich eure Schnitzel weg.” Doch auch das nützt nichts und ich muss mich noch weiter steigern: “Ich halte die Schnitzel schon über dem Mülleimer.” Ich höre Schritte und will mich siegessicher zusammen mit den beiden Herren an den Tisch setzen. Doch so einfach soll es natürlich nicht sein. Die beiden rennen noch eine Weile um den Tisch und bekämpfen sich mit ihren Laser-Schwertern, während ich da sitze und nicht weiss, womit ich noch drohen könnte. Mein Schimpfen und meine Hinweise an die Familienregeln nützen in dieser Situation auch nichts mehr. Die beiden Jungs rennen weiter um den Tisch und irgendwann platzt mir der Kragen. Ich öffne meinen Mund um zu sagen: “Wenn ihr euch jetzt nicht sofort auf eure Stühle setzt, dann knallt-˜s!” Aus meinem Mund kommt aber: “Wenn ihr euch jetzt nicht sofort auf den Tisch setzt, dann knallt’s!” Auch wenn dieser Befehl in die Hose geht, so lässt er die Jungs innehalten. Sie schauen mich erstaunt an und ich schaue erstaunt zurück. Was soll ich jetzt bloss machen?

 

Als Autoritätsperson kann ich mich ja jetzt nicht selbst korrigieren oder gar über mich selbst lachen. Ich ziehe meinen Befehl durch: “Ihr habt gehört, was ich gesagt habe! Setzt euch auf den Tisch!” Leicht verwirrt nehmen sie Anlauf und platzieren sich auf dem Esstisch. “So, und da bleibt ihr jetzt sitzen bis wir fertig gegessen haben!”, ist meine Ansage, die sie mit grösstem Vergnügen durchführen. Was ich an diesem Abend lernte ist, dass Konsequenz und Autorität nicht unbedingt Hand in Hand laufen. Es ist schon faszinierend, dass ich als Au-Pair-Mädchen eine Position habe, die es mir erlaubt solche sinnlosen Befehle zu erteilen. Doch da die sinnlosen Befehle eine grössere Wirkung zu erzielen scheinen als die nachvollziehbaren, müsste man vielleicht öfter nach diesen Regeln spielen. Schliesslich hat man doch lieber zwei ruhige Kinder auf dem Tisch als zwei um sich schreiende Kinder neben dem Tisch.

 

Wasserflasche und Klamotten aus Belgien

Einige Tage nach dem Vorfall mit den beiden Touristen in Berlin bemerke ich enttäuscht, was an mir belgisch ausgesehen hat: Es ist nur meine Wasserflasche einer belgischen Marke gewesen, die in meinem Rucksack gesteckt hat. Also doch nicht eine belgische Ausstrahlung oder ein belgischer Gang, der mich verraten hat. Geprägt hat mich Belgien trotzdem. Es sind genau solche Situationen, wie diejenige mit dem Tisch, die mich haben wachsen lassen. Nun verlasse ich Brüssel mit zwei weinenden Augen und nehme einen Haufen Erinnerungen und Erkenntnisse mit. Dort lassen musste ich leider zwei volle Taschen mit Klamotten, da Brüssel einfach zu viele tolle Second-Hand-Geschäfte hat. Doch die beiden Taschen sind nur ein winziger Grund, warum ich Brüssel wieder besuchen werde.