Politik | 06.06.2012

Die Meteorologie der grossen Party

Von der "Bewegung 2. Juni" war nach der Demonstration die Rede, aber auch davon, dass die Jugend von heute nur noch mit Bier auf die Strasse zu bringen sei. Gegen 20'000 junge Menschen hatten am Samstag ihrem Feierbedürfnis in der Berner Innenstadt Ausdruck verliehen und getanzt. Eine Erklärung, warum es sich dabei um Politik gehandelt hat.

Reto Nause wirkt etwas übermüdet und zerzaust, als er dem Schweizer Fernsehen vor dem Berner Baldachin Auskunft darüber gibt, was gerade geschehen ist. Nause hat in Berns Gassen soeben eine ziemlich frische Frühlingsbrise gespürt, die ihm sein Sicherheitsdispositiv ebenso durcheinandergewirbelt hat wie seine Frisur. Auf die Frage, ob er denn das Bedürfnis der Demonstrierenden ernst nehme, entgegnet Nause, viele Tanzende seien wohl ohne politische Motivation zum Tanzfest erschienen.

 

Strategie zur politischen Bildung

Das stimmt nur bedingt, denn zumindest ein Teil der Demonstrierenden kommt aus dem links-libertären Umfeld. Der Anlass “Tanz dich frei” entstammt der antikapitalistischen Bewegung und noch an der vorletzten Ausgabe steckte eine gehörige Portion gesellschaftliche Fundamentalkritik im Protesttanz. Sicher entwickelte der Anlass vom Samstag eine Eigendynamik. Sicher wollten viele Jugendliche einfach dabei sein, auf der Welle mitreiten und Party machen. Das heisst aber nicht, dass deswegen keine politische Botschaft mehr vermittelt wurde. Trotzdem wurde gerade diese Lesart von den Meteorologen der Berner Sicherheitspolitik gewählt. Wohl in der Hoffnung, dass sich der Sturm der Entrüstung bei der Jugend schon sehr bald legen werde.

 

Fakt ist: Unpolitische Menschen können politisiert werden. Wenn Regierungsstatthalter Christoph Lerch den Vorplatz der Reitschule mit einer Polizeistunde belegen will, trifft er damit den Nerv eines Gutteils der Berner Partyjugend. Und es gibt nun mal kaum eine einfachere Möglichkeit, die Partyjugend zu mobilisieren, als ihr die Party zu streichen. In Zeiten der Spassgesellschaft hat die Stadt Bern also ein Modell gefunden, um junge Menschen, wenn auch nicht ganz, so doch wenigstens ansatzweise zu politisieren: Sie streicht ihnen den Ausgang. Die Strategie ist zumindest in einer Hinsicht erfolgsversprechend.

 

Mehr als Gassenpinkler und Müllschweine

Die Partybesucher setzten aber noch ein anderes Signal: Wenn gegen 20’000 junge Menschen zusammen Party machen, bedeutet das auch, dass es in Bern das Bedürfnis gibt nach einem vielfältigen Nachtleben und dass dieses Bedürfnis von gegen 20’000 jungen Menschen geteilt wird. Alleine mit ihrem Hinkommen haben sie diesem Bedürfnis am Samstag Ausdruck verliehen. Ob bewusst oder unbewusst haben sie damit auch ein politisches Statement abgegeben.

 

Egal, welcher Deutungsweise man sich bedient: Die Demonstration vom vergangenen Samstag war ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Berner Politik. Es bleibt abzuwarten, ob die Politik diesen Wink verstehen will oder nicht. Je nach Reaktion der Politik ist es gut möglich, dass aus der frischen Berner Frühlingsbrise ein derbes Sommergewitter wird.